Im Bann des Tradwifes
Rezensionen , Romane / 28. August 2025

Hannah Lühmann ist Journalistin und hat sich intensiv mit dem Social-Media-Phänomen der Tradwives beschäftigt, also jener Frauen, die im Gegensatz zu modernen Feministinnen die alte Geschlechterrolle lebt. Ein Rollenbild, das für von Familie und Beruf überforderte Mütter durchaus eine Versuchung darstellen kann. Von dieser Versuchung handelt Hannah Lühmanns Roman „Heimat“. Alptraum der Spießigkeit Jana und Noah sind mit ihren beiden Kindern in eine Siedlung im Grünen gezogen, die sie schon bald als einen „Alptraum der Spießigkeit“ empfinden. Während der Lehrer Noah jeden Tag zu seiner Schule in die Stadt fährt, fehlen Jana die sozialen Kontakte. Sie hat ihren Job gekündigt und ist wieder schwanger.  Sie hadert mit der kleinbürgerlichen Umgebung, mit dem oft abwesenden Noah, dem Mutter-Stress. Die Superfrau Und dann erscheint Karolin – so schildert es Hannah Lühmann: Eine attraktive Frau mit blauen Augen und blonden Haaren, die Rilke aus dem Kopf zitieren kann und trotzdem ihre beiden kleinen Kinder problemlos im Griff zu haben scheint. Zu Hause habe sie noch drei weitere, verrät Karolin der verdutzten Jana, die schon bald davon überzeugt ist, in dieser Frau die perfekte Freundin gefunden zu haben. Perfekte Inszenierung Und perfekt ist auch Karolins Inszenierung als Tradwife auf Instagram: beim Kuchenbacken mit den…

Verhängnisvolles Schweigen
Rezensionen , Romane / 26. August 2025

Zaire – seit 1997 nennt sich das Land Demokratische Republik Kongo – feiert den 14. Jahrestag der Unabhängigkeit erlangt. Der Vater bringt im weißen Mercedes seine Familie zu einem Wohnsitz mit Pool. Wir sind im Jahr 1974 in Kinshasa. Und hier beginnt Christina Fonthes‘ aufwühlender Debütroman „Wohin du auch gehst“. Die Erinnerung Mira erinnert sich an den Jubel über die Unabhängigkeit von Belgien, das seine rohstoffreiche Kolonie brutal ausgebeutet hat. Und sie erinnert sich an eine Szene, die sich ihr buchstäblich eingebrannt hat: Stimmengewirr im Dunkeln, Rauch, eine leblose Gestalt an einem Holzpfahl, darunter verklumpte Autoreifen, aus denen Flammen züngeln. „Man hat sie zusammen erwischt, zwei Frauen“, erklärt die ältere Schwester Ya Eugenie dem jungen Mädchen. Unafrikanische Liebe Es ist eine Schlüsselszene. Denn in dem Debütroman der in Kinshas geborenen britisch-kongolesischen Autorin geht es auch um queere Liebe. „Unafrikanisch“ sei das, findet die in inzwischen in England lebende Mira, die sich nach schweren Schicksalsschlägen vom lebenslustigen Teenager zur bigotten Schwester Mireille entwickelt hat. „Wohin du auch gehst“ ist eine Familiengeschichte, in der die Frauen im Mittelpunkt stehen. Dabei folgt man den beiden Protagonistinnen durch vier Länder – Kongo, Belgien, Frankreich und England. Trost aus der Freikirche Die zweite Stimme neben…

