Der Westen aus Ost-Sicht
Reisebücher , Rezensionen / 30. März 2026

Viel wurde und wird über den Osten geschrieben. Aber „was ist eigentlich mit dem Westen?“ fragte der Verleger Gunnar Cynybulk, der 1985 mit 14 seinem aus der Haft freigekauftem Vater in den Westen nachgereist war. Aus der Frage entstand das Buch „Der Westen – eine ostdeutsche Empfindung“. Ein Buch zur rechten Zeit – auch für Touristen aus West und Ost. Das Trennende Denn Deutschland ist noch lang kein einig Vaterland – auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht. Noch immer trennen die Menschen im Osten und im Westen nicht gerade Welten, aber Erfahrungen und Ansichten. „Die ideale Wiedervereinigung hätte exakt die Republik hervorgebracht, die Westdeutschland für unsere Augen sein wollte“, schreibt Jakob Hein in dem Essay „Der im Osten erfundene Westen“. Traum und Realität Dieser Westen war bunt und schön und für DDR-Bürger unerreichbar. Ihre Vorstellung war geprägt vom Westfernsehen und von den Erzählungen der West-Verwandtschaft. Die seltenen Gäste aus Westdeutschland gaben den Ostdeutschen häufig das Gefühl, nicht gleichwertig zu sein, nicht auf der Höhe der Zeit. Sie wurden mit kleinen Geschenken abgespeist, man erkannte ihnen keine eigenen Errungenschaften zu, sie waren und blieben die armen Verwandten. Flucht in die Ferne Das prägte eine ganze Generation Ostdeutscher nach der Wende….

Liebeserklärung ans Lesen
Rezensionen / 26. März 2026

Von Seneca bis Virginia Woolf, von James Joyce bis zu Michael Köhlmeier, von der Bibel bis zur Romantasy: Meike Winnemuth hat für ihr neues Buch „Eine Seite noch – warum Lesen uns so glücklich macht“ einen Sommer lang alles gelesen, was ihr in die Finger kam. In ihrem Buch schreibt die leidenschaftliche Leserin über Berührendes und Kurioses, über Wissenschaftliches und Persönliches beim Lesen. Bücher unterhalten sie nicht nur, sie geben ihr Antwort auf die Fragen des Lebens: „Poesie ist die Lösung für das Unlösbare. Die Schönheit des Paradoxons, genau das ist Literatur.“ Die Welt im Buch In Tolstois „Krieg und Frieden“, das sie anders als den doch ziemlich sperrigen Ulysses lange vor sich hergeschoben hat, entdeckt Meike Winnemuth eine ganze Welt. Lesend versucht sie sich selbst auf die Schliche zu kommen, verliert sich in Thomas Manns „Zauberberg“ und begibt sich auf die Spuren von Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“. Kreativer Lese-Prozess Ihr Buch sieht sie als Liebeserklärung ans Lesen, das sie als kreativen Prozess versteht. Als einen Dialog zwischen dem Geschriebenen und den Lesenden, die ihre ganze eigenen Erfahrungen, Erwartungen, kulturellen Hintergründe mit einbringen. „Wir lesen mit unserem ganzen Erfahrungsschatz“, ist Meike Winnemuth überzeugt und: „Nie lesen zwei Menschen dasselbe Buch.“…

Mini und die Top Models
Kinderbücher , Rezensionen / 26. März 2026

Die achtjährige Mini schreibt ihre ganzen Sorgen in ein Logbuch. Und „Logbuch einer Himmelsstürmerin“ heißt auch das Buch, in dem Frauke Angel von Minis Sorgen und Leidenschaften erzählt und das Lilly L‘Arronge so toll illustriert hat. Das technische Wunder Die kleine Mini sieht sich selbst als „technisches Wunder“, denn sie verdankt es dem technologischen Fortschritt, dass sie und ihr minikleines Herz überlebt haben. Aber jetzt hat sie Herzschmerz. Sie vermisst ihre beste Freundin Silla, mit der sie ihre Leidenschaft für Roboter und Astronautik teilen konnte. Als Baby, das weiß Mini, war sie total verkabelt. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass sie zum Technikfreak wurde, denkt sie. Und bisher hat Silla immer mitgemacht bei Minis Unternehmungen, weil sie mal Astronautin werden wollte. Top Models und Läsches Doch Silla hängt inzwischen mit Cheyenne und Ludmilla ab, die mal Top Models werden wollen und Läsches haben. Mit ihre Gerede von überschlanken Models haben sie dafür gesorgt, dass Silla immer magerer wurde. Womöglich, fürchtet Mini, schrumpft auch das Gehirn der Freundin. Was dann? Auch Minis selbst gebastelter Roboter MT-One kann da nicht weiterhelfen. Dabei hat er sich doch schon mal gemeldet – auf einem Zettel in seiner Streichholzschachtel-Brust.  Aber eine Freundin kann…

