Der fremde Vater

27. Juni 2026

Der Vater Pierre stammt aus dem Finistère in der Bretagne – wie sein Vater und dessen Vater. Die Tochter, Anne Berest, ist in Paris aufgewachsen. Und auch wenn sie mit der Familie jeden Sommer an die bretonische Küste fuhr, blieb eine Fremdheit zwischen ihr und dem Vater, der sie in diesem Buch auf die Spur zu kommen sucht.

Das Schweigen des Vaters

Ihre Recherchen sind ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Berests Vater Pierre ist todkrank. Der hochbegabte Wissenschaftler ging ein Leben lang ganz in seiner Forschung auf und gab sich im Alltag oft schweigsam. Es war die Mutter, Lélia, die dann für die Familie da sein musste. Die Tochter findet Worte, erzählt aus Ahnenzeiten – vom Urgroßvater Eugène, der die erste Agrargenossenschaft in der Region gründete, dem Großvater, Eugène junior, der gegen den Wunsch des Vaters Gymnasiallehrer wurde und später Bürgermeister von Brest. Schließlich ihr Vater, Pierre Berest, der ganz aus der Familientradition ausbrach. In Paris fand der hochintelligente Außenseiter seine Heimat bei den Trotzkisten – und einen einzigen guten Freund, Pierre François.

Die Idee der Bifurkation

Immer wieder sucht Anne Berest das Gespräch mit dem kranken Vater, von dessen aktivistischer Vergangenheit sie bis dahin nichts ahnte. Wie in ihrem Erfolgswerk „Die Postkarte“ hat sie sich tief eingegraben in die Geschichte. Am besten gelungen sind die Kapitel über die Bretagne, die von den handschriftlichen Aufzeichnungen des Großvaters profitieren. Berest sucht nach den Verbindungslinien zwischen den Generationen und bedient sich dabei der Idee der Bifurkation, die eine plötzliche Veränderung im linearen System beschreibt. Wie ihr Vater und auch der Großvater ist sie selbst aus dem Generationenplan ausgebrochen, hat ihren eigenen Weg eingeschlagen, gegensätzlich zu dem ihrer Eltern.

Abschied vom Freund

Das Schweigen des Vaters ist eine Belastung für diese fast behutsame Annäherung an diese Familiengeschichte. Manche Kapitel sind eher ausufernd geraten und schaffen es trotzdem nicht, die Erinnerung zum Leben zu erwecken. Eine Ausnahme ist der Abschied vom aidskranken Freund Pierre François: „Pierre und Lélia brauchten eine Weile, ehe sie das Auto wiederfanden. Sie schwiegen in dem Bewusstsein, dass diese Morgendämmerung das Ende einer Epoche markierte, das Fest war vorbei, es hatte ihre Jugend verschlungen. Während sie die Straßen von Paris hinter sich ließen und in die Banlieue eintauchten, sahen sie, wie mit der Grausamkeit der Gleichgültigen der Tag heraufzog.“

Akribische Familienforschung

Am Ende stirbt auch der Vater, es ist Anne Berest nicht gelungen, der Fremdheit auf den Grund zu gehen, ja gar sie zu überwinden. Trotzdem ist dieses Buch eine Liebeserklärung an den – unerklärbaren – Vater. Und weil in der langen Familiengeschichte auch politisch in Frankreich viel passiert ist, erfährt man ganz nebenbei von der deutschen Besatzung, dem revolutionären Mai 1968, den großen Streiks von 1995, Aids und dem ersten Nichtrauchertag, für die vielrauchende Familie ein absoluter Einschnitt. Auch wenn „Vatertage“ nicht ganz an „Die Postkarte“ herankommt, lesenswert ist diese akribische Familienforschung allemal.

Info. Anne Berest. Vatertage,  aus dem Französischen von Amelie Thoma und Michaela Meßner, Berlin Verlag, 450 S.,25 Euro

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.