Zwischen gestern und morgen
Reisebücher , Rezensionen / 29. September 2025

Die Philippinen: „Ein Land mit 7641 Inseln, über 300 Vulkanen und mehr als 170 Sprachen. Ein Land mit unzähligen Stränden und über 115 Millionen Einwohnern.“ Und Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Joscha Remus ist fasziniert von diesem Land im Fernen Osten. In seiner „Gebrauchsanweisung für die Philippinen“ gelingt es ihm, die Lesenden mit dieser Faszination anzustecken. Land der Gegensätze „Die Filipinos,“ schreibt er, „assimilieren mühelos Hochglanzwelt und Armenviertel, Chaos und Ordnung.“ Diese Aussage untermauert Joscha Remus mit vielen Beispielen aus dem filipinischen Alltag, der zwischen christlicher Tradition und amerikanischem way of life pendelt, zwischen Luxus-Malls und winzigen Lädchen. Aber auch zwischen animistischen Ritualen und KI. Sozusagen zwischen gestern und morgen. Krokodileis und Adidas-Hähnchen Selbst beim Essen kann man auf dem Philippinen Abenteuerliches erleben, Krokodileis zum Beispiel oder Adidas-Hähnchen (die Hühnerfüße mit den drei Krallen). Joscha Remus war viel unterwegs zwischen den Inseln, hat viel gefeiert mit den feierfreudigen Menschen, aber auch viel Armut gesehen. Kein Wunder, dass so viele Filipinas und Filipinos außerhalb ihrer Heimat arbeiten. Vor allem als Seefahrer sind die Männer begehrt. Sprechender Kussmund Man erfährt jede Menge Hintergründe zu Land und Leuten, zu Geschichte und Kultur in diesem lesenswerten Büchlein. Wer kennt schon den Kussmund als Richtungsangabe?…

Das Schweigen der Mutter
Rezensionen , Romane / 28. September 2025

Andrea Sawatzki ist eine beliebte Schauspielerin und eine erfolgreiche Drehbuchautorin. Doch ihre Kindheit war alles andere als glücklich. Nachdem sie sich in Brunnenstraße  mit der Demenz ihres Vaters auseinandergesetzt hat, versucht sie im neuen Roman Biarritz  eine Annäherung an die Mutter, von der sie sich als junges Mädchen im Stich gelassen fühlte. Problematische Kindheit Und wieder ist dieser Rückblick auf eine problematische Kindheit schmerzhaft ehrlich. Die Mutter, inzwischen ebenfalls in die Demenz abgeglitten, fristet in einem Pflegeheim ein kaum lebenswertes Rest-Leben. Emmi kann nicht mehr kommunizieren. Bei ihren meist von schlechtem Gewissen begleiteten Besuchen erinnert sich die Tochter Hanna an ein Leben im Schatten der Demenz zwischen Hoffnung und Verzweiflung – und an das Schweigen der Mutter zu den Problemen der Tochter. Opfer der  Sprachlosigkeit Daran, wie der Traum von einem glücklichen Familienleben zerplatzte, weil der Vater schon an Alzheimer erkrankt war, als er nach dem Tod seiner ersten Frau die Geliebte und seine Tochter zu sich holte. Daran, wie sie mit der Verantwortung für den dementen und oft aggressiven Mann überfordert war. Wie sie sich von der ebenfalls überforderten Mutter allein gelassen fühlte und mit Trotz, ja auch Gewalt gegen den hilflosen Vater reagierte. Die Mutter verschloss sich, weigerte…

Wie du mir, so ich dir
Rezensionen , Romane / 28. September 2025

Zwischenmenschliches steht im Zentrum des neuen Romans von T.C. Boyle, der wieder auf Deutsch noch vor dem englischen Original erscheint. „No way home“ ( Kein Weg nach Hause), erzähle von der obsessiven Liebe von zwei Männern zu einer Frau, die sich nicht zwischen ihnen entscheiden mag, heißt es im Klappentext. Im Trumpland Aber der Roman aus Trumpland ist auch eine Beschreibung des amerikanischen Alltags in der Provinz. In Boulder City in Nevada hat der junge Assistenzarzt Terrence das Haus seiner Mutter geerbt. Bis er seine Abschlussexamen bestanden hat, muss sich Terry in Los Angeles mit wenig Geld und einer Bruchbude begnügen. Deshalb würde er das Haus am liebsten verkaufen. Aber dann stößt er auf Bethany, die sich nach einem One Night Stand kurzerhand bei ihm einquartiert. Bethanys Gift Ihr Freund Jesse, ein unengagierter Lehrer, hat sie verlassen. Und besser als im Container ist das alte Haus allemal. Auch den Hund von Terrys Mutter nimmt Bethany in Obhut. Gegen seinen Willen fühlt sich der junge Arzt immer mehr zu der schönen, wenn auch oberflächlichen Frau hingezogen. Ist sie wirklich „Gift“, wie Jesse warnt? Oder will der Ex den so plötzlich aufgetauchten Rivalen nur aus dem Weg haben. Denn jetzt will Jesse…

