Bella Ciao: Gegensätzliche Welten

10. Juni 2020

Der Roman „Bella Ciao“ von Raffaella Romagnolo führt die Leser zurück in die italienische Geschichte, in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg, und begleitet sie über gut 40 Jahre bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Die italienische Autorin erzählt die Geschichte zweier Freundinnen, die durch ein Missverständnis getrennt wurden. Die eine, Giulia, beginnt in Amerika ein neues Leben. Die andere, Anita, bleibt zurück, heiratet die Liebe ihres Lebens, bekommt einen Sohn und verliert ihre beiden Männer, den einen an der Front, der andere wird von einem Faschisten erschlagen.

Zu viel Leid für ein Leben

Fast zu viel Leid für ein Frauenleben, und trotzdem kämpft sich Anita durch – auch dank des Zusammenhalts der ganzen Familie. Giulia dagegen, schwanger von dem Mann, den Anita heiraten wird, findet im Inhaber eines Lebensmittelladens einen treu sorgenden Ehemann. Libero wird auch dem Sohn ein guter Vater. Das Geschäft expandiert, und Giulia erlebt fette Jahre, während Europa im Krieg versinkt.

Erinnerungen an gemeinsame Zeiten

Und dann kehrt sie als wohlhabende Witwe auf einer Europareise zurück ins Borgo, von dem sie aufgebrochen war, weil sie sich von ihrer Freundin verraten fühlte. Erinnerungen werden wach an die gemeinsame Zeit mit Anita, an den Mann, den beide liebten, an die Armut. Raffaella Romagnolo verschränkt in einem wunderbaren Erzählstrom Gegenwart und Vergangenheit ebenso wie die Perspektiven von Giulia und Anita. Wie im Kaleidoskop entstehen so immer neue Bilder der gegensätzlichen Familiengeschichten und der Geschichte Italiens.

Geschichtslektion der menschlichen Art

Der Faschismus Mussolinis spielt eine wichtige Rolle ebenso wie der Widerstand dagegen – der Titel der deutschen Ausgabe „Bella Ciao“ greift das italienische Partisanenlied auf, das zur Hymne der Antifaschisten wurde. Und er passt gleich in mehrfachem Sinn zu dieser Freundinnen- und Familiensaga, in der Abschiednehmen zum Leitmotiv wird. Die Leser können nicht anders als sich mit den vom Schicksal geschlagenen Frauen zu identifizieren, mit den Müttern und Liebsten der Soldaten und Rebellen. Im Vergleich zu ihnen hat die zielstrebige Giulia in der italienischen Diaspora ein angenehmes Leben hinter sich.
Die kunstvolle Verzahnung der beiden Lebensverhältnisse lässt zwar Melancholie zu aber kein Pathos – bis zum Ende. Raffaela Romagnolo erweist sich als ebenso versierte wie empathische Autorin und liefert mit ihrem Roman eine Geschichtslektion der menschlichen Art.

Hineingelesen…

… in Bella Ciao

„Erneut hebt Anita die Arme, schwingt entschlossen den Stock, um zuzuschlagen. Aber sie schlägt nicht zu. Sie fühlt, wie der Hasse sie verlässt, die wut schwindet, von den Fluten geschluckt, wie sie eines wird mit den Kadavern von Kühen und Pferden, der Puppe, die auf einem Balken vorbeitreibt. Tausendmal hat sie sich diesen Augenblick ausgemalt. Sie hat komplizierte Pläne geschmiedet und wieder verworfen, und nun, da das Schicksal ihr den Kopf des Mörders ihres Sohnes anbietet, überzeugt das Schicksal sie nicht. Es ist keine Angst. Was könnte ihre passieren, was ihr nicht schon passiert ist?“

Die Amerikanerin senkt den Blick. Man kann fern von Borgo die Dentro leben, sie hat es getan. Ihr Sohn hat ohne Pietro Ferro gelebt, aber einen Vater hat er gehabt. Leben heißt gehen, und ohne Vergangenheit geht man, lebt man. Sie hat es geschafft zu leben. Aber ist sie bereit zu sterben? Nicht den heimtückischen Tod, der dich unerwartet holt. Mrs. Giulia Masa denkt mehr an den Tod, auf den man sich vorbereitet, mit dem man klarkommt. Ist es möglich, die Revhnungen zu begleichen, kann man in Frieden sterben, ohne sich mit der Vergangenheit auszusöhnen?“

Info: Raffaella Romagnolo. Bella Ciao, Diogenes, 517 S., 24 Euro

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