Waisenkind auf Abwegen
Rezensionen , Romane / 9. März 2026

Waisenkind von Galit Dahan Carlibach ist ein widerspenstiger Roman, den man sich erst erschließen muss, ehe er einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Die israelische Autorin ist in Sderot, Aschdod und Jerusalem aufgewachsen und kennt das Land von innen. Ihr Roman Waisenkind ist auch ein Porträt dieser sehr zwiespältigen Gesellschaft. Schlimme Erfahrungen Die junge, rothaarige Avital wächst in mehr als prekären Verhältnissen auf dem Land bei den Großeltern auf. Keine gute Ausgangsbasis: Die Großmutter ist Alkoholikerin, der Großvater pädophil. Kein Wunder, dass Avital da Reißaus nimmt. Allerdings schlittert das junge Mädchen auf der Suche nach ihrem unbekannten Vater von einem Desaster ins nächste, wird missbraucht und alkoholabhängig. Große Veränderung Erstaunlich , wie resilient Avital trotz aller Rückschläge ist. Das liegt womöglich auch an den wenigen Menschen – in dem Fall vorwiegend Männern – die ihr ohne Hintergedanken helfen. Und dann tritt der alte, reiche Achituv in ihr Leben, und von einem Tag auf den anderen ändert sich alles. Suche nach dem Vater Klingt schon nach happy end? Doch das ist es nicht. Denn da kommt Ramon dazwischen, der charismatische, rothaarige Mann von Achituvs Tochter. Das muss ihr lang ersehnter „Lear“ sein, glaubt Avital. Lear, so nennt sie…

In der Monsterwelle
Rezensionen , Romane / 1. März 2026

Daniel Faßbender war Seemann und wäre selbst gern Profisurfer geworden. Jetzt hat der Nachrichtenredakteur und Autor („Die weltbeste Geschichte vom Fallen“) mit „Heaven‘s Gate“ sein Debüt als Krimiautor gegeben. Im Zentrum steht ein abgehalfteter Surfer, der wider Willen zum Detektiv wird. Der Anti-Held und die Welle Dabei bedient sich Fassbender ziemlich großzügig bei Vertretern des Hardboiled-Genres wie Raymond Chandler. Sein Caruso ist ein echter Anti-Held, versoffen und oft verpeilt. Ein Tagträumer, den es auf der kleinen Philippinen-Insel Surogao ins Zentrum einer gigantischen Korruptionsaffäre spült. In dieser Monsterwelle, die tödlicher ist als die namensgebende „Heaven‘s Gate Welle“ droht der wankelmütige Caruso unterzugehen. Wilder Westen auf der Insel Dabei hat er sich doch nur von einer schönen und reichen Spanierin dazu anheuern lassen, ihren verlorenen Sohn zu suchen. Der verwöhnte und gelangweilte Juan wollte wohl auf der Insel beim Drogenschmuggel mitmischen und hat in ein Wespennest gestochen. Denn auf der Insel herrscht „Wilder Westen“, wie Juans Vater Diego, der gerade erst aus dem Knast entlassen wurde, weiß: „Die Mexikaner mischen ganz sicher mit, die Chinesen sowieso, und dann noch lokale Gruppen.“ Skrupellose Feinde Diego ist nicht nur schlau, sondern auch stark. Und Stärke kann Caruso wirklich brauchen. Denn auf der Suche nach…