Ein Hoch auf die Hütten
Reisebücher , Rezensionen / 28. September 2025

Stefan Herbke ist seit Kindesbeinen ein Freund der Berge und der Hütten. Waren die Berghütten früher einmal ein Synonym für karge Ausstattung und Matratzenlager, haben sie sich heute großenteils zu gemütlichen Unterkünften gemausert. Sie bieten aber nicht nur ein Dach über dem Kopf und Speisen für hungrige Wandernde. Manche der Hütten überzeugen durch ihre außergewöhnliche Lage, andere durch spektakuläre Architektur oder durch eine ungewöhnliche Geschichte. Hütten mit Charakter Stefan Herbke hat diese alpinen Domizile besucht, er hat ihre Geheimnisse entdeckt und Menschen kennengelernt, die das Hüttenleben prägen. Nicht genug damit, der Alpinjournalist gibt zu den ausführlichen Hüttenporträts mit den wichtigsten Infos auch noch 66 Tourentipps. Doch in der Hauptsache geht es natürlich um die Hütten. Und die sind schon von außen höchst unterschiedlich: Aus Naturstein oder klassisch mit Schindeln verkleidet. Ganz modern aus Betonfertigteilen oder ganz alt aus Holz. Unter Denkmalschutz Es gibt viele Hütten mit modernem Komfort, aber ganz besonders edel ist die Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen mit den handgeschnitzten Leuchtern in der riesigen Empfangshalle. Die Erlanger Hütte in den Ötztaler Alpen steht sogar unter Denkmalschutz, auch wenn die früher vorhandene Dunkelkammer in ein kleines Lager umgewandelt wurde. Und die Bonner Hütte in den Villgratner Bergen erstand…

Was ist trendy beim Reisen 2026?
Reisebücher , Rezensionen / 28. September 2025

Trends gibt es nicht nur in der Mode, auch bei Reisen kann man Trends erkennen. Marco Polo zumindest glaubt, dass 2026 ganz bestimmte Städte, Regionen oder Länder ganz oben auf der Wunschliste der Reisenden stehen könnten. Zittauer Gebirge und Ulm Darunter sind auch einige Ziele in Deutschland. Unter „noch unentdeckt“ firmiert etwa das Zittauer Gebirge. Das kleinste Mittelgebirge Deutschlands könnte womöglich auch das unbekannteste sein, mutmaßen die Marco Polo Scouts, und schwärmen von verwunschenen Landschaften.  Als nachhaltig empfehlen sie das Baden-Württembergische Ulm wegen der „überdurchschnittlichen Innovationsdichte“ und „exzellenten Bedingungen für Start-ups“. Aber natürlich sollte man auch das Münster mit dem knapp 162 Meter hohen Turm besuchen. Drehorte und Geoparks Auch Fans von Drehorten kommen laut Marco Polo in Deutschland auf ihre Kosten. Set-Jetter können in Görlitz Drehorte von „Görliwood“ besuchen. Warum genau man im nächsten Jahr Regensburg unbedingt erleben sollte, wird nicht ganz klar – die Stadt ist wohl immer eine Reise wert. Neuen Glanz sieht der Trend Guide in den Geoparks. Von den insgesamt 19 haben es allerdings nur wenige ins Buch geschafft, darunter der Geopark Ries. Guimaraes und Birmingham 2026 wird Guimaraes Europas Umwelthauptstadt – Grund genug für eine Reise nach Portugal. Oder vielleicht auch nach Birmingham, das…

Im Meer der Zeit
Rezensionen , Romane / 17. September 2025

In Italien ist der Roman „Die Insel und die Zeit“ von Claudia Lanteri ein Überraschungserfolg, gar als literarische Sensation. Ihr Romandebüt ist eine Kriminalgeschichte, aber vor allem die Geschichte der Insel Linosa, die scheinbar aus der Zeit gefallen ist. Der Schiffbrüchige Der Erzähler ist Onofrio, genannt Nonò, ein 13-jähriger Bub. Oder ist er nicht eher ein alter Mann? Die Jetztzeit und die Erinnerung fließen in dem Roman in einander. Alles dreht sich um ein Ereignis, das Nonò sein Leben lang nicht loslässt: Ein Schiffbrüchiger namens Surico landet mit seiner toten Frau auf der abgelegenen Insel. Nonò ist elektrisiert, will helfen, die Tragödie aufzuklären. Seine Familie lebt mehr schlecht als recht von der Fischerei des Vaters. Mutter Angelina putzt und bügelt zusätzlich in der Kaserne und hat das Ohr am Maresciallo, der sich als Inselfürst aufspielt und die Untersuchung des Falles leitet. Das Mädchen Auf der Insel verrinnt die Zeit nur zäh. Alles scheint verlangsamt. Der Wissenschaftler, mit dem Nonó viel Freizeit verbringt und von dem er sich Antworten auf seine Fragen erhofft, verlässt den Ort genervt. Als ein kleines Mädchen im Rettungsboot aus dem Meer gefischt wird, sieht es nach einer Wendung in dem Fall aus. Die Kleine hat den…

