Alle Macht der KI

10. November 2025

Als der „Multipurpose Artificial Mind“, kurz MAM, von einem Wissenschaftler in unruhigen Zeiten zum Leben erweckt wird, hoffen alle auf eine bessere Zukunft. MAM sollte das große Ganze im Blick haben, Kriege und Katastrophen verhindern, die bis dahin schon einen Großteil der Erde unbewohnbar gemacht haben.

Düstere  Zukunftsvision

Melissa C. Hill erzählt in „Evermind – Sie kennt dich“ von einer Zeit weit in der Zukunft: In 200 Jahren leben Menschen in einer unterirdischen City, sie kennen kein Tageslicht, keine frische Luft. Sie kennen auch keine Eltern, keine Familie. Nur MAM, allwissend, allmächtig. Die künstliche Intelligenz wacht über sie, bestimmt ihr Leben. Fragen stellt man besser nicht, wie Livia erfahren muss.

Simulierte Realität

Gerade 16 geworden, ist sie wie ihre Altersgenossinnen und -Genossen zur Do-it befördert worden – als Mitarbeiterin in der Krankenpflege. Obwohl MAM behauptet, alle von Kindesbeinen an zu kennen mit ihren Vorlieben und ihren Talenten, ist Livia überzeugt davon, im falschen Departement gelandet zu sein. Aber Auszeiten in einer simulierten Realität versöhnen sie immer wieder mit ihrem Alltag.

Fakes und Zweifel

Und doch beschleichen sie immer mehr Zweifel, die sich noch verstärken, als sie erfährt, dass die vermeintliche Freundin nur ein Fake war, das ihr aus einer Depression helfen sollte. Livia beginnt, Dinge zu hinterfragen, die ihr bisher selbstverständlich waren. Dabei wird sie von Cassian unterstützt, einem verschlossen wirkenden Jungen, der eine ganz eigene Geschichte hat. Er weiß, dass vieles ganz anders ist als MAM suggeriert. Als ihre geliebte Betreuerin nach einem Schlaganfall spurlos verschwindet, kann Livia ihr Misstrauen nicht mehr zügeln. Sie wird strafversetzt, lernt da aber neue Schicksale kennen, die ihre Zweifel bestärken.

Unwertes Leben

Mit Hilfe von Cassian kommt sie mit einer anderen Realität in Kontakt, erfährt, dass oberirdisch durchaus Leben möglich ist – wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Und sie erfährt auch, wohin ihre Betreuerin verschwunden ist. Dahin, wo MAM all diejenigen entsorgen lässt, die nicht mehr voll funktionsfähig sind.

Wie Livia und Cassian dem System entkommen und anderen dabei helfen zu überleben, liest sich spannend, wobei man bei der Lektüre nicht allzu viel Wert auf Logik legen sollte. Auch die Beschreibung der Simulationen und Livias echten Gefühlen sind nicht einfach nachzuvollziehen oder auch nur auseinenderzuhalten. Und man wüsste doch zu gern noch ein bisschen mehr. Etwa darüber, woher Livia und all die anderen kommen.

Beklemmende Vorstellung

Andererseits beschreibt Melissa C. Hill die Gefahr durch eine allwissende KI, die noch dazu mit einer melodiösen, mitfühlenden Stimme ausgerüstet ist, mit beklemmender Intensität. „Evermind“ zeigt, dass gut gemeint nicht immer gut ist und sollte allen eine Warnung sein, die KI unterschätzen.

Info. Melissa C. Hill. Evermind, Oetinger, 448 S., 18 Euro, ab 14

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