Verloren im Scheinland
Rezensionen , Romane / 1. März 2026

So schnell kann‘s gehen: Nach dem Abi ist der eher introvertierte Daniel auf der Suche nach  seinem Platz im Leben. Er zweifelt, sieht sich umzingelt von Fake Nachrichten und falschen Freunden. Und dann fällt ausgerechnet er auf den Nazi Steffen herein. Heimat Sonnenhof Denn dieser Steffen kommt bei seinen Mails empathisch rüber, zugewandt. Daniel lässt sich überreden, auf den abgelegenen Sonnenhof zu kommen, wo Steffen mit seiner Frau und den Zwillingen Freya und Gerold lebt. Möglichst autark, wie er Daniel erklärt. Der Sonnenhof soll zur Heimat der Familie werden. Das Wort Heimat triggert Daniel, aber bei Steffen klingt es für ihn völlig natürlich. Oberflächliche Kontakte Von Mal zu Mal fühlt er sich auf dem Sonnenhof mehr zuhause. Mit Mutter und Schwester hat er ohnehin nur sporadischen Kontakt, mit dem Vater und dessen neuer Frau noch weniger. Und zu den Mitbewohner der WG, Luise und Roberto, ist das Verhältnis eher oberflächlich. Obwohl ihn Lu, wie er Luise nennt, fasziniert. Er fühlt sich angezogen von der Lebenslust der jungen Frau, von ihrer Spontaneität. Wachsende Zweifel Aber Lu macht es ihm nicht leicht, sie zu durchschauen. Auch aus Frust wendet er sich noch mehr dem Sonnenhof zu. Doch dann taucht da Katharinas Bruder…

Fluch und Segen in Oberammergau
Rezensionen , Romane / 26. Februar 2026

Könnte es so gewesen sein, in Oberammergau vor fast 400 Jahren? 1633, als das erste Passionsspiel stattfand? Robert Löhr hat sich in seinem Roman „Oberammergau“ hineingedacht in die damalige Zeit, als das schwer von der Pest betroffene Dorf seine Hoffnung in einen Eid setzte, der bis heute gilt: Nehme Gott diese Heimsuchung vom Dorf, wolle man die Passion Christi spielen – bis zum Ende der Zeit. Das gespaltene Dorf Robert Löhr hat sich intensiv hineingedacht in die Zeit, als Oberammergau ein Dorf am Ende der Welt war, arm und abgelegen. Als Kriege und Pest wüteten und die Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Vielen half der Glaube an ein besseres Jenseits, andere lehnten sich auf gegen einen Gott, der das irdische Elend zuließ. Löhr schildert eine gespaltene Dorfgemeinschaft, skizziert Menschen, die vom Schicksal – oder von der überstandenen Pest – gezeichnet sind. Es geht um Macht und Aberglauben, um Feindschaft und Liebe, um Intrigen und Heuchelei. Mächtige Gegner In dieses Wespennest kommt der junge Pfarrer Johannes und sieht sich alsbald mit der Verwirklichung des Passionsversprechens überfordert. Ihm fehlen die Worte, um das Stück lebendig werden zu lassen. Ihm fehlen die Akteure, die Kulissen, die Kostüme. Und doch packt ihn der…

Irische Aufreger
Rezensionen , Romane / 26. Februar 2026

Nicola Förg ist nicht nur Krimi-Autorin, sondern auch Reisejournalistin. Da liegt es nahe, dass sie ihre Reise-Erfahrungen auch in ihren Krimis einbringt. In „Schroffe Klippen“ geht es für Irmi Mangold nach Irland. Dabei ist Irmi ja eigentlich im Ruhestand. Aber ihre Mitbewohnerin Louise setzt auf die legendäre Spürnase der Ex-Kommissarin, um den mysteriösen Tod der jungen Anja aufzuklären. Doch kein Selbstmord? Anja war mit Louises Tochter Babsie befreundet, und die glaubt nicht an den Selbstmord ihrer Freundin. Louise muss Irmi nicht lange überreden, sich um den Fall zu kümmern. Zumal es gerade in der Beziehung zum abwesenden Lebensgefährten kriselt. Für die Lesenden ist das Ganze am Anfang allerdings schon etwas sehr konstruiert. Das legt sich im Lauf der „Ermittlungen“, bei denen wieder Student Malcolm eine wichtige Rolle spielt. Die verschwundene Tochter Die beiden „Laien-Ermittler“ sind schnell mittendrin in diesem Kriminalfall. Anja hatte als Remote Workerin für ein Pharmaunternehmen gearbeitet und mit ihren beiden Teenager-Kinder Kilian und Kim in einem Luxus-Wohnwagen gelebt. Nach ihrem Tod – sie war am Fuß der Klippen gefunden worden – war Kim verschwunden. Der Vater hatte Kilian mit zurück nach Deutschland genommen. Die Greyhound-Mafia Irmi und Malcolm machen sich also auch auf die Suche nach der…

