Der Mann im Dunkeln

22. August 2025

Ingrid Noll ist ein Phänomen. Sie sitzt nicht nur mit fast 90 Jahren am Schreibtisch, sie versetzt sich für ihr neues Buch Nachteule  auch in die Zeit der Pubertät zurück. Denn Luisa, die Ich-Erzählerin, ist gerade mal 15 Jahre alt, als sie Tim kennenlernt. Schnell wickelt der Obdachlose das Mädchen um den Finger. Denn die brave Luisa, in der Schule als Streberin abgestempelt, sehnt sich danach, aus der kleinbürgerlichen Enge ihres Elternhauses auszubrechen.

Die Adoptivtochter aus Peru

Als sie ein Gespräch ihres Vaters über ein eigenes Kind mitbekommt, wird ihr wieder einmal deutlich, dass sie adoptiert ist – ein indigenes Mädchen aus Peru, eine Exotin. Lieben ihre Eltern sie überhaupt? Eigentlich geht es ihr gut, die Eltern sind wohlhabend, sie ist behütet in einem großen Haus am Waldrand aufgewachsen. Und sie ist ja auch auch dankbar dafür. Aber sie ist auch innerlich zerrissen. Zumal in dieser kleinen Familie nichts so richtig heil ist.

Nachtsicht

Alle scheinen auf ihre Rollen fixiert – und nicht nur Luisa träumt davon auszubrechen. Dabei kommt ihr eine ganz besondere Gabe zu Hilfe: Sie kann im Dunkeln sehen. Dabei kommt ihr Brechts Dreigroschenoper in den Sinn und die Zeilen „und man sieht nur die im Lichte,/Die im Dunkeln sieht man nicht“. Der im Dunkeln, das ist doch Tim!

Grenzüberschreitungen

Während die Eltern die Beziehungskrise totschweigen und die Mutter sich in nichtssagende Sprichwörter („Unter jedem Dach ein Ach“) flüchtet, entdeckt Luisa mit dem Ganoven Tim eine neue, aufregende Welt. Als Obdachloser hat er ihren Beschützerinstinkt geweckt, als Gesetzloser weckt er ihre Abenteuerlust. Wider alle Vernunft versteckt Luisa Tim im Keller des Elternhauses und gerät dabei immer tiefer in eine ausweglose Situation. Und Tim nutzt das aus, bringt das Mädchen dazu, ihre Eltern zu belügen, Nachbarn zu bestehlen und die Grenzen der Wohlanständigkeit zu überschreiten.

Kein typischer Krimi

Man kann das alles kaum ertragen, die kleinkarierten Spannungen zwischen den Eheleuten, die Naivität des Teenies, all die Lügen und Betrügereien. Nachteule ist kein Krimi, wie man ihn von Ingrid Noll kennt. Es ist eher eine Coming-of-Age-Geschichte mit kriminellem Hintergrund. Schade, dass die Figuren außer Luisa und Tim eher schemenhaft bleiben.

Megacrincher Neusprech

Die Floskeln der Mutter nerven zunehmend, aber auch das Neusprech der Jugend wirkt gekünstelt, wenn auch nicht ohne Selbstironie: „Früher“, sagt Mitschüler Noah zu Luisa, „warst du eine magacringe Streberin, die sich ausdrückte wie eine alte Schachtel aus den Achtzigern.“

Da hat Ingrid Noll vielleicht ein bisschen zu dick aufgelegt. Immerhin zeigt die alte Dame mit ihrem neuen Roman, dass sie auf der Höhe der Zeit ist. Und so nimmt „Nachteule“ die Lesenden mit auf eine spannende Achterbahn der Gefühle, die allerdings ziemlich abrupt endet.

Info Ingrid Noll. Nachteule, Diogenes, 302 S., 26 Euro

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