Lust auf Berge und Seen
Reisebücher , Rezensionen / 26. August 2025

Sommer, Sonne, Ferien. Es muss nicht immer die große Reise sein. Auch Ausflüge in die Umgebung können überraschend und spannend sein. Die Bayern etwa haben nicht nur die Berge, sondern auch wunderschöne Seen vor der Haustür. Und der ADAC-Roadtrips-Band „Oberbayern mit Chiemgau“ macht Lust auf Spritztouren oder auch eine längere Sommerfrische. Da wird schon der Weg zum Ziel. Bayerische Genusslandschaft Nicht nur die hinten eingehängte Planungskarte hilft bei der Orientierung. Auch die Gliederung in fünf Kapitel zeigt gleich, wo‘s am besten langgeht. „Von See zu See“ zum Beispiel lädt dazu ein, die oberbayerische Seenlandschaft zwischen Starnberger See und Ammersee zu erkunden – mit Abstechern zu Staffel- und Kochelsee. „Bayerischen Genüssen“ – vor allem Hopfen und Spargel – ist man zwischen Wasserburg am Inn, Abensberg und Schrobenhausen auf der Spur. Nützliche App Alle Kapitel sind in drei Etappen unterteilt, die sich miteinander verbinden lassen. Je nachdem kann man auch die Touren der unterschiedlichen Kapitel miteinander kombinieren – mittels Querverbindungen. Dabei helfen die Umsteigepunkte mit QR-Code, über den man eine eigene Route festlegen kann. Wer dazu noch die ADAC Trips App heruntergeladen hat, findet die wichtigsten Sehenswürdigkeiten mit aktuellen Details. Außerdem hilft die App auch beim Navigieren. Im Wechsel der Jahreszeiten Wer…

Der Mann im Dunkeln
Rezensionen , Romane / 22. August 2025

Ingrid Noll ist ein Phänomen. Sie sitzt nicht nur mit fast 90 Jahren am Schreibtisch, sie versetzt sich für ihr neues Buch Nachteule  auch in die Zeit der Pubertät zurück. Denn Luisa, die Ich-Erzählerin, ist gerade mal 15 Jahre alt, als sie Tim kennenlernt. Schnell wickelt der Obdachlose das Mädchen um den Finger. Denn die brave Luisa, in der Schule als Streberin abgestempelt, sehnt sich danach, aus der kleinbürgerlichen Enge ihres Elternhauses auszubrechen. Die Adoptivtochter aus Peru Als sie ein Gespräch ihres Vaters über ein eigenes Kind mitbekommt, wird ihr wieder einmal deutlich, dass sie adoptiert ist – ein indigenes Mädchen aus Peru, eine Exotin. Lieben ihre Eltern sie überhaupt? Eigentlich geht es ihr gut, die Eltern sind wohlhabend, sie ist behütet in einem großen Haus am Waldrand aufgewachsen. Und sie ist ja auch auch dankbar dafür. Aber sie ist auch innerlich zerrissen. Zumal in dieser kleinen Familie nichts so richtig heil ist. Nachtsicht Alle scheinen auf ihre Rollen fixiert – und nicht nur Luisa träumt davon auszubrechen. Dabei kommt ihr eine ganz besondere Gabe zu Hilfe: Sie kann im Dunkeln sehen. Dabei kommt ihr Brechts Dreigroschenoper in den Sinn und die Zeilen „und man sieht nur die im Lichte,/Die…

Alptraum Alm
Reisebücher , Rezensionen / 22. August 2025

Das hatte sich Francesco Gubert ganz anders vorgestellt, als er als Senner auf eine Alm im Valsugana ging. Zurück zur Natur, zum echten Leben wollte er. Doch dann wurde dieser erträumte Almsommer zum Alptraum. Mit dem jungen Hirten hat Francesco von Anfang an Probleme. Und die Arbeit als Käser ist viel härter als er erwartet hat. Der Senn von der Nachbaralm hatte wohl Recht mit seiner Aussage: „Wenn man miteinander klarkommt, ist die Alm ein Paradies. Wenn nicht, ist sie die Hölle.“ Ein Höllentrip Für Francesco Gubert wird der Sommer auf der Alm zum Höllentrip. „Mach deinen Käse und bleib ruhig“, sagt er sich zwar, wenn der Frust zu groß ist. Aber das hilft nicht gegen den Stress mit dem Hirten und die harte Arbeit. Seine Hände werden rau vom Waschen des Käses, einzig das Kneten der Butter schafft Erleichterung. Für Francesco ist diese Beschäftigung auch eine Art Meditation, die ersehnte Rückkehr zu den einfachen Dingen. Doch das reicht nicht, zu viel hat sich angestaut, und Francesco fühlt nicht überfordert. Romantischer Traum In dem „Almtagebuch“ mit dem Titel „Weiche Butter, raue Hände“ schreibt er ehrlich über seine Empfindungen, seinen Frust, den Ärger mit dem Hirten, die Verbitterung. Bleiben oder gehen?…