Drei Frauen im Wandel der Zeit
Rezensionen , Romane / 25. März 2026

Drei Frauen, drei Generationen, drei Außenseiterinnen – davon die bei Stuttgart lebende Autorin Hannah Häffner in ihrem Romandebüt „Die Riesinnen“, das sie in einem fiktiven Schwarzwalddorf ansiedelt. Da, wo noch bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts strenge Sitten galten und Unangepasstheit gesellschaftlich geächtet war. Großmutter, Mutter und Enkelin, die Riesinnen, scheinen nicht in diese enge, ja engstirnige Dorfgemeinschaft zu passen. Zu groß sind sie, zu knochig, zu rothaarig. Gegen alle Umstände Hannah Häffner begleitet die drei Frauen durch die Zeit: Liese ist als Frau des Metzgers in ihrer Zeit und deren Konventionen verhaftet. Im Dorf ist sie Außenseiterin wie der Franz, mit dem auch niemand redet. Aber als sie nach dem überraschenden Tod des Ehemanns, der die Tochter schlug, mit Cora allein auf sich gestellt ist, wächst sie über sich selbst hinaus. Sie erkämpft sich und der Tochter ein selbstbestimmtes Leben – gegen das Dorf und die Umstände. Die Welt und das Dorf Anders als die Mutter ist Tochter Cora von Anfang an unangepasst, nimmt sich, was sie will. Sie will hinaus aus der dörflichen Enge, wo keine Freunde hat. Sie will die Welt erobern, sich selbst er-spüren. Ihre Rückkehr ist nicht freiwillig, aber sie knüpft an die…

Rebell mit Fell
Rezensionen , Romane / 16. März 2026

„Ich rebelliere!“, ruft das Känguru als es in die Küche kommt. „Aha“, sage ich, „wogegen rebellierst du denn?“ „Gegen die Zustände“ „Verständlich“, sage ich „gerade zu löblich.“ Ein Känguru rebelliert gegen den Kapitalismus – und wird zum Bestseller. Das berühmte Beuteltier von Marc-Uwe Kling ruft im fünften Band zur Rebellion auf und fordert Frührente für Merz, Putin, Lukaschenko, Erdogan, Orban, Netanjahu… Chamenei ist auch dabei. Schließlich konnte das Känguruh nicht wissen, dass Israel den iranischen Machthaber töten würde. Sonst weiß es natürlich (fast) alles, zum Beispiel über den Kapitalismus und die Profitinteressen. Die Trump-Show Oder über die Trump-Show: „Trump ist ein Typ, der die Präsidentschaft in beispielloser Manier nutzt, um sich selbst zu bereichern. Einer, der sich von Katar einen goldenen Jet schenken lässt, während seine paramilitärischen Truppen mit Gewalt Großeltern von ihren Enkeln trennen. Der den Ostflügel des Weißen Hauses abreißt, um sich einen goldenen Tanzsaal bauen zu lassen, während seine Schergen im Kongress Millionen von Amerikanern die Krankenversicherung rauben. Der seine eigene Kryptowährung erfindet, damit man ihn besser schmieren kann, während die Lebenshaltungskosten für alle anderen auf Grund seiner willkürlichen Zölle und der daraus resultierenden Inflation immer weiter steigen.“ Rebellieren, aber wie? Die Liste ist noch um einiges…

