Mit dem Roman „Sellemond oder von der Schwierigkeit, Touristen zu töten“ ist Josef Oberhollenzer gleich auf mehreren Ebenen ein Wagnis eingegangen. Schon der Titel provoziert. Und dann erst der Inhalt, der sich alles andere als leicht liest. Das liegt einerseits an der Vorliebe des Autors für Kleinschreibung, andererseits an der überbordenden Fülle der Anmerkungen. Die würde man des Leseflusses wegen zwar gern ignorieren, brächte sich dabei aber nicht nur um interessante Details sondern auch um ein paar Extra-Lacher. Ein Männergespräch Denn der Südtiroler Oberhollenzer, der sich hier ganz locker als Nestbeschmutzer outet, hat durchaus – schwarzen – Humor. Die Geschichte bezieht auch daraus ihre Würze. Eigentlich ist es kaum mehr als ein Gespräch zwischen zwei Männern, die sich nur oberflächlich kennen. Der Ältere, nur F. genannt oder auch Franz Richard, schreibt auf, was der jüngere Sellemond ihm anvertraut – meist im Konjunktiv. Und Sellemond ist nicht nur sehr gesprächig, er bringt auch eine ganze Riege von Geliebten in seinen Erzählungen unter. Da verliert man schon mal den Überblick, auch wenn Josef Oberhollenzer gleich zu Anfang des Buches eine Auflistung aller Personen gemacht hat. Nur Geduld! Wohin die weitschweifigen Gespräche führen werden, wird in einem Zeitungstext mit der reißerischen Titelzeile „Schon…
Das Jane Austen Jahr geht bald zu Ende, aber wohl nicht der Hype um die englische Autorin, die heute mehr denn je gefeiert wird. Zu ihrer Zeit – sie wurde am 16. Dezember 1775 in Steventon geboren – hatte es die Tochter eines kunstsinnigen Pfarrers allerdings nicht ganz leicht, Anerkennung zu finden. Ihre ersten Bücher erschienen denn auch nicht unter ihrem Namen, sondern mit dem Hinweis „by a lady“. Bath und die Bälle Würde Jane Austen heute all die jungen Frauen sehen, die ihre Bücher lieben und die daraus entstandenen Filme oder auch die an Austens Welt angelehnte Netflix-Serie Bridgerton, sie würde sich wundern. Vielleicht würde sie sich auch über das Jane-Austen-Festival ausgerechnet im von ihre ungeliebten Bath freuen. Immerhin ging sie gern auf Bälle – und die gab’s im noblen Bath zuhauf. Bridgerton-Schauplätze Antje Gerstenecker hat sich auf die Spuren der Schriftstellerin begeben, aber in ihrem Buch auch die Bridgerton-Drehorte mit aufgenommen. Das ermöglicht es ihr, so manches Herrenhaus zu besichtigen oder auch das reizvolle Clovelly zu besuchen, ja sogar den Keira- Knightley-Felsen im Peak District aus der Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“. Wo Jane Austen lebte Aber natürlich war Gerstenecker auch da, wo sich Jane Austens Leben abgespielt…
Da hat sich DuMont was Feines für die freien Tage über Weihnachten einfallen lassen: Fantastische Rätselreisen – Geschichten, Sudokos, Bilder- und Texträtsel, Quizfragen, Logeleien. Mit dem „Intergalaktischen Reisebüro“ geht‘s durch Raum und Zeit, zum Mond und wieder zurück. Und am Ende womöglich in eine Weltraum-Zukunft. Knifflige Aufgaben Über 200 Rätsel laden Freunde von Sputnik, Star Wars und Science Fiction dazu ein, ihre Kenntnisse zu Quantenphysik, Schwerkraft und Weltraum-Pionieren zu testen. Das kann ganz schön knifflig werden. Um Texte zu decodieren, aus einem Buchstabensalat Wörter zu formen oder um den Weg durch ein Labyrinth zu finden, braucht es Köpfchen, viel Allgemeinwissen und – hin und wieder – auch den Griff nach den Lösungen im hinteren Buchteil. Wie wär’s mit