Im Schatten des Zweifels
Rezensionen , Romane / 20. Februar 2026

Gianrico Carofiglio war Anti-Mafia-Staatsanwalt, Richter und Senator. Mit seinen Kriminalromanen um den sympathischen und klugen Avvocato Guerrieri hat der in Bari geborene Schöngeist weltweit Erfolg. In seinem neuesten Krimi „Der Horizont der Nacht“ ist Guerrieri mit einem Mordfall beschäftigt, vor allem aber mit mit seiner eigenen Psyche. Ein klarer Fall Eigentlich ist der Fall klar: Die reiche Unternehmerin Elvira Castell hat den zwielichtigen Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester Elena erschossen. Elvira ist überzeugt, dass Petacci ihre Schwester in den Selbstmord getrieben hat. Dass er auch weiterhin in der Wohnung der Toten zu bleiben gedenkt, bringt Elvira noch mehr gegen ihn auf. Sie stellt ihn zur Rede und erschießt ihn im Streit. Duell vor Gericht War es so? Guerrieri, von seinem Freund Octavio um anwaltliche Unterstützung gebeten, zweifelt. Womöglich käme auch Notwehr infrage. Die Klientin wirkt auf ihn fast unheimlich gelassen. Berührt sie der Todesschuss so wenig? Mit Hilfe eines Freundes Tancredi kommt er einer ermittlungstechnischen Schlamperei auf die Spur. Neben dem Toten lagen die Scherben einer Kristallflasche. Könnte Petacci Elvira damit bedroht haben? Vor Gericht liefert sich Guerrieri ein Duell mit dem Staatsanwalt, der klar auf Mord plädiert. Der Anwalt erringt einen Teilerfolg. Elvira Castell wird zwar schuldig gesprochen, muss aber nur…

Verschränkte Erinnerungen
Rezensionen , Romane / 15. Februar 2026

Den gelben Pullover, dem dieser autofiktionale Roman von Ursula März den Titel verdankt, gab es wirklich. Zum Schulanfang hatte sich die kleine Ursula den gelben Pulli aus dem trendigen Perlon heiß gewünscht. Und dann hat ihre Freundin Siggi das gute Stück mit einem einzigen Schnitt zerstört. In einer Schublade überdauerte der gelbe Pullover die Freundschaft. Denn mit der gern Ärger provozierenden Siggi war es nach der Grundschule aus. Die Anarcho-Pippi Ursula März‘ Beschreibung der Kinderfreundin erinnert ein bisschen an eine Anarcho-Pippi: „Siggi war meine einzige Freundin. Und ich, was erstaunlicher war, ihre. Auch sie nahm in ihrer Klasse die Position einer Außenseiterin ein, wenn auch aus anderen Gründen. Sie besuchte nach wie vor die protestantische Volksschule und hatte in sechs Jahren nichts ausgelassen, um das Wohlwollen ihrer Lehrer wie ihrer Mitschüler zu verspielen.“ Das Wirtschaftswunder In dem Buch reflektiert die Autorin auch die Anfänge des Wirtschaftswunders, schreibt über den Sparzwang des Vaters, die Fernsehabende im Haus der Tante, den Kleinstadt-Klatsch in Herzogenaurach, die Fremdheit der dort lebenden „Amis“ und die Emanzipation beim Rauchen. Die Zwangsgemeinschaft All das hat sie im Gepäck, als sie 1989 im Winter nach Stromboli reist und dabei einer scheinbar disfunktionalen englischen Familie begegnet. Eine Woche lang…