Bansky und wie er die Welt sieht
Reisebücher , Rezensionen / 16. März 2026

Er gehört zu denen, die Kunst neu definieren: Bansky will mit seiner Street Art die Kunst in den Alltag bringen. Seine Graffiti gelten als revolutionärer Akt – und sie finden sich weltweit, wie dieser fantastische Bildband „Banksy Global Guide“ zeigt. Luca Greco lädt in dem Guide dazu ein, ihm auf eine Reise um die Welt auf Banskys Spuren zu folgen. Diese Spuren zu finden, ist nicht immer einfach, denn viele Werke sind inzwischen verloren, verschwunden wie die Mauern, auf die Bansky sie gesprayt hatte. Trotzdem gibt es in dem Guide Karten, mit deren Hilfe man die noch erhaltenen Graffiti finden kann. Auch QR-Codes helfen dabei. Teddy mit Molotowcocktail Doch der Guide bietet noch mehr: Informationen zu den grundlegenden Themen des Künstlers, dessen Werdegang ebenso immer noch im Dunkeln liegt wie seine Identität. Vielleicht hat ja alles wirklich in Bristol begonnen. Jedenfalls beginnt die Reise hier mit dem Teddybär, der einen Molotowcocktail in der Pfote hält und dem Paint Pot Angel, der Engelskulptur, der Bansky einen roten Farbeimer über den Kopf gestülpt hat. Girl with Balloon Weiter führt die Reise über London, wo Bansky seine Spuren in allen Stadtvierteln hinterlassen hat. Unter anderem mit einer Karikatur der Royals und einer Abbildung…

(K)eine von uns
Rezensionen , Romane / 16. März 2026

Amelie Fried hat in früheren Romanen auf ihre Familiengeschichte zurück gegriffen. In ihrem neuen Roman „Eine von uns“ geht  es um aktuelle Trends und Gefahren – vor allem für Frauen. „Happy wife, happy life“: Nelly setzt ihr komfortables Leben in einer reichen Blase auf Instagram in Szene. Tradwife nennt man Frauen wie sie, die Mutter- und Hausfrau-Sein propagieren wie in den 50er-Jahren. Nelly wünscht sich nichts anderes. Sie ist tatsächlich happy mit dem erfolgreichen Tom, mit ihren Töchtern Cleo und Emma und der luxuriösen Villa, in der die Familie lebt. Eine Ausbildung hat sie nicht, hatte sie auch nicht nötig, wie ihr Vater meint. Schließlich hat das Mädchen aus der Provinz mit dem erfolgreichen Wirtschaftscoach Tom ihren Prinzen gefunden. Ein Sturz und der Absturz Ihr Prinzessinnendasein hinterfragt Nelly nicht. Sie fühlt sich zugehörig zu den Schulmuttis aus den teuren Villen der Nachbarschaft. Auch die Töchter haben sich an das bequeme Leben ohne Geldsorgen gewöhnt, das Tom ihnen ermöglichte. Doch dann ändert ein Sturz vom Rad alles. Tom verfällt in eine Art Wachkoma – akinetischer Mutismus ist die beunruhigende Diagnose. Nicht genug damit, Nelly muss auch feststellen, dass sie pleite ist und Tom sogar ihr Haus verkauft hat. Doch es dauert,…

Rein ins volle Leben
Reisebücher , Rezensionen / 16. März 2026

„Einfach mitten hinein in das Lebensgefühl der Stadt!“ wollen die neuen DUMONT Direkt Reiseführer. Die Reihe setzt auf Individualität statt Mainstream, auf entschleunigtes Entdecken statt reiner Faktenfülle. Die Nummer zwei unter den Kompaktreiseführern präsentiert sich 2026 grundlegend erneuert – in Gestaltung, Struktur und inhaltlicher Ausrichtung. Runderneuerte Städteführer Das zeigt sich schon am Cover mit dem verschlungenen Wegemotiv, das schon auf die 15 Direktkapitel hinweist. 30 Stadtbände sind schon auf dem Markt, darunter Amsterdam, New York, Paris und Rom. Aber auch kleinere und nicht weniger attraktive Städte wie Leipzig, Salzburg oder Triest. Informative Doppelseite Typisch für alle Bände ist die neue Doppelseite „Direkt ankommen“ mit praktischen Tipps. Auf dem ebenfalls doppelseitigen Kompass finden sich die passenden Seitenzahlen. Auch die Quartierpläne auf den Seiten sind mit den Buchinhalten verknüpft, ebenso der faltbare Stadtplan. Auf gerade mal 120 Seiten finden sich hier die wichtigsten Informationen, Anregungen und Tipps für einen anregenden und aufregenden Städtetrip. Viel Insiderwissen Zum Beispiel Triest: Annette Krus Bonnaza mag nach eigenen Worten die „alltagscharmante“ Stadt mit dem multikulturellen Flair, Europas größtem Stadtplatz am Meer, den wildromantischen Felsenbuchten und den an Wien erinnernden Kaffeehäusern. Folgt man ihr auf die 15 Wege, bekommt man einiges an Insiderwissen geboten. Etwa über den…