Klingonisch? Vielleicht hilft es aber auch, zusammen zu knobeln und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Auf der Reise durchs All begegnet man alten Bekannten wie Douglas Adams („Per Anhalter durch die Galaxis“), der Hündin Laika und Schrödingers Katze, ET und anderen Aliens, entdeckt neue Galaxien und alte Filme. Wer mag, kann sogar ein paar Brocken Klingonisch lernen. WA` heißt demnach „Gute Reise“ und die kann man allen wünschen, die sich über das Intergalaktische Reisebüro auf die fantastische Rätselreise durchs Universum begeben. Info …
Xavier Kieffer kann‘s nicht lassen. Der luxemburgische Koch, der eigentlich mit seinem kleinen Restaurant eine ruhige Kugel schieben wollte, muss schon wieder der Polizei Konkurrenz machen. Und weil sein Schöpfer Tom Hillenbrand sich den Koch ausgedacht hat, um Skandale im Gastrobereich zu thematisieren beispielsweise gepanschtes Olivenöl oder giftiger Honig, geht es auch diesmal um ein Genussmittel. Ein ganz besonderes: Champagner. Niedergang einer Dynastie Der inzwischen kriminalistisch versierte Koch kommt in „Verhängnisvoller Champagner“ nicht nur betrügerischen Machenschaften um den edlen Tropfen auf die Spur. Er muss auch den Tod eines Freundes und Rivalen aufklären und sich mit der ehemaligen Geliebten Fabienne auseinander setzen. Luc Raiser, früher als Sohn einer Champagner-Dynastie, Held der Köche-Clique, hat das heruntergewirtschaftete Champagner-Gut wohl am Rande der Legalität weiter geführt. Unterstützt wurde er dabei von seiner Frau, Kieffers Ex-Freundin Fabienne. Unfall oder Mord? Beide hat der Koch seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Doch auf einer Gastro-Messe trifft er den alten Freund wieder und willigt ein, sich mit ihm zu treffen. Kieffers Freundin Valerie ist nicht begeistert von der Aussicht, die Ex-Freundin zu sehen. Und dann stirbt Luc vor den Augen des Freundes, begraben unter einer Palette Champagner. Ein Unfall? Oder doch ein perfide geplanter Mord? Legendärer Gründungsmythos…
Die Veranstalter wissen: Nur mit Hotel, Strand oder Pool sind die wenigsten Reisenden zufrieden zu stellen. Gefragt sind einmalige Erlebnisse, Wow-Momente, die man vielleicht nur einmal im Leben hat. Der Bildband „Jetzt. Hier. Perfekt“ widmet sich solchen außergewöhnlichen Momenten und hilft dabei, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Damit kommt er zum Jahresende genau richtig. Denn über die Weihnachtszeit planen viele ihre Reisen fürs kommende Jahr. Warum also nicht einmal, eine Reise rund um ein Erlebnis ins Auge fassen? Johannisfeuer und Indian Summer In dem schön illustrierten Band sind die unterschiedlichsten Wow-Momente versammelt. Manche haben religiöse Hintergründe wie die Semana Santa z.B. im spanischen Malaga, die Heilig-Blut-Prozession in Brügge, die Johannisfeuer in den bayerischen Alpen, aber auch das Holi-Fest im indischen Vrindovon oder der Tanz der Derwische im türkischen Konya. Andere kehren alljährlich mit den Jahreszeiten wieder: das japanische Kirschblütenfesten Hamani etwa, die Lavendelblüte in der Provence, der Indian Summer in Nordamerika, die Tulplenblüte im niederländischen Keukenhof. Karneval und Oktoberfest Auch der Karneval in Venedig oder in Rio, der Mardi Gras in New Orleans oder die Basler Fasnacht, der Viehabtrieb im Allgäu, das Oktoberfest in München oder das Naadam-Festival in der Mongolei sind solche wiederkehrenden Ereignisse, die sich…