Verloren im Vergessen
Rezensionen , Romane / 17. August 2025

Romy Hausmann weiß, wie man die Lesenden packt. 450 Seiten dick ist ihr neuer Krimi „Himmelerdenblau“ – und er bleibt spannend über den Schluss hinaus. Denn im Epilog, das kann man sagen, ohne zu viel zu verraten, tut sich ein neues Problem auf. Die verschwundene Tochter Da hat sich die Hauptperson dieses mit vielen Perspektiven spielenden Krimis schon verabschiedet: Theo, ehemals erfolgreicher Herzchirurg und Leiter einer Klinik, leidet unter Demenz und versucht verzweifelt, seine Erinnerung dem Vergessen zu entreißen. Vor allem die Erinnerung an die Tochter Julie, die vor 20 Jahren spurlos verschwand. Der Podcast Hilfe erhofft er sich von der jüngeren Tochter Sophia, die den demenzkranken und nach dem Krebstod der Mutter auch verarmten Vater im Alltag unterstützt. Und dann sind da noch Liv und Phil, das Pärchen, das mit seinem Podcast „Two Crime“ ziemlich erfolgreich ist und sich vom „cold case Julie“ einen Coup verspricht. Wer könnte Julie entführt und die kuriose Lösegeldforderung 30.000 Euro gestellt haben? War es wirklich der Ex-Freund Daniel, den Julies Vater vor 20 Jahren verprügelt hat? Verdächtige Perspektiven Und was ist mit dem Arzt, der Theo behandelt, angeblich ein Freund der Familie? Geschickt führt Romy Hausmann ihre Leser über die verschiedenen Perspektiven immer…

Erebos und die Galgenvögel
Rezensionen , Romane / 17. August 2025

Mit dem ersten „Erebos“-Band hat Ursula Poznanski vor 15 Jahren so etwas wie einen Meilenstein im Jugendthriller-Genre geschaffen und ihre Karriere als Thrillerautorin begründet. Ihr Roman über ein Spiel, das die Spieler bis ins reale Leben verfolgt und zu Marionetten macht, traf den Puls der Zeit. Wie auch Band 2, in der schon KI eingreift. Jetzt also Erebos 3 – noch dunkler und manipulativer als der Vorgänger. Es geht um die Frage: Wie weit bist du bereit zu gehen, wenn es um Leben und Tod geht? Nomen est omen Die Idee zum dritten Band habe sich „gewissermaßen aufgedrängt“, sagte Ursula Poznanski im Interview. Und: Sie habe die erneute Beschäftigung mit Erebos, Nick und Victor „ein bisschen wie nach Hause kommen“ empfunden. Im Gegensatz zu seiner Schöpferin will der erwachsene Nick nach den Erfahrungen mit Erebos am liebsten nichts mehr mit dem Spiel zu tun haben, das nicht zu unrecht den Namen des Gottes der Finsternis trägt. Die gegnerische Horde Doch da hat er seine Rechnung ohne Erebos gemacht. Das Spiel lässt ihm kein Eigenleben, es mischt sich überall ein, bringt seine Freunde in Gefahr und manipuliert Nicks Karriere als Fotograf. Zwar fühlt er sich zwischendrin durchaus angefixt von den Herausforderungen…

Märchenhafte Eskapaden
Reisebücher , Rezensionen / 12. August 2025

Die Deutsche Märchenstraße lädt seit einem halben Jahrhundert dazu ein, auf den Spuren der Gebrüder Grimm märchenhafte Orte zu entdecken. 600 Kilometer lang ist die zauberhafte Route durch malerische Fachwerkstädtchen und sagenhafte Wälder. Silke Kuri lädt mit 52 kleinen und großen Eskapaden zu einer Entdeckungsreise auf der Deutschen Märchenstraße – vom Denkmal der Gebrüder Grimm in ihrer Geburtstadt Hanau bis nach Bremen und den Bremer Stadtmusikanten. Märchen multimedial Schon am Startpunkt in Hanau kann man im Brüder-Grimm-Mitmach-Museum auf eine multimediale Reise durch sieben Märchen gehen oder jetzt im Sommer die Brüder-Grimm-Festspiele besuchen. Und im Märchenhaus von Alsfeld kann man in jedem Zimmer ein anderes Märchen sehen – und hören. Die Märchenerzählerinnen Die beiden Grimms haben sich die Märchen nicht selbst ausgedacht, sie haben sich die meisten erzählen lassen. Marie von Dalwigk etwa war eine der Märchenerzählerinnen. Ihre Geschichte „Die Wassernixe“ kann man spiegelverkehrt auf der Wasseroberfläche des Brunnen san der Märchenwache in Schauenburg lesen. Noch mehr Märchen hat Dorothea Viehmann erzählt, unter anderem das Märchen vom Froschkönig. Im Dorothea-Viehmann-Park in Oberzwehren sind jede Menge bekannter Märchenfiguren versammelt. Das gilt auch fürs „Frau-Holle-Land“ in Hessisch-Lichtenau, wo Kunstinstallationen das Märchen von der Gold- und der Pechmarie in Szene setzen. Ritter Rost und…

