Der Tod kommt unvermittelt – in der Zwischenwelt des Flughafens. Niemand ist darauf vorbereitet, der sterbende Oskar nicht, auch nicht die drei erwachsenen Kinder oder die geschiedene Ehefrau. Nach dem Tod des Vaters müssen sich die Kinder mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen. „Heute kein Abschied“ heißt der Familienroman des Niederländers Daan Heerma van Voss, der sich vom Tod des eigenen Vaters zu dem Roman inspirieren ließ.
Tod auf dem Flughafen
Es geht wie so oft in Familienromanen um Sprachlosigkeit, um komplizierte Beziehungen, Brüche und Geheimnisse. Der Roman beginnt mit Oskars plötzlichem Tod am Amsterdamer Flughafen: „In den nach Fußbodenreiniger riechenden Grotten Schiphols, in dem Streifen Niemandsland zwischen Gate D12 und D14, bricht er zusammen. Wie eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten werden, und mit jedem Schnitt ist er weniger er selbst.“ Im Rückblick wird der Autor erzählen, wer Oskar war – ein Fotograf, der gern und viel unterwegs war. Ein Ehemann und Vater, der so oft wie möglich aus seiner Familie floh, was nicht ohne Folgen auf die Kinder blieb.
Die Lebenslüge
Abwechselnd erzählt Daan Heerma van Voss von Oskar, seiner Ex-Frau Elise und den Kindern Moor, Tessel und Cat. Auch von Oskars zweitem Leben in Los Angeles. Und davon, was Oskar sein Leben lang verdrängte, dem Missbrauch durch einen Priester. Diese Erfahrung und seine Weigerung, sich ihr zu stellen, macht Oskar unfähig, tiefe Gefühle zuzulassen. Die Lebenslüge zerstört sein Leben und das der Familie. Seine Frau verlässt ihn und sucht Trost bei einem Jugendfreund. Die Kinder gehen eigene Wege – und können sich doch nicht ganz dem väterlichen Einfluß entziehen.
Das Fragezeichen
Der Aussteiger-Sohn Moor spricht darüber in seiner Abschiedsrede bei der Beerdigung des Vaters: „Ich bin überzeugt, wenn wir, seine Kinder, eine Person nennen müsste, die prägend gewesen ist, dafür, wer wir geworden sind, dann würden wir ihn nennen. Nicht als Halt, wie Mama es war. Er war das Fragezeichen, das uns in Bewegung hielt, das uns miteinander verband. Wir verstanden ihn nicht. Weil wir ihn nicht verstanden, hörten wir nicht auf, Fragen zu stellen. Weil wir Fragen stellten, kamen wir vorwärts. Er war ein Rätsel, das einfach nicht gelöst werden konnte. Ist das schlimm? Nein.“
Ende und Anfang
Moors jüngere Schwester Cat ist zur Beerdigung aus New York gekommen, wo sie Psychologie studiert und sich endlos mit ihrer Arbeit über den Zerfall der Kernfamilie abplagt. Und Tessel, die Älteste, Mutter einer Tochter, ist zwar als Schriftstellerin und Dozentin erfolgreich, aber in ihrer Ehe nicht glücklich. Vom Tod des Vaters könnte sie für ihr literarisches Schreiben profitieren. „Über den Tod zu schreiben, ist auch eine Form des zum Leben Erweckens“, erkennt sie, und: „Über ein Ende zu erzählen, kann ein Anfang sein.“
Für die Hinterbliebenen ist Oskars Tod ein Anfang. Sie haben die Asche verstreut. Sie wissen mehr über den Vater und sich selbst, können die Verbindung mit ihm neu definieren. Sie haben noch ein Leben vor sich.
„Heute kein Abschied“ von Daan Heerma van Voss ist ein großer, nachdenklich machender Roman über die Komplexität von Familien und die Herausforderungen des Lebens.
Info Daan Heerma van Voss. Heute kein Abschied, Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens, Diogenes, 496 S., 26 Euro
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