In seinem neuen Roman „Königin Esther“ bezieht John Irving dezidiert Stellung zum tragischen Konflikt im Nahen Osten. Der Roman erzählt von einem jüdischen Mädchen, das sich schon als Kind in die Tradition der jüdischen Königin Esther stellt, die einst ihr Volk vor der Vernichtung bewahrt hat. Die kleine Esther lebt im Kinderheim St. Clouds, das der aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ bekannte Dr. Larch führt. Sie ist ein eigensinniges Mädchen, das zu einer selbstbewussten, eigensinnigen Frau heranwächst, nachdem es von der freundlich-liberalen Familie Winslow adoptiert wurde – als Kindermädchen für die jüngste Tochter, Honor. Die Frucht einer Verschwörung Die beiden Mädchen werden engste Freundinnen und hecken miteinander eine erstaunliche Zusammenarbeit aus: Esther soll sich schwängern lassen und ein Kind austragen, das Honor großziehen will. So könnte die jüngste Winslow-Tochter ohne Sex zur Mutter werden. Die Frucht dieser Verschwörung ist James, genannt Jimmy, ein schüchterner Kerl, der behütet in der Großfamilie aufwächst und vom Großvater die Liebe zur Literatur, vor allem zu Dickens, geerbt hat. In Wien, wo er Deutsch lernen soll und darauf hofft, seine stets abwesende leibliche Mutter Esther kennenzulernen, wird Jimmy erwachsen. Wiener Antisemitismus Von Ferne lenkt Esther die Schritte des jungen Mannes, der davon träumt, Schriftsteller…
Eis in allen Formen und Farben ist die Leidenschaft des Regensburger Naturfotografen Stephan Fürnrohr. Um das Wesen des Eises auf Fotografien festzuhalten, ist ihm kein Weg zu weit, keine Anstrengung zu groß. Stephan Fürnrohr ist nach eigenem Geständnis „süchtig nach der Arktis“. Das Ergebnis dieser Sucht zeigt eindrucksvoll der großformatige Bildband „Vom Wesen des Eises“, zu dem der vielfach ausgezeichnete Autor und Mitbegründer der „Photographers Against Wildlife Crime“ Keith Wilson das Vorwort geschrieben hat. Der Lebenszyklus des Eises Besonders fasziniert ist Fürnrohr von der grönländischen Westküste, die er auf die unterschiedlichste Art und Weise erkundet hat. Dabei kam ihm die Idee einer Bildergeschichte über den Lebenszyklus des Eises – vom Entstehen über die im Meer treibenden Eisberge bis zu ihrem Vergehen „im Licht der Sonne des arktischen Sommers“. Fürnrohr legt Wert darauf, dass es sich bei allen Fotos im Bildband um „unmanipulierte Naturaufnahmen“ handelt – ohne die Hilfe künstlicher Intelligenz. Eisberge im arktischen Licht Tatsächlich wirken vor allem die Nahaufnahmen teilweise fast abstrakt, grafisch, wie Schraffierungen oder Pinselstriche auf einer weißen Oberfläche. Später kommt Blau als Kontrast hinzu. Dann durchleuchtet das arktische Licht kristalline Skulpturen, ehe sich majestätische Eisberge vor blauem, goldenem, schwarzem und grauem Himmel abzeichnen. Schließlich zerbröseln sie…
56 Jungs fliehen 1934 aus einer berüchtigten Strafkolonie auf einer bretonischen Insel. Alle werden wieder eingefangen, nur einer nicht – das ist der Ausgangspunkt von Sorj Chalandons mitreißendem Roman „Herz in der Faust“. Er erzählt in dramatischen Szenen von der Hölle eines Jugendknasts, von sadistischen Wärtern und zerbrochenen Kinderseelen. Er erzählt aber auch von einer Hexenjagd biederer Bürger auf Kinder, die schon den Dichter Jacques Prévert zu einem Gedicht in inspiriert hat. Auf Kinderjagd „Chasse à l‘enfant- Jagd auf ein Kind“, geschrieben 1934, handelt vom Aufstand jugendlicher Insassen im