Mit dem Vierbeiner über alle Berge
Reisebücher , Rezensionen / 13. September 2025

In 50 Tagen über die Alpen nach Verona – klingt machbar. Aber wie ist es, wenn man mit einem Vierbeiner über die Berge wandern will? Die Journalistin Nadine Regel hat ihren Ralfi, einen Portugiesischen Podengo, aus einem Tierheim geholt und gemeinsam mit ihm schon einige Touren im Camper unternommen. Die Alpen sind eine andere Herausforderung, doch nach einigen Berg-Wanderungen ist Nadine Regel überzeugt, dass Ralfi einen „siebten Sinn für Berge“ hat. Jetzt will sie bei einer Alpenüberquerung herausfinden, „wozu wir als Hund-Mensch-Team in der Lage sind“. Der Hund und seine Bedürfnisse Und so plant sie ihre ganz individuelle Route von München nach Verona für den Spätsommer. Dabei muss sie auch die Bedürfnisse des Begleit-Hundes mit einplanen – und die Tatsache, dass Hunde nicht überall willkommen sind. Vor allem Oberbayern hat Nadine Regel „als nicht besonders hundefreundlich“ erlebt. „Zum Beispiel ist Hunden der Zugang zu den bekannten Bergseen wie dem Kochel- und Walchensee aus hygienischen Gründen verwehrt.“ Immer mit im Gepäck sind Hundedecke, Hundegeschirr mit Haltegriff, Rettungsgeschirr und natürlich Futter und Wasser. Die Grenzen kennen Damit bei der Wanderung über alle Berge auch nichts schief geht, sollten Mensch und Hund ihre Grenzen kennen, rät Nadine Regel, die ihren Ralfi immer an…

100 Jahre nach 1984
Rezensionen , Romane / 2. September 2025

Keine 60 Jahre trennen unsere Gegenwart von der Dystopie Tomorrowland. Antonia Michaelis und Peer Martin haben ihren aufrüttelnden Jugendroman ganz bewusst im Jahr 2084 angesiedelt, 100 Jahre nach Orwells Klassiker 1984. Die Welt droht unbewohnbar zu werden, Küstenstriche sind untergegangen, das Inland droht auszutrocknen. Außerhalb Europas ist alles noch schlimmer. Und im wieder geteilten Deutschland droht ein neuer Krieg. Die Partei Dabei hatte die Partei, die so schön blau präsentiert, eine lebenswerte Zukunft versprochen. Allerdings nur deutschen Menschen. Die anderen, die als Flüchtlinge ins Land kamen, wurden in Lager gesteckt. Und Menschen, die sich nicht anpassen wollten, landeten in der JVA. Wie Hannes. Oder der „Prediger“, der ständig von einer besseren Welt faselt. Den Systemausfall nutzen einige Häftlinge zur Flucht – auch Hannes und der Prediger. Sie werden einander noch öfter begegnen. Freunde Doch zuerst trifft Hannes auf Moa, einen schwarzen Jungen, der es auf verschlungenen Wegen bis nach Deutschland geschafft hat. Die beiden fassen Vertrauen zu einander. Und dann ist da noch die „Prinzessin“, Greta-Anna, Tochter des deutschen Sicherheitschefs, weißblond und blauäugig. Sie versteckt die zwei Jungs in ihrem luxuriösen Elternhaus und flieht mit ihnen, als es brenzlig wird. Flucht Zu den drei Freunden gesellen sich noch die syrische…

Im Laufschritt um Großbritannien
Reisebücher , Rezensionen / 2. September 2025

Elise Downing hat etwas geschafft, was sie sich selbst nicht zugetraut hatte: Weil der Alltag nach dem Studium und eine toxische Beziehung sie frustriert, stürzt sie sich in ein Laufabenteuer. Auf Küstenpfaden will sie Großbritannien umrunden – rund 8.000 Kilometer im Laufschritt und ohne viel Erfahrung. In ihrem oft selbstironischen Buch „Küstenpfade“ erzählt sie, wie sie sich „durch ein großes Abenteuer hindurchgewurstelt hat“ – ohne zu wissen, wie man eine Karte liest oder ein Zelt aufbaut. Und sie warnt davor, es ihr nachzumachen. Nicht ganz ungefährlich Denn so ganz ungefährlich ist so ein Unterfangen nicht. Da lauern nicht nur aggressive Kühe, die Elise besonders fürchtet, da enden auch Wege im Nirgendwo, trifft man auf schräge Typen und kommt sich zwischendurch ziemlich verlassen vor. Und doch ist Elise Downing davon überzeugt, dass sie das Richtige gemacht hat. Aber nur, weil sie keine Verpflichtungen hatte und ein Elternhaus, „in das ich zurückkehren konnte“. Nicht nur das, Vater und Mutter begleiten sie teilweise auch auf den abgelegenen Pfaden. Mitläufer auf Zeit Auch jede Menge Freunde teilen hin und wieder die Lauf-Erfahrung und immer mehr Fremde, die von Elises Abenteuer im Netz gelesen hatten. So kommt es, dass sie in den ersten Monaten ganz…