In seinem dritten Roman „Bis die Bären tanzen“ greift der Schweizer Autor Michael Hugentobler auch auf die eigene Familiengeschichte zurück. Im Roman geht es um vier Geschwister, die es in der Zwischenkriegszeit in die halbe Welt verschlägt – von der Schweiz und Nazideutschland bis nach Brasilien und Australien. Sie heißen Belle, Elfie, Cob und Anne und ihr Leben ist so unterschiedlich wie ihr Charakter.
Die Hüterin der Geheimnisse
Belle ist verliebt in den Nachbarsjungen Baron und träumt von einer Hochzeit, bis er ihr von der Schwangerschaft seiner Frau schreibt. Die Enttäuschung treibt sie bis in den brasilianischen Urwald. Anne liest sich in die Anarchistenszene ein, scheitert mit einem Attentatsversuch in Australien und kommt unverhofft zu einem Adoptivsohn. Cob verlässt die Familie als erster, als sein vom Krieg traumatisierter Vater die Waffe auf ihn richtet. Statt Turnlehrer zu werden, tourt er mit einem Zirkus und einer unzuverlässigen Geliebten durch Nazideutschland. Und Elfie? Die zarte Schönheit landet in einem Sanatorium in den Bergen, empfängt von allen Geschwistern Briefe und hütet deren Geheimnisse.
Die wichtigsten Themen
Denn die Geschwister wissen nur wenig von einander und verheimlichen vieles, was oft nur die „Mamme“ weiß, die vergeblich versucht, ihre verstreute Familie zusammenzuhalten. Der in drei Teile gegliederte Roman ist ein Mosaik aus Ich-Erzählungen, Briefen, Tagebüchern und unterschiedlichen Perspektiven. Neben der „Chronik der emotionalen Turbulenzen“ der Familie werden auch Themen wie Anarchismus, Finanzsysteme, Sexualität oder Migration verhandelt. Das erfordert viel Aufmerksamkeit, und manchmal kann es passieren, dass man den Faden verliert.
Die Spur der Geschichte
Der erste Teil erzählt vom Aufbruch der Geschwister am Ende des ersten Weltkrieg, der zweite Teil begleitet ihre unterschiedlichen Wege während und nach dem 2. Weltkrieg. Der dritte Teil blickt aus einer neuen Perspektive im Jahr 1998, als sich die Reste der Familie zur Hochzeit der 100-jährigen Belle in Tasmanien versammeln, zurück auf die Familiengeschichte: „Da bewege ich mich auf einen der südlichsten Zipfel der bewohnbaren Welt zu, weit weg von zu Hause, und was finde ich dort? Stück für Stück meine eigene Geschichte, gestreut wie eine Spur von Brotkrumen.“
Was der Neffe erfahren hat, will er mit der Familie teilen: „Es kommt nicht zum Eklat. Niemand ruft, ich solle den Mund halten, niemand drängt mich aus dem Raun. Es ist , als hätten sie alle auf diesen Augenblick gewartet – wie Bankräuber, deren Verhaftung ihnen nach langer Flucht wie eine Erlösung vorkommt.“
Ende des Schweigens
Es sind die unterschiedlichen Szenarien und Zeiten, die Hugentoblers Roman-Mosaik auszeichnen. Denn er kann die gescheiterte Besiedlung des brasilianischen Urwalds ebenso wunderbar beschreiben, wie die Anarchisten-Szene in Australien. Da schöpft der Autor wohl aus den eigenen Erfahrungen bei seiner 13-jährigen Weltreise und aus der Lektüre von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. Das daraus entstandene Kaleidoskop der Geheimnisse und Erinnerung macht Hugentoblers Familienchronik zu einem außergewöhnlichen Lese-Erlebnis, für das man sich Zeit nehmen sollte.
Wichtige Einsicht
Warum das dritte Buch mit dem Rückblick wichtig ist, erklärt der Neffe mit der Einsicht, die er bei seiner langen Erzählung gewonnen hat: „Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken. Wir schützen uns so, wir können uns selber ertragen. Aber wenn es keine Vergangenheit gibt, gibt es auch keine Zukunft, es gibt dann nur das Jetzt.“ Und wie zur Bestätigung dieser Einsicht, kommt es danach zum titelgebenden Tanz des Bären…
Info. Michael Hugentobler. Bis die Bären tanzen, dtv, 350 S., 24 Euro
Keine Kommentare