Straflager von Belle-Ile-en-Mer. Dort wurden jugendliche Straftäter aber auch Waisen drangsaliert, geschlagen, missbraucht. Am 27. August kam es zur Meuterei – und zum Ausbruch von mehr als 50 Insassen. Auf den Kopf jedes einzelnen wurden 20 Francs ausgesetzt – und nicht nur Einheimische auch Touristen gingen ohne Skrupel auf Kinderjagd. Mit den Augen von Jules 90 Jahre später hat sich der in Tunis geborene Sorj Chalandon dieser Geschichte noch einmal angenommen – und Prévert und sein Gedicht darin integriert. Chalandon erzählt aus der Perspektive eines fiktiven Insassen der Strafkolonie. Jules Bonneau, genannt Kröte, ist ein elternloser Minderjähriger, der schnell wütend wird und den die erlittenen Ungerechtigkeiten gewaltbereit gemacht haben. Aber er…
Es gibt kaum Schöneres an trüben Wintertagen, als sich in Kissen zu kuscheln, in einem Buch zu blättern und sich in andere Gefilde, ja andere Welten und Zeiten, zu träumen. Für solche Reisen im Kopf ist kaum ein Medium besser geeignet als ein Buch. Wir haben unter den vielen Neuerscheinungen dieses Jahres wieder ganz besondere Bücher ausgesucht, die zum Lesen, Schauen und Staunen einladen – und die sich auch unter dem Weihnachtsbaum gut machen. Lassen Sie sich verführen! Bücherhimmel Als Hommage an die Kraft des Lesens sieht lonely planet den fast schon nostalgisch wirkenden Bildband „Bücherschätze“, der in Texten und Fotos 50 außergewöhnliche Bibliotheken in aller Welt vorstellt. Da gibt es in Idaho die wohl kleinste Bibliothek in einer Pappel, werden in Äthiopien Bücher zu Pferde zu den Lesenden gebracht, in Kolumbien auf Eseln und in Oregon mit der Fahrrad-Rikscha. Da ruhen bibliophile Schätze im Katharinenkloster in der Wüste Sinai, bewahrt die Arts Bank in Chicago historische Artefakte, während in der Future Library Manuskripte bekannter Autorinnen und Autoren stehen, die erst 2114 zu lesen sein sollen. Einige der Bibliotheken sind schon Geschichte oder in ihrer Existenz bedroht. Deshalb gibt es seit 2023 in den USA online die Bibliothek der Verbotenen…
„Rebellinnen zu Fuß“ ist viel mehr als die Geschichte des Wanderns aus Frauensicht. Anneke Lubkowitz beweist anhand von elf literarischen Wanderinnen, dass Frauen schon früh den Mut hatten, sich den Konventionen zu widersetzen und ihre eigenen Wege zu finden. Und während sie über Sophie von La Roche und Mary Shelley, über Mathilde Anneke und Annette von Droste-Hülshoff, über Bettina Brentano, Else Lasker-Schüler oder Simone de Beauvoir und Octavia Butler schreibt, ist sie selbst auch unterwegs, erspürt die Natur auf den Spuren ihrer „Heldinnen“. Wanderin über dem Nebelmeer Am liebsten würde Anneke Lubkowitz den berühmten Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich durch eine Wanderin ersetzt sehen. Denn ihre literarischen Wanderinnen hatten durchaus das Zeug dazu, neue Wege zu beschreiten – entgegen aller Gepflogenheiten ihrer Zeit. Und so lernen die Lesenden auch unbekannte Seiten dieser weitgehend bekannten Schriftstellerinnen kennen. Frühe Bucket list Wir erfahren, dass Sophie von La Roche „keinem Mann nachtreten“, sondern ihre eigenen Erfahrungen machen wollte – auch wandernd. Wir lesen, dass für Bettina Brentano das Wandern Dichten ohne Worte war und das Abholzen alter Bäume ein unentschuldbares Sakrileg. Mary Shelley macht sich in ihrem Reisebericht „Streifzüge durch Deutschland“ über einen Engländer lustig, der dabei war, „seine sächsische…