Die Schweiz am Scheideweg

2. August 2026

Die Schweizerin Seraina Kobler hat als Journalistin gearbeitet. Das merkt man ihren Romanen an. Im neuen Buch „Tal der Schwalben“ konfrontiert uns die Autorin mit einer Schweizer Zukunft, die womöglich gar nicht so fern ist. Es geht um die Sicherung der Stromversorgung der Metropolregion, zu der die Städte zusammengewachsen sind. Dafür sollen die Bergdörfer geopfert werden.

Zwischen den Stühlen

Der junge Wissenschaftler Alesch fühlt sich zwischen allen Stühlen. Auf der einen Seite setzt er viel Hoffnung auf den Fortschritt, auf der anderen Seite hängt er an der urwüchsigen Bergwelt, in die er hineingeboren wurde. Doch auch sein Dorf Pradetta im Schatten des Gletschers gehört zur Sperrzone, selbst wenn es bisher noch nicht geräumt wurde. Und da lebt Aleschs große Liebe Annetta.

Beunruhigende Naturphänomene

An sie wird er erinnert durch ein Päckchen, das ihm den Duft der Geliebten und den Geruch der Heimat zurückbringt. Ist es Zufall, dass er gerade jetzt zurückkehren soll nach Pradetta, um die Bewohner zum Verlassen des Dorfs zu motivieren? In einer Zeit, in der sich immer mehr Widerstand gegen die Pläne der scheinbar allmächtigen Stromgesellschaft regt? In der aber auch beunruhigende Naturphänomene rund um das Dorf zunehmen?

Ein Ort wie eine Arche

Der Rückkehrer wird nicht mit offenen Armen empfangen. Die Gräber der Familie sind eingeebnet, ehemalige Freunde begegnen ihm mit Misstrauen.
„Er fühlt ein Reißen in der Brust, gegen das der Verstand nicht ankommt. Denn das Dorf ist mehr als nur eine Ansammlung von Häusern. Es bewahrt auch eine jahrtausendealte Kultur, mit eigenen Lebensformen und alpiner Landwirtschaft, eine Gegenordnung zum Leben in der Stadt… Ein Ort wie eine Arche.“

Düstere Ahnungen

Aber Annetta freut sich über das Wiedersehen. Schnell ist die alte Vertrautheit wieder da, obwohl die junge Frau kurz vor der Hochzeit mit Aleschs Freund Ciro steht. Gemeinsam erkunden die beiden den Gletscher und kommen dabei fast ums Leben.

Alesch ahnt, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Eine frühere Kollegin war von einer Exkursion nach Pradetta nicht lebend zurückgekommen. Womöglich weiß seine Kollegin und Geliebte Chantal mehr. Als Alesch schließlich dämmert, was sich tief unten in der Gletscherhöhle verbirgt, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Denn was da außer Kontrolle zu geraten droht, könnte alles Leben rundum vernichten.

Eine andere Natur

Seraina Koblers Zukunfsszenario ist nah dran an unserer Gegenwart mit ihren Murenabgängen, Feuersbrünsten und einer aus dem Lot geratenen Natur. Ihr Roman ist trotzdem keine hoffnungslose Dystopie. Dafür sorgen gleich mehrere sagenhafte Liebesgeschichten. Bei den eindringlichen Naturbeschreibungen hat Kobler es mit der Poesie zwar manchmal etwas übertrieben, aber das ist wohl der grandiosen und grandios gefährdeten Bergwelt geschuldet.

„Es ist nicht die Landschaft, die bedroht ist“, erkennt der alte Lehrer Gian am Ende seines Lebens: „Sie verschwindet nicht,  wir verschwinden. Die Natur hat keine Tränen, sie träumt nicht. Sie wird einfach eine andere sein.“

„Tal der Schwalben“ ist sicher eines der Bücher zur Stunde. Denn Seraina Kobler hat neben der gefährdeten Natur auch andere aktuelle Probleme in ihren Roman gepackt wie das Elend der Geflüchteten oder den grenzenlosen Ehrgeiz der Wissenschaft. Lesen lohnt sich!

Info Seraina Kobler. Tal der Schwalben, Diogenes, 340 S., 25 Euro

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