Strandleben
Reisebücher , Rezensionen / 12. August 2025

„Strandurlaub ist keine Reise im herkömmlichen Sinne: Wir wechseln einfach temporär unseren Wohnort,“ schreibt Stefan Maiwald in seinem Buch „Mein Leben am Strand“. Und: „Es ist kein Abklappern von Museen und Sehenswürdigkeiten, kein Selfie vor dem Schiefen Turm von Pisa oder den Niagarafällen.“ Für Maiwald, der den Sommer am liebsten auf einer Liege am Strand von Grado verbringt, ist „Reisen eine überschätzte, mit falscher Bedeutung konnotierte Tätigkeit“. Alltag am Strand Statt zu reisen beschäftigt sich Maiwald lieber mit dem Leben am Strand, mit den Menschen und ihrem Alltag. Mit Valentina und Ivano, Edo, Lara und Adriana, mit der Großfamilie nebenan und dem Cocobello-Mann. So ermöglicht er den Lesenden einen Blick hinter die Strandliegen – auf das wahre Leben. Und da tut sich so einiges: Liebesgeplänkel, Streitereien, ja sogar Kriminelles. Menschen am Strand Man erfährt auch so manche Hintergründe. Zum Beispiel, was Coco Chanel damit zu tun hatte, dass es plötzlich als schick galt, ans Meer zu fahren und sich zu sonnen. Oder dass der Bagnino keine Badeaufsicht ist, sondern ein „Strandabschnittsmanager“. Man liest diese sich an den vier Jahreszeiten orientierenden Betrachtungen mit einem Lächeln und – ja, das auch – einer wachsenden Sehnsucht nach Sonne und Strand. Lust auf  den…

Verloren in der Traveler-Welt
Allgemein , Rezensionen / 4. August 2025

Er ist unangepasst, oft auch unbequem, der Journalist und Filmemacher Hubertus Koch, genannt „Hubi“. 2016 hat er für seine Syrien-Reportage „Süchtig nach Jihad“ den Deutschen Fernsehpreis bekommen. Für seine kritischen Dokumentationen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Jetzt hat Koch sein erstes Buch veröffentlicht. „Lost Boy – Süchtig nach Leben“ nimmt die Lesenden mit in den Osten Europas, nach Bosnien, Albanien, Montenegro. Aber für den Autor ist dieser Trip, für den er ein One-Way-Ticket gebucht hat, auch eine Reise ins Innere. Der Putzerfisch Kurz vor seinem 30. Geburtstag ist er ausgebrannt, unzufrieden mit der Medienwelt, wütend über die Anforderungen der Leistungsgesellschaft und die Fake-Realität der Sozialen Medien. „Ich mache keinen Urlaub“, schreibt er, „ich laufe weg“. Als „Putzerfisch“ hängt er sich dabei immer wieder an Mitreisende, die wie er als Backpacker unterwegs sind – aber womöglich besser organisiert. Mit Joint und Handy Er sucht den Kontakt mit dem „echten Leben“, will auch mal „lost“ sein und stürzt sich dabei auch in gefährliche Situationen. Immer dabei der Joint und das Handy. Und obwohl er der Tourismusindustrie mehr als kritisch gegenüber steht, kann er nicht umhin festzustellen: „Touristen sind auch nur Menschen“. Manchmal sogar ganz vernünftige. Selfie-Süchtige Vernünftig ist er selbst eher selten. Er…