Die Entzauberung

6. Juni 2026

Zoe Dubno traut sich was. Ausgangspunkt zu ihrem Romandebüt „Nur das Allerbeste“ sei Thomas Bernhards Roman „Holzfällen” aus dem Jahr 1984 gewesen, schreibt sie in ihrer Anmerkung am Ende des Buchs. Bernhards bitterböse Satire auf die Wiener Kulturszene sorgte vor 40 Jahren für einen Skandal , wurde sogar kurzzeitig aus dem Buchhandel verbannt.
Jetzt also, gut 40 Jahre später, ein Nachhall – in der New Yorker Kunstszene. Anderer Kontinent, anderes Personal. Die Erregte ist eine Frau, der lang erwartete Gast eine Hollywood-Schauspielerin.

Geballte Verachtung

Und sonst – ist der Roman bewusst einem Gedankenfluss nachempfunden. Die junge Frau auf dem weißen Sofa steigert sich anlässlich eines „Künstleressens“ in immer größere Verachtung hinein. Kein Wunder, findet sie sich doch bei diesem vornehm inszenierten Essen in einem Bohème-Umfeld wieder, vor dem sie vor Jahren geflohen war. Ausgerechnet der Tod Rebeccas, einer gemeinsamen Freundin, führt sie wieder mit ihren früheren Förderern Nicole und Eugene zusammen, die sie früher schrankenlos bewundert hat und inzwischen verabscheut: „Eugene und Nicole waren die reinsten Zauberer für mich, Glücksfeen, die reinsten Götter.“ Je selbstständiger sie wird, desto mehr entzaubern sich die allzu übergriffigen Gönner.

Zweifelhafte Moral

Von der Couch aus geht die junge Frau mit ihrer ganzen Umgebung ins Gericht; nicht einmal die tote Freundin findet da Gnade. Ja, auch sie selbst kann sich nicht ausnehmen. Hat sie doch die Freundin im Stich gelassen und damit keinen Grund, sich als die einzige wahrhaft Trauernde aufzuspielen. Schlimmer noch, sie erkennt die eigene Moral als zweifelhaft: „Habe ich erst mal ein, zwei Gläser Wein intus, stehen meine Moralvorstellungen komplett auf der Kippe. Wenn ich mit Josef Mengele am Tisch säße und er würde mir einen richtig guten Weißwein einschenken, trocken und mineralisch, dann würde ich wahrscheinlich das Glas auf seine wissenschaftlichen Errungenschaften erheben.“ Die Anspielung auf den mörderischen KZ-Arzt im Zusammenhang mit einem dekadenten Dinner ist grenzwertig. Auch wenn sie dem Furor der monologisierenden Kritikerin geschuldet ist.

Die Axt am Dinnertisch

Da sitzt sie schon am Tisch, weil die Schauspielerin eingetroffen ist. Und der Ehrengast des Abends übernimmt wie bei einem Staffellauf die Kritik – nicht leise, sondern laut. Der um sich kreisende Literaturbetrieb im Selfie-Modus wird ebenso zerfetzt wie die inzestuöse Kunstszene. Nicht mit dem Skalpell, sondern mit der Axt. Die Gastgeber stehen symbolisch nackt da – und unsere Kritikerin empfindet sogar so etwas wie Mitleid und wünscht ihnen ironisch „Nur das Allerbeste“.

Dubnos eng an Bernhards „Holzfällen“ angelehnter Gedankenfluß-Roman mit seinen absatzlosen Sätzen ist nah am Puls dieser Zeit, in der alles käuflich scheint. Der Name Trump fällt zwar nicht, aber die Protagonisten scheinen die Deal-Philosophie des amerikanischen Präsidenten verinnerlicht zu haben. Die abgehobene Kunst-Schickeria lebt vom und für den Protz. Eine gelungene Entzauberung.

Info. Zoe Dubno. Nur das Allerbeste, dtv, 281 S., 25 Euro

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