Die laotisch-kanadische Autorin Souvankham Thammavongsa braucht nur einen einzigen Tag in einem Nagelstudio, um in ihrem Roman „Frag nach Susan“ die Kluft zwischen Dienenden und Bedienten zu zeigen. Zwischen den asiatischen Mädchen und der weißen Kundschaft. Die Mädchen tragen alle den Namen Susan, weil es die Studio-Inhaberin so will. Sie sehen auch alle gleich aus, schwarz gekleidet, mit schwarzen Haaren. Die Unterschiede nehmen die Kundinnen und Kunden nicht wahr, weil sie die Mädchen nicht wirklich sehen.
Stets zu Diensten
„Unseren Kunden fällt es nicht auf. Sie kommen rein, und wir stehen bereit und können loslegen. Nur das zählt für sie… Die liebe Susan ist immer verfügbar und stets zu Diensten.“
Aber sie nutzen die Zeit der Mani- oder Pediküre, um über ihre Sorgen und Nöte zu reden. Den Babywunsch, den verheirateten Liebhaber, den verlorenen Job, die nahe Hochzeit… Scheinbar hören die Susans in Nings Nagelstudio nur zu, auch wenn sie sich in ihrer eigenen Sprache unterhalten. Dass sie sich über ihre Kundinnen lustig machen, bekommen die nicht mit. Dafür nehmen sie sich und ihre Geschichten viel zu wichtig und die Mädchen als Persönlichkeiten nicht wahr.
Das Studio als Lebensinhalt
Auch Ning will möglichst wenig über das Privatleben ihrer Mädchen wissen, die ohnehin ständig wechseln. Auch für sie sind das in erster Linie Susans. Das eigene Nagelstudio ist ihr Leben, sie hat nichts anderes:
„Ich fülle die Zeit mit Arbeit. Wenn ich nichts zu tun habe, greife ich zum Telefon. Ordne die Nagellacke an der Wand. Nehme die Werkzeuge aus der blauen Flüssigkeit und trockne sie ab. Ich trage den Müll hinaus, putze das Bad.“
Ihre Box-Karriere ist beendet, der Trainer hat eine neue, junge Schülerin. Aber die Regeln, die er ihr eingetrichtert hat, bestimmen weiterhin Nings Alltag. Sie will die Oberhand behalten, sich nicht abhängig machen – auch wenn sie so etwas wie Zuneigung zu ihren Mädchen empfindet.
Perfekt inszenierte Scheinwelt
Souvankham Thammavongsa zeigt das Nagelstudio als perfekt inszenierte Scheinwelt, bevölkert von falschen Susans. Mit bissigem Humor schildert sie, wie die redseligen Kundinnen die Mädchen dazu benutzen, ihre Alltagssorgen loszuwerden – wie in einem Beichtstuhl. Die perfekt lackierten Nägel können nicht darüber hinweg täuschen, dass der Lack längst ab ist. Die Susans wissen das, ihre Rache besteht in bitterbösem, ja makabrem Tratsch. Und doch ist da unterschwellig immer eine Sehnsucht dazu zu gehören, sichtbar zu sein. Auch das zeigt die Autorin in einer Präzision, die an Nings Nagelpflege-Regeln erinnert.
Info. Souvankham Thammavongsa. Frag nach Susan, Aufbau, 204 S., 24 Euro
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