Was ist mit Hedwig passiert? Christoph Poschenrieder forscht in der Familiengeschichte nach dem Schicksal seiner Großtante, die von den Nazis in der Psychiatrie ermordet wurde. Er zitiert aus den Tagebüchern von Hedwigs Schwester Marie, aus Personalakten, aus medizinischen Ratgebern und dem Buch „Das Weib als Jungfrau“. Irgendetwas muss geschehen sein, dass aus dem „ganz normalen Mädchen“, das lieber mit Bauklötzen als mit Puppen spielte, eine psychotische Frau wurde.
Ein Opfer der Euthanasie
„Die Hedwig, die haben wohl die Nazis auf dem Gewissen“, sagte Poschenrieders Großvater und legte damit den Keim für dieses Buch, in dem der Schriftsteller versucht, Hedwigs Lebensweg nachzuzeichnen. Als er auf einer „Liste der unnatürlichen Tode“ in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die 2018 ein Expertenteam veröffentlichte, den Namen der Großtante fand, war ihm klar, dass Hedwig eines der Münchner Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie war.
Rekonstruktion eines Frauenschicksals
Für sein achtes Buch hat der frühere Journalist gründlich recherchiert – auch in Bibliotheken und Archiven. Die Lücken in dem von äußeren Zwängen geprägten Lebenslauf hat der Schriftsteller mit Erfundenem gefüllt, dem „Kitt, der die sogenannten Fakten zusammenhält und manch gewagte Konstruktion stabilisiert“. Entstanden ist die beklemmende Rekonstruktion eines Frauenschicksals um die Jahrhundertwende. Hedwig hatte keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.
Familiäre Zwänge
Der frühe Tod des Vaters, eines Gymnasialprofessors mit größeren Ambitionen, zwingt die musikalisch interessierte Hedwig dazu, Lehrerin zu werden, um Mutter und Geschwister zu unterstützen. Dass die beiden Söhne studieren würden, nimmt sie als ebenso selbstverständlich hin wie die Tatsache, dass ihre Schwester Marie für die kränkelnde Mutter den Haushalt führen muss.
Beichtfimmel und Arbeitsunfähigkeit
Damals gilt noch das „Lehrerinnen-Zölibat“. Hedwig fügt sich, entwickelt aber eine Art „Beichtfimmel“ und wird trotz einer erstaunlichen Karriere bis zur Studienrätin schwermütig. Schließlich wird das „Fräulein Hedwig“ vom Schuldienst suspendiert und kehrt nach einer Einweisung in die Nerven-Klinik heim zu Mutter und Schwester. Sie bleibt arbeitsunfähig, gibt hin und wieder Nachhilfe-Unterricht, verwahrlost aber zunehmend.
Das Todesurteil
Weil sie im letzten Kriegsjahr immer auf- und ausfallender wird, wird die 60-Jährige in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen. Sechs Wochen später ist sie tot.
Die Anklage
Der Großneffe verbindet mit seinem Buch eine Anklage gegen die damaligen Ärzte und das Pflegepersonal, die Hedwig zugrunde gehen ließen, um den „Volkskörper“ von dieser „Ballastexistenz“ zu befreien. Poschenrieder klagt aber auch die katholische Kirche mit ihren damals rigiden Moralvorstellungen an – und er verschweigt auch nicht, dass sich die Familie am Ende kaum um die Kranke gekümmert hat.
Zerstörtes Leben
Fräulein Hedwig ist ein so beklemmendes wie wichtiges Buch. Zeigt es doch, wie Vorurteile und Zwänge ein Leben zerstören können. Von Anfang an fremdelt Hedwig mit der Aussicht auf den – zölibatären – Lehrerinnen-Beruf: „Seit Jahren hat sie nichts anderes gehört, als dass es ihre eigentliche und einzige Aufgabe sei, aus dem Stande der Jungfrau in den Stand der Gattin und dann alsbald in den der Mutter überzugehen. Und dass es ein Unfall ist, im Zustand der Jungfrau zu verharren und als alte Jungfer zu sterben.“
Noch beklemmender sind die Passagen, die sich mit dem Denken hinter der Euthanasie befassen, dem „Unwert“ der Patienten, die für die Angehörigen nur eine Last seien. „Fräulein Hedwig“ ist ein Buch, das lange nachwirkt. Genau das hat Christoph Poschenrieder wohl auch bezweckt.
Info. Christoph Poschenrieder. Fräulein Hedwig, Diogenes, 318 S., 15 Euro
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