Auf die Freundschaft

17. November 2025

Stefan Hertmans hat ein Faible für alte Häuser und verwilderte Gärten. Das kommt auch in seinem neuen Roman „Dius“ zum Ausdruck, in dem die Häuser und ihre Umgebung das Seelenleben der Protagonisten spiegeln. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zweier ungleicher Männer. Der Icherzähler Anton ist ein mäßig erfolgreicher Kunst- und Literaturdozent, sein Student Egidius de Bläser, genannt Dius,  ein charismatischer, sprunghafter Typ, der gut bei Frauen ankommt. Trotzdem ist es dieser schwarzgelockte Dius, der seinem Dozenten die Freundschaft nahezu aufnötigt.

Zuflucht auf dem Land

Widerwillig lässt sich Anton darauf ein. Er befindet sich gerade in einer Beziehungskrise, die der Doktorarbeit, die er schreiben will, nicht förderlich ist. Da bietet ihm Dius Zuflucht in Ganzevliet an, einem alten Gutshaus inmitten eines verwilderten Gartens. Für Anton werden Haus und Garten wie die Gemeinschaft mit Dius eine Art Lebenselixir. Auch als seine Beziehung zerbricht und bald darauf auch die leidenschaftliche Affäre mit der schönen Lys, findet er dort Trost – auch Inspiration.

Liebe zur Kunst

Die beiden ungleichen Männer eint eine tiefe Liebe zur Kunst. Doch während Dius in der Liebe zum 17. Jahrhundert versinkt, beschäftigt sich Anton mit den Entwicklungen der Kunst in der Neuzeit. Für den Freund, der ihn so großzügig mit außergewöhnlichen Geschenken bedenkt, empfindet er eine „Liebe, die zwei Männer bedingungslos für einander empfinden können, selbst, wenn sie Frauen lieben – , eine Art Energie, verbunden mit der kindlichen Illusion von Freiheit“.  Anton und sein großzügiger Gastgeber erleben eine glückliche, unbeschwerte Zeit. Doch dann heiratet Dius die Mitstudentin Pia, die auch Anton gefallen könnte, und zieht mit ihr nach Bergamo.

Rückkehr ins alte Haus

Anton bleibt zurück, trauert Dius nach und Lys, der leidenschaftlichen Geliebten und richtet sich in einem Leben als schrulliger Einzelgänger ein. Von Dius hört er lange nichts, aber er kauft das Haus in Ganzevliet, in dem er glücklich war. Allerdings hat auch die Gegend gelitten, der Bach ist ausgetrocknet, die Lebewesen, die ihn bevölkerten sind „durch die massenhafte Vergiftung der Natur“ verschwunden.  Die Natur ist so öde wie Antons Leben.

Das falsche Leben

Und doch richtet sich Anton im vernachlässigten Haus wohnlich ein, immer wieder heimgesucht von Gedanken an das eigene Versagen, an Lys und auch an Dius: „Ich habe völlig falsch gelebt. Ich habe nie den Sprung ins Unbekannte gewagt… War Dius möglicherweise der Grund dafür? Vielleicht war er die Voodoo-Puppe, mit der ich versuchte, mir meine Ängste vom Leib zu halten. Ich hatte die Hälfte meine Lebens bereits weit hinter mir und spürte, wie dick das Narbengewebe in meinem Innern in aller Stille geworden war.

Der Mann im Schatten

Und dann – nach 20 Jahren – klopft ein schrecklich entstellter Dius an seine Tür, an der Hand seine Tochter, ein Mädchen mit Down-Syndrom. Längst hat Hertmans Fährten gelegt, die eine dramatische Entwicklung ahnen lassen: Antons folgenreicher Zusammenstoß mit einem Hirsch etwa. Doch während er längst wieder genesen ist, wird Dius von seinen Dämonen heimgesucht. Der Ältere kann dem Freund nicht helfen, er wird ihn an den Tod verlieren: „In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Einmal mehr hatte mich der Unglaube darüber gepackt, dass jemand wie Dius, der zehn Jahre jünger, kräftiger und begabter war als ich,durch eine unsichtbare Invasion dahingerafft werden sollte, wohingegen ich mit meinen beschränkten Möglichkeiten einfach gesund bleib – ich, der Ältere, der Untalentiertere, der Mann in seinem Schatten.“
Noch einmal wird Dius seinem alten Freund helfen: Sein Tod bringt Lys zurück und eröffnet Anton damit die Chance auf ein spätes Glück.

Bereichernde Lektüre

Stefan Hertmans hat einen von Melancholie und tiefem Kulturpessimismus grundierten Roman geschrieben, einen weisen Roman, in dem viel von Kunst die Rede ist und viel philosophiert und diskutiert wird. Das muss man mögen, ebenso wie die lyrischen Landschaftsbeschreibungen und die gemächliche Erzählweise. Doch wer sich darauf einlässt, wird die Lektüre als bereichernd empfinden.

Info.  Stefan Hertmans, Dius,  ins  Deutsche übertragen vonIra Wilhelm, Diogenes, 340 S., 26 Euro

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