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Rezensionen , Romane / 15. Januar 2026

Was ist mit Hedwig passiert? Christoph Poschenrieder forscht in der Familiengeschichte nach dem Schicksal seiner Großtante, die von den Nazis in der Psychiatrie ermordet wurde. Er zitiert aus den Tagebüchern von Hedwigs Schwester Marie, aus Personalakten, aus medizinischen Ratgebern und dem Buch „Das Weib als Jungfrau“. Irgendetwas muss geschehen sein, dass aus dem „ganz normalen Mädchen“, das lieber mit Bauklötzen als mit Puppen spielte, eine psychotische Frau wurde. Ein Opfer der Euthanasie „Die Hedwig, die haben wohl die Nazis auf dem Gewissen“, sagte Poschenrieders Großvater und legte damit den Keim für dieses Buch, in dem der Schriftsteller versucht, Hedwigs Lebensweg nachzuzeichnen. Als er auf einer „Liste der unnatürlichen Tode“ in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die 2018 ein Expertenteam veröffentlichte, den Namen der Großtante fand, war ihm klar, dass Hedwig eines der Münchner Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie war. Rekonstruktion eines Frauenschicksals Für sein achtes Buch hat der frühere Journalist gründlich recherchiert – auch in Bibliotheken und Archiven. Die Lücken in dem von äußeren Zwängen geprägten Lebenslauf hat der Schriftsteller mit Erfundenem gefüllt, dem „Kitt, der die sogenannten Fakten zusammenhält und manch gewagte Konstruktion stabilisiert“. Entstanden ist die beklemmende Rekonstruktion eines Frauenschicksals um die Jahrhundertwende. Hedwig hatte keine Chance auf ein…

Pistenglück und Freeride-Spaß
Allgemein , Reisebücher , Rezensionen / 15. Januar 2026

Sie sind allesamt gute, wenn nicht sehr gute, Skifahrer: Christoph Schrahe, Thomas Biersack und Stefan Herbke mögen es rasant und lieben auch die Herausforderung. Das prägt auch die Neuauflage ihrer „111 Skipisten in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Südtirol, die man gefahren sein muss“. Traumpisten für Könner Viele Traumpisten für Kenner und Könner sind darunter wie die legendäre Kandahar in Crans Montana, deren Namen auf den britischen Feldmarschall Earl Roberts of Kandahar zurückgeht. Die Gletscherabfahrt Morteratsch bei St. Moritz, wo die spektakulären Eisskulpturen am Schwinden sind. Oder auch die Nebelhorn-Talabfahrt mit der schwarzen Piste im Zentrum. Freeriden mit Standfestigkeit Das ultimative Freeride-Erlebnis verspricht – allerdings nur nach Neuschnee – das Mittagstal an der Sella mit einer „furchterregenden Einfahrt. Auch die markierte Route Golden Power in Sportgastein fordert mit dem Steilhang „Golden Rush“ Standfestigkeit im Steilhang. Mehr Genuss Doch nicht alle müssen sich in Steilhänge stürzen: Selbst die gefürchtete Streif hat auch eine Familienabfahrt, die heikle Stellen umgeht. Und zu den schönsten Pistenvarianten am Gottesackerplateau des Ifen gehört die einfachste, die blaue Piste. Eher genussreich ist auch die neun Kilometer lange Armentarola-Abfahrt in den Dolomiten, die entlang gefrorener Wasserfälle und imposanter Felswände führt. Ganz ohne Schnee Auch jenseits der Alpen warten…

Europas unbekannter Osten
Reisebücher , Rezensionen / 10. Januar 2026

Mag sein, dass der Titel „Als ich gegen Stalin im Armdrücken gewann“ ein paar Leute mehr dazu bringt, das Buch von Fredy Gareis zu kaufen. Doch er lenkt in eine falsche Richtung. Die Reise des Autors von Nord nach Süd entlang „des neuen Eisernen Vorhangs“ ist nämlich so viel mehr als ein schnöder Reisebericht von den Hotspots der Selfie-Generation. Er ist eine in dieser Zeit aufrüttelnde und wichtige Lektion in Geschichte. Keine Lehren aus der Geschichte Denn was derzeit in der Ukraine passiert, war längst schon angelegt. Es hat sich immer wiederholt. Und dass trotz all der schlimmen Erfahrungen mit Deportation, Folter, Unterdrückung und Manipulation wieder viele Menschen von den Vorteilen autokratischer Regierungen schwafeln zeigt, wie geschichtsvergessen die Menschheit ist – auch bei uns. Der Dünger für neue Konflike Umso wichtiger ist ein Buch wie das des belesenen Fredy Gareis, das nicht als akademische Vorlesung daherkommt, sondern im Erzählmodus eines Reisenden, den man gern begleitet. Und sein Fazit sollte allen zu denken geben, die trotz der russischen Aggression und trotz des Zulaufs für rechtsradikale Parteien noch unbesorgt in die Zukunft schauen: „Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und Europa blutend und geschunden am Boden lag, halfen ihr die Amerikaner…

Im Netz der Haɪmlɪk-App
Rezensionen , Romane / 4. Januar 2026

ElinaEines muss man Elina Penner lassen: Ihr Roman „Die Unbußfertigen“ ist am Puls der Zeit. Das Setting ist ein abgelegenes Herrenhaus, in das zehn Menschen, die das Internet erfolgreich gemacht hat, eingeladen sind. Es sind sieben Männer und drei Frauen: Natasch, eine junge Fitness-Influencerin mit dem berühmtesten Arsch und der festen Überzeugung, dass sie nur erntet, was ihr zusteht. Marco, ihr Freund und Manager. Der Rentner Klaus, der mit seinen bissigen Kritiken Hotels und Restaurants in den Ruin getrieben hat. Die Momfluencerin Anny, die skrupellos ihre Kinder vermarktet. Der Stalker Max, der Rechtsradikale Yannik, der Fuckboi Justin, der Macho Sergej. Schließlich Jutta, die sich im Netz als Madam Wisdom präsentiert und mit ihren esoterischen Ratschlägen vor allem Frauen vom oft lebensrettenden Arztbesuch abgehalten hat. Schuld und Sühne Sie alle sind Anhänger der App „Haɪmlɪk“, die alles andere als heimlich ist. Denn wer dort einen höheren Rang erreichen will, darf nichts verheimlichen, muss seine innersten Geheimnisse preisgeben. Das haben sie alle getan. Die Einladung von Haɪmlɪk zu einem exklusiven Wochenende sehen sie anfangs als Belohnung. Doch da liegen sie gründlich falsch: „Ihr habt furchtbare Dinge getan, für die man euch nicht schuldig sprechen kann“, hören sie eine KI-Stimme aus dem alten…