Viel wurde und wird über den Osten geschrieben. Aber „was ist eigentlich mit dem Westen?“ fragte der Verleger Gunnar Cynybulk, der 1985 mit 14 seinem aus der Haft freigekauftem Vater in den Westen nachgereist war. Aus der Frage entstand das Buch „Der Westen – eine ostdeutsche Empfindung“. Ein Buch zur rechten Zeit – auch für Touristen aus West und Ost.
Das Trennende
Denn Deutschland ist noch lang kein einig Vaterland – auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht. Noch immer trennen die Menschen im Osten und im Westen nicht gerade Welten, aber Erfahrungen und Ansichten. „Die ideale Wiedervereinigung hätte exakt die Republik hervorgebracht, die Westdeutschland für unsere Augen sein wollte“, schreibt Jakob Hein in dem Essay „Der im Osten erfundene Westen“.
Traum und Realität
Dieser Westen war bunt und schön und für DDR-Bürger unerreichbar. Ihre Vorstellung war geprägt vom Westfernsehen und von den Erzählungen der West-Verwandtschaft. Die seltenen Gäste aus Westdeutschland gaben den Ostdeutschen häufig das Gefühl, nicht gleichwertig zu sein, nicht auf der Höhe der Zeit. Sie wurden mit kleinen Geschenken abgespeist, man erkannte ihnen keine eigenen Errungenschaften zu, sie waren und blieben die armen Verwandten.
Flucht in die Ferne
Das prägte eine ganze Generation Ostdeutscher nach der Wende. Und es ging soweit, dass Ostdeutsche ihre Herkunft lieber verleugneten, als sich von arroganten Westlern belehren zu lassen, wie Annett Gröschner schreibt. Andere wollten möglichst weit weg, über die Grenzen Europas hinaus bis nach Amerika, um sich neu zu orientieren.
Die Autoren und Autorinnen in dem Buch zehren von unterschiedlichen Erinnerungen, entsprechend unterschiedlich sind auch ihre Empfindungen. Enttäuschung schwingt oft mit, Kritik am egozentrischen Selbstverständnis des Westens, auch schönfärberische Nostalgie.
Gelsenkirchen und Berlin
Und im Westen, wohin es viele bereits im Kindesalter verschlagen hatte, war nach der Wende bald der Lack ab. „Im Westen träumte niemand vom Osten“, stellt Constanze Neumann klar. Aber für die Menschen in der DDR war der Westen lange Projektionsfläche für ihre Wünsche. Es ist diese Ungleichheit, die bis heute in dem Verhältnis zwischen West und Ost mitschwingt.
Auch in diesem Buch, das Texte von 16 bekannten und nicht ganz so bekannten Autoren versammelt. Herausgekommen ist ein durchaus widersprüchliches, oft fragmentiertes Porträt des Westens, in dem Gelsenkirchen ebenso Platz hat wie die lebendige Kulturszene in der ehemaligen DDR und Berlin.
Info. Cornelia Geissler Hrsg., Der Westen – Eine ostdeutsche Empfindung, Kanon, 206 S, 22 Euro
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