Im Jubiläumsjahr der USA will diese 250 Jahre umspannende Anthologie „retten, was noch zu retten ist“. Mit dem Zitat von Martin Luther King „I have a dream“ lädt sie dazu ein, die USA in diesen trüben Zeiten noch einmal ganz neu zu entdecken – als Heimat politischer Ideale und prägender Gedanken, dichterischer Inspiration und Spiritualität, der freien Rede und der Kunst des Geschichtenerzählens.
Die ganze Widersprüchlichkeit
Die Herausgeber Stefan Wagner und Horst Lauinger betrachten ihr dickes Buch als „Roadtrip in Texten“. Die USA hätten den Wandel stets als Verheißung verstanden, heißt es im Nachwort, „den Aufbruch zu neuen Ufern als Mission“. Die Anthologie zeige die USA, die den 4. Juli 1776 als ihr Gründungsdatum sehen, „in ihrer ganzen funkelnden, düsteren, begeisternden, befremdenden, abstoßenden und immer faszinierenden Widersprüchlichkeit“.
Vom Recht auf Freiheit
Dazu tragen die unterschiedlichsten Texte bei – Briefe, Gedichte, Reportagen, Songs, Kurzgeschichten. Es sind nicht nur die großen Namen, die hier versammelt sind. Viele noch unbekannte Autorinnen und Autoren lassen sich in dem Buch entdecken. Aber natürlich beginnt alles mit der Unabhängigkeitserklärung von Thomas Jefferson, die zwar postuliert, dass alle Menschen gleich geschaffen sind und das Recht auf Freiheit haben. Das freilich wird über lange Zeit den Native Americans ebenso vorenthalten wie den schwarzen Menschen, die als Sklaven ins Land kamen.
Eine Frage der Identität
An diese „Erbsünde“ erinnert eine Rede des Shawnee-Führers Tecumseh ebenso wie Gedichte schwarzer Autoren. Und Sui Sin Far kritisiert „Die Amerikanisierung der Pau Tsu“ als eine Art Vergewaltigung durch das Kappen der kulturellen Identität. Josephine Baker klagt darüber, dass Filmschaffende ihr Wesen nicht begriffen hätten. Bob Dylan schwärmt von den Geistern von New Orleans, und Lou Reed beklagt den Tag, an dem John Kennedy starb.
Das ABC des Ambrose Bierce
Man blättert durch die Seiten und stößt immer wieder auf neue Entdeckungen. Zum Beispiel auf das amerikanische ABC, in dem sich Ambrose Bierce ironisch mit dem „Land of the free“ auseinandersetzt und dabei Krieg als „Nebenprodukt der Friedenskünste“ bezeichnet. Auch in der „Timelime 250 Jahre USA“ warten größere und kleinere Entdeckungen zur ganzen Bandbreite des American Dream zwischen Woodstock und Micky Maus, Moonwalk und Silicon Valley, Shopping Malls und Wallstreet.
Horst Lauinger und Stefan Wagner wollen ihre Anthologie als „Lichtblick in Zeiten der Finsternis“ verstanden wissen. Auf jeden Fall ist sie eine Fundgrube von Texten, die dabei helfen können, die unterschiedlichsten Facetten der USA zu verstehen.
Info. Horst Lauinger/Stefan Wagner Hrsg. I have a dream, Manesse, 950 S., 40 Euro
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