In der Totenbäckerei
Rezensionen , Romane / 9. Februar 2026

Schon der ungewöhnliche Titel „Die Sonne und die Mond“ verspricht einen ungewöhnlichen Inhalt. Und Chris Kraus hält in seinem neuen Roman dieses Versprechen. Es geht um Freundschaft und Feindschaft, um das Leben und den Tod, um Sex und Liebe – und das in einer schrägen Mischung aus Slapstick, Trash, Tragikomödie und Märchen. Zwei Freundinnen Sie waren beste Freundinnen, Sonja, genannt Sonne und Jana von Mond – auch noch bei der sich anbahnenden gemeinsamen Bühnenkarriere. Doch dann kam es zum Bruch, weil Sonne sich von Jana verraten fühlte. Jahrzehnte später kommt die als Comedystar erfolgreiche Jana in das Bestattungsunternehmen „Sommernachtstraum“, mit dem Sonja ihren Lebensunterhalt verdient. Als alleinerziehende Mutter mit einem altklugen Sohn, der an der Bluterkrankheit leidet, hat sie es nicht einfach. Unterstützt wird sie vom erfolglosen Gelegenheitsmusiker Samuel, der eine Vorliebe für grenzwertige Witze hat. Patagonien und Feuerland Jana will Sonjas Hilfe bei der Beerdigung ihres Mannes, der mit ihrer schwangeren Psychotherapeutin wohl bei einem gemeinsamen Selbstmord ums Leben gekommen ist. Es sind ernste Themen, die Chris Kraus allerdings so nonchalant und mit viel Witz erzählt, dass man buchstäblich Tränen lachen kann. Allein schon die Namen: Das Bestattungsinstitut ist in einer ehemaligen Bäckerei angesiedelt, genannt Totenbäckerei. Die Leichen werden…

Leben aus zweiter Hand
Rezensionen , Romane / 30. Januar 2026

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält oder eine ganze Reihe von Geschichten.“ Das Zitat aus Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ hat die Schauspielerin Judith Hoersch an den Anfang ihres Romans „Niemands Töchter“ gestellt. Tatsächlich geht es hier um eine Reihe von Geschichten, die sich erst allmählich zu einem Ganzen fügen. Vier Frauen Im Mittelpunkt stehen vier Frauen, die schicksalhaft verbunden sind. Judith Hoersch erzählt aus ihren unterschiedlichen Perspektiven und in Zeitsprüngen. Das macht die Lektüre am Anfang nicht ganz einfach. Man muss erst einmal die einzelnen Frauenschicksale sortieren, um dann Zusammenhänge zu erkennen. Vier Schicksale Da ist die junge Marie, die sich im hippen Westberlin der 1980iger Jahre in den sanften und klugen Leonhard verliebt und ihn doch verliert. Da ist die bodenständige Kinderkrankenschwester Gabriele, die ihr lang ersehntes Kind verliert, und sich in der Kinder- und Ehelosigkeit einrichtet. Da ist die grazile Isabell, die den Tod der Mutter nicht verwinden kann und Gefahr läuft, das eigene Trauma auf die kleine Tochter zu übertragen. Und da ist die erfolgreiche aber bindungsunfähige Alma, die sich mit einer Lebenslüge konfrontiert sieht. Sie alle haben ihre ganz eigene Geschichte, manches haben sie selbst…

Eine Frau am Scheideweg
Rezensionen , Romane / 28. Januar 2026

Sie ist über die besten Jahre hinaus, die Ehe dümpelt dahin, der Mann geht seine eigenen Wege. Die Psychotherapeutin Terese ist frustriert. Kein Wunder, dass sie in Indien mit einem deutlich jüngeren Liebhaber auflebt. Bodo Kirchhoff denkt sich in seinem Roman „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ in den Kopf dieser Frau hinein – allerdings über den Mann, Vigo. Doppelt verschränkt versucht der Schriftsteller, aus Tereses Perspektive über ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse zu schreiben, über die Entfremdung in der Ehe und die Träume, die auch im fortgeschrittenen Alter noch da sind. Schwieriger Balanceakt Es ist ein Balanceakt, der auch dem stilsicheren Bodo Kirchhoff nicht immer gelingt. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, als Ich-Erzähler von einer Frau zu erzählen, niemals,“ sagte Kirchhoff in einem Interview. „Es ist immer ein Mann, der erzählt, wie er sich das denkt und vorstellt. Das ist das Wesentliche an diesem Buch.“ Es geht also um die Innenperspektive der Frau über die Vorstellungswelt des Mannes. Das wird an einer Stelle besonders heikel, als Vigo Terese gegen ihren Willen dazu bringt, mit ihm zu schlafen. Für ihn keine große Sache, für Terese mitentscheidend dafür, dass sie sich von Vigo trennt. Die indische Variante Dabei ist sie…