Das Schweigen der Mutter

28. September 2025

Andrea Sawatzki ist eine beliebte Schauspielerin und eine erfolgreiche Drehbuchautorin. Doch ihre Kindheit war alles andere als glücklich. Nachdem sie sich in Brunnenstraße  mit der Demenz ihres Vaters auseinandergesetzt hat, versucht sie im neuen Roman Biarritz  eine Annäherung an die Mutter, von der sie sich als junges Mädchen im Stich gelassen fühlte.

Problematische Kindheit

Und wieder ist dieser Rückblick auf eine problematische Kindheit schmerzhaft ehrlich. Die Mutter, inzwischen ebenfalls in die Demenz abgeglitten, fristet in einem Pflegeheim ein kaum lebenswertes Rest-Leben. Emmi kann nicht mehr kommunizieren. Bei ihren meist von schlechtem Gewissen begleiteten Besuchen erinnert sich die Tochter Hanna an ein Leben im Schatten der Demenz zwischen Hoffnung und Verzweiflung – und an das Schweigen der Mutter zu den Problemen der Tochter.

Opfer der  Sprachlosigkeit

Daran, wie der Traum von einem glücklichen Familienleben zerplatzte, weil der Vater schon an Alzheimer erkrankt war, als er nach dem Tod seiner ersten Frau die Geliebte und seine Tochter zu sich holte. Daran, wie sie mit der Verantwortung für den dementen und oft aggressiven Mann überfordert war. Wie sie sich von der ebenfalls überforderten Mutter allein gelassen fühlte und mit Trotz, ja auch Gewalt gegen den hilflosen Vater reagierte.
Die Mutter verschloss sich, weigerte sich, über das Augenfällige zu sprechen. Diese Sprachlosigkeit vergiftete das früher so harmonische Verhältnis. Und jetzt, da die Mutter nicht mehr sprechen kann, ist es wohl zu spät für eine Aussprache.

Erinnerung an Biarritz

Aber dann taucht überraschend eine Freundin der Mutter aus alten Zeiten auf. Mit Marianne hat die junge Emmi eine sorglos glückliche Zeit in Biarritz verbracht, ehe die Freundschaft wegen eines Missverständnisses in die Brüche ging. Jetzt will Marianne für Emmi und Hanna da sein, will vermitteln, der Tochter die Mutter wieder nahe bringen. Denn neben all dem Zorn, mit dem Hanna auf ihre Kindheit zurückblickt, ist da auch noch viel Liebe. Sie weiß ja, was die Mutter alles auf sich genommen hat, um ihr ein glücklicheres Leben zu ermöglichen.

Ein Bild der Hoffnung

Auch Hanna hat eine Erinnerung an Biarritz, an die gemeinsame Reise, die Mutter und Tochter nach dem Tod des Vaters unternahmen. Ein Foto davon trägt sie im Portemonnaie: „Auf dem Bild steht meine Mutter am Meer. Der Wind streicht ihr die Haare aus der Stirn, sie blickt in die Ferne und lacht.“ Könnte eine Reise nach Biarritz der dementen Emmi zu einer glücklichen Erinnerung verhelfen? Marianne ist sicher – und Hanna lässt sich überzeugen.
Wie sein Vorgänger  Brunnenstraße  ist auch der autofiktionale  Roman „Biarritz“ in seiner Ehrlichkeit manchmal schwer erträglich. Aber das Buch enthält neben Wut und Verzweiflung auch viel Zärtlichkeit. Und es thematisiert ohne Scheuklappen ein Problem unserer älter werdenden Gesellschaft. Könnte es sein, dass selbst in der fortgeschrittenen Demenz noch Lichtblicke möglich sind?

Info. Andrea Sawatzki. Biarritz, Piper, 160 S., 22 Euro

 

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