Mehr Respekt für Tiere und Pflanzen
Reisebücher , Rezensionen / 9. März 2026

Dass sich Nicola Förg im Schlusswort zu ihrem informativen Buch „Landwissen“ selbst als „Bauerntrampel am Alpenrand“ bezeichnet, kann man getrost unter dem Etikett Koketterie abspeichern. Die Reisejournalistin und engagierte Tierfreundin hat sich längst als Krimi-Autorin einen Namen gemacht. Dass sie als Landei wieder auf dem Land lebt, verschafft ihr allerdings den unschätzbaren Vorteil, die Auswüchse der Freizeitindustrie vor der Haustür beobachten zu können. Selfie-Unkultur Daher also ein Knigge für alle, die in der Natur unterwegs sind. Mit vielen Anregungen zum guten Umgang mit Flora und Fauna und viel Kritik an der heutigen Selfie-Unkultur. Aus gutem Grund. Denn immer mehr Menschen überrennen rücksichtslos sensible Naturlandschaften in den Alpen und hinterlassen Müll und Schlimmeres. Sie parken auf Privatgrund, auf Wiesen und Forstwegen, verschrecken Wildtiere in den Wäldern und Rinder auf ihren Weiden. Sie zertrampeln ahnungslos kleine Biotope, die für den Fortbestand von Insekten überlebenswichtig sind. Zumutungen für die Tiere Nicola Förg schreibt mit viel Herzblut über Mistkäfer und Murmeltier, über Geier und Gämsen. Den Trend, draußen zu übernachten sieht sie ebenso kritisch wie Nachtwandern. Nicht einmal nachts könnten sich die Tiere in ihrem natürlich Habitat sicher fühlen, ärgert sich die Tierfreundin. Und zählt auf, was untertags schon eine Zumutung für Wildtiere ist:…

Waisenkind auf Abwegen
Rezensionen , Romane / 9. März 2026

Waisenkind von Galit Dahan Carlibach ist ein widerspenstiger Roman, den man sich erst erschließen muss, ehe er einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Die israelische Autorin ist in Sderot, Aschdod und Jerusalem aufgewachsen und kennt das Land von innen. Ihr Roman Waisenkind ist auch ein Porträt dieser sehr zwiespältigen Gesellschaft. Schlimme Erfahrungen Die junge, rothaarige Avital wächst in mehr als prekären Verhältnissen auf dem Land bei den Großeltern auf. Keine gute Ausgangsbasis: Die Großmutter ist Alkoholikerin, der Großvater pädophil. Kein Wunder, dass Avital da Reißaus nimmt. Allerdings schlittert das junge Mädchen auf der Suche nach ihrem unbekannten Vater von einem Desaster ins nächste, wird missbraucht und alkoholabhängig. Große Veränderung Erstaunlich , wie resilient Avital trotz aller Rückschläge ist. Das liegt womöglich auch an den wenigen Menschen – in dem Fall vorwiegend Männern – die ihr ohne Hintergedanken helfen. Und dann tritt der alte, reiche Achituv in ihr Leben, und von einem Tag auf den anderen ändert sich alles. Suche nach dem Vater Klingt schon nach happy end? Doch das ist es nicht. Denn da kommt Ramon dazwischen, der charismatische, rothaarige Mann von Achituvs Tochter. Das muss ihr lang ersehnter „Lear“ sein, glaubt Avital. Lear, so nennt sie…