100 Jahre nach 1984

2. September 2025

Keine 60 Jahre trennen unsere Gegenwart von der Dystopie Tomorrowland. Antonia Michaelis und Peer Martin haben ihren aufrüttelnden Jugendroman ganz bewusst im Jahr 2084 angesiedelt, 100 Jahre nach Orwells Klassiker 1984. Die Welt droht unbewohnbar zu werden, Küstenstriche sind untergegangen, das Inland droht auszutrocknen. Außerhalb Europas ist alles noch schlimmer. Und im wieder geteilten Deutschland droht ein neuer Krieg.

Die Partei

Dabei hatte die Partei, die so schön blau präsentiert, eine lebenswerte Zukunft versprochen. Allerdings nur deutschen Menschen. Die anderen, die als Flüchtlinge ins Land kamen, wurden in Lager gesteckt. Und Menschen, die sich nicht anpassen wollten, landeten in der JVA. Wie Hannes. Oder der „Prediger“, der ständig von einer besseren Welt faselt. Den Systemausfall nutzen einige Häftlinge zur Flucht – auch Hannes und der Prediger. Sie werden einander noch öfter begegnen.

Freunde

Doch zuerst trifft Hannes auf Moa, einen schwarzen Jungen, der es auf verschlungenen Wegen bis nach Deutschland geschafft hat. Die beiden fassen Vertrauen zu einander. Und dann ist da noch die „Prinzessin“, Greta-Anna, Tochter des deutschen Sicherheitschefs, weißblond und blauäugig. Sie versteckt die zwei Jungs in ihrem luxuriösen Elternhaus und flieht mit ihnen, als es brenzlig wird.

Flucht

Zu den drei Freunden gesellen sich noch die syrische Mutter Shirin mit ihrer Tochter Jaleh, später noch der russische Deserteur Sergej und Aaron Martin, früher ein erfolgreicher Autor. Doch Bücher von menschlichen Autoren gibt es nicht mehr, Bücher werden von der KI verfasst. Die Partei kommuniziert über einen „Globe“, und sie kann ihre Untertanen über einen implantierten Chip tracken. Den müssen die Flüchtenden möglichst schnell los werden.

Leben

Es ist die alte Geschichte von einer Gruppe von Freunden, die sich gemeinsam auf eine abenteuerliche Reise begeben und Gefahren bestehen – wie im Märchen oder im Herrn der Ringe. Antonia Michaelis und Peer Martin nutzen sie, um eine dystopische Welt zu skizzieren, deren beängstigende Friedhofsruhe durch Terror gegen Andersdenkende und Flüchtige erreicht wird. „Ich will nur leben“, sagt Hannes einmal. Auch Moa will leben –  wie Shirin und Jaleh, wie Sergej und die anderen.

Widerstand

Doch nicht alle überleben die abenteuerliche Flucht durch Europa. Denn die Partei arbeitet bereits an einer „Endlösung“.  Doch im Untergrund hat sich da bereits Widerstand formiert. Gibt es noch eine Chance für ein Leben ohne Unterdrückung? Dass es wieder so wird wie zu Aaron Martins Zeiten, glaubt nicht mal er. Aber vielleicht wird die Zukunft wieder menschlicher.

Hoffnung

Antonia Michaelis und Peer Martin zeigen mit ihrer Dystopie, wie gefährlich ein Rechtsruck werden, wie schnell sich das Land wieder in eine Diktatur verwandeln kann – auch dank moderner Technologie. Und sie zeigen die Folgen des Klimawandels, die inzwischen auch bei uns spürbar sind. Man hofft wider alle Logik mit Hannes, Moa und Greta-Anna. Denn die an der Macht haben alle Möglichkeiten. Aber sie haben nicht mit einem Gegner gerechnet, der die technologischen Grundlagen ihrer Macht zerstört…

Der Roman ist keine leichte Lektüre, am Ende gibt es eine Trigger-Warnung. Empfindsamen jungen Menschen könnte die Lektüre schlaflose Nächte bescheren. Sie könnte allerdings auch aufrütteln, zu mehr Engagement führen. Denn es muss ja nicht so kommen, wie es in diesem Buch steht.

Info. Antonia Michaelis/Peer Martin. Tomorrowland, Oetinger, 320 S., 16 Euro, ab 16

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