Mit dem Roman „Sellemond oder von der Schwierigkeit, Touristen zu töten“ ist Josef Oberhollenzer gleich auf mehreren Ebenen ein Wagnis eingegangen. Schon der Titel provoziert. Und dann erst der Inhalt, der sich alles andere als leicht liest. Das liegt einerseits an der Vorliebe des Autors für Kleinschreibung, andererseits an der überbordenden Fülle der Anmerkungen. Die würde man des Leseflusses wegen zwar gern ignorieren, brächte sich dabei aber nicht nur um interessante Details sondern auch um ein paar Extra-Lacher.
Ein Männergespräch
Denn der Südtiroler Oberhollenzer, der sich hier ganz locker als Nestbeschmutzer outet, hat durchaus – schwarzen – Humor. Die Geschichte bezieht auch daraus ihre Würze. Eigentlich ist es kaum mehr als ein Gespräch zwischen zwei Männern, die sich nur oberflächlich kennen. Der Ältere, nur F. genannt oder auch Franz Richard, schreibt auf, was der jüngere Sellemond ihm anvertraut – meist im Konjunktiv. Und Sellemond ist nicht nur sehr gesprächig, er bringt auch eine ganze Riege von Geliebten in seinen Erzählungen unter. Da verliert man schon mal den Überblick, auch wenn Josef Oberhollenzer gleich zu Anfang des Buches eine Auflistung aller Personen gemacht hat.
Nur Geduld!
Wohin die weitschweifigen Gespräche führen werden, wird in einem Zeitungstext mit der reißerischen Titelzeile „Schon wieder ein Gipfelmord!“ angedeutet. Doch es dauert, bis Sellemond darauf zu sprechen kommt: „ich komm schon zum punkt, Franz Richard, nur geduld“, sagt er so ziemlich in der Mitte des Buches. Und deutet auch an, wie es weitergehen wird: „und also ich hab den tourismus, diese falsche gasthuberei hab ich halt schon lang mehr als satt gehabt, oversatt.“
Die Heimsuchung
Die ständig steigenden Tourismuszahlen, die die Tourismuswirtschaft als Erfolg bejubelt, sind für Sellemond – und sicher nicht nur für ihn – eine „Heimsuchung“. Und so fasst er nach nächtlicher Grübelei einen Plan: „… er werde die touristen, habe er dacht, die ‚fremm‘ werde er von den bergen schießen, einen nach dem anderen, dass vielleicht endlich doch eine ruh ist hierzuland, daß unsereiner endlich wieder platz hat und ein sein‘“.
Sensationslust
Doch so leicht wie er sich das ausgemalt hat, lässt sich der Plan nicht verwirklichen. Schließlich wird hier von der Schwierigkeit erzählt, Touristen zu töten. Jedenfalls scheitert Sellemond zwei Mal spektakulär, weil andere ihm die Arbeit abgenommen haben. Und dann passiert etwas für ihn Unvorstellbares: Die Schüsse schrecken niemanden ab. Im Gegenteil, jetzt erst recht erklimmen ganze Massen die Berge – getrieben von Sensationslust. Und ein Einheimischer spekuliert schon, hinter den Schüssen stecke die Tourismuswirtschaft, denn „so eine Werbung derzahlst du ja sonst nicht“.
Und Sellemond? Wie es weitergeht und wie es zu einem Erweckungserlebnis kommt, soll hier nicht erzählt werden. Selber lesen lohnt sich!
Info. Josef Oberhollenzer. Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten, folio, 282 S., 26 Euro
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