Sie ist über die besten Jahre hinaus, die Ehe dümpelt dahin, der Mann geht seine eigenen Wege. Die Psychotherapeutin Terese ist frustriert. Kein Wunder, dass sie in Indien mit einem deutlich jüngeren Liebhaber auflebt. Bodo Kirchhoff denkt sich in seinem Roman „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ in den Kopf dieser Frau hinein – allerdings über den Mann, Vigo. Doppelt verschränkt versucht der Schriftsteller, aus Tereses Perspektive über ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse zu schreiben, über die Entfremdung in der Ehe und die Träume, die auch im fortgeschrittenen Alter noch da sind.
Schwieriger Balanceakt