Das Schweigen des Dorfes

5. September 2026

Santa Chionia, ein Bergdorf am Ende der Welt, hoch über den Schluchten des Aspromonte. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, die Armut ist auch in den 1960iger Jahren noch bedrückend. So empfindet es jedenfalls die junge Italo-Amerikanerin Francesca Loftfield, die ausgerechnet in diesem abgelegenen Dorf im Auftrag einer Hilfsorganisation einen Kindergarten einrichten soll.

Archaische Welt

Wie ihre Ich-Erzählerin kommt auch die New Yorkerin Juliet Grames aus einer italienisch-amerikanischen Familie. Schon in ihrem hoch gelobten Debüt „Die sieben oder acht Leben der Stella fortuna“ beschäftigte sie sich mit der Familiengeschichte und den kalabrischen Wurzeln. In ihrem neuen Roman „Die Verlorenen von Santa Chionia“ konfrontiert Grames die Lesenden mit einer archaischen Welt, in der jede mit jedem verwandt ist und mafiöse Strukturen jeden Fortschritt zu verhindern wissen. Auch Francescas gut gemeintes Projekt wird daran scheitern.

Rätsel um ein Skelett

Es beginnt schon mit einem Menetekel. Kurz nach ihrer Ankunft reißt eine Sturzflut eine Brücke und das Postamt des Ortes mit sich und legt dabei ein menschliches Skelett frei. Francescas Neugier ist geweckt. Wer ist der Tote, fragt sie sich. Und nachdem zwei Frauen sie mit dem Verschwinden ihrer männlichen Angehörigen konfrontiert haben, ist sie entschlossen, das Rätsel zu lösen.

Gebot des Schweigens

Dabei stößt sie auf viele Ungereimtheiten und rennt an gegen eine Wand von Schweigen. Ihre alte Wirtin Cicca, die ihr ein karges Zimmer vermietet hat, wird zwar im Lauf der Zeit zur Vertrauten, weigert sich aber beharrlich, das Gebot des Schweigens, dem offenbar das ganze Dorf unterliegt, zu brechen. Für Francesca ist das alles fremd – und sie bleibt in Santa Chionia die Fremde.

Kein Ohr für Warnungen

Verzweifelt versucht sie, Unterstützer für ihr Kindergarten-Projekt zu gewinnen und gerät dabei immer wieder an die Falschen.
Ein Lichtblick ist Ciccas Neffe Ugo, der nach Mailand ausgewandert ist, um Geld zu verdienen. Francesca, die erst vor kurzem mit ihrer großen Liebe Sandro gebrochen hat, verfällt dem charismatischen Mann, schlägt aber seine Warnungen in den Wind.

Sie ist verzaubert von der urtümlichen Landschaft, betört von der Schönheit der Frauen und bestürzt über die emotionslose Hinnahme von Ungerechtigkeiten – und am Ende schockiert über die Folgen ihrer Recherche.

Eigene Gesetze

Juliet Grames hat einen Roman von epischer Wucht geschrieben, dem es gelingt, die Lesenden hineinzuziehen in dieses Dorf außerhalb der Zeit. In seine schönen und in seine abstoßenden Seiten. Grames urteilt nicht, sie beschreibt ein Dorfleben, das eigenen Gesetzen folgt. Sie schreibt aber auch über eine andere Seite dieses Dorfes, über junge Männer, fast noch Kinder, die ausgewandert sind, um der Armut zu entfliehen und die an einer anderen empathielosen Gesellschaft scheiterten. Auch sie sind Verlorene:

„Das Passfoto verschlug mir den Atem. Leo Romeo, der sich in einem fremden Land mit harter Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen wollte, war ein dünner Junge mit ängstlichen schwarzen Augen, einem leicht geöffneten Mund und unscharfen Gesichtszügen, als hätte er die Anweisung des Fotografen, bei der Aufnahme stillzuhalten, nicht richtig verstanden.
Dieser verängstigte, verlorene Junge, dieses hilflose Kind – er konnte unmöglich noch am Leben sein. Ich stellt ihn mir auf dem Stuhl vor, auf dem ich jetzt saß – näher würde ich ihn nie kommen. Der trostlose Staub auf den Regalen um mich herum verschwamm in der Trübnis meiner Tränen, und mit einem Mal sah ich eine ganze Schar von Verlorenen vor mir, die vielen jungen Männer, die in dieses Büro gekommen waren, um ihr Leben auf eine einzige Hoffnung zu setzen, und von denen man nie wieder etwas gehört hatte, Opfer von Ausbeutung oder Unfällen oder Verbrechen oder ihren eigenen Schwächen, Menschen, deren Geschichten nie zu Ende erzählt worden waren,weil es niemanden gab, der sie erzählte.“

Geschichte und Gegenwart

Doch Juliet Grames erzählt von Leo Romeo und seinem Schicksal, stellvertretend für all die anderen Ausgewanderten. Nicht nur sie sind Verlorene, auch die Dorfbewohner sind es – verloren in uralten Geheimnissen und Geboten. Francesca berichet 60 Jahre später von diesem Dorf und seinen Rätseln als wäre es gestern gewesen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Womöglich ist Santa Chionia heute ein beliebtes Touristenziel oder es ist eines der verlassenen Dörfer im kalabrischen Hinterland. Umso wichtiger ist diese so eindringliche Geschichte, denn die Gegenwart ist ohne die Vergangenheit nicht erklärbar.

Info Juliet Grames. Die Verlorenen von Santa Chionia, aus dem Amerikanischen von Cathrine Hornung und Karin Fleischanderl, folio, 625 S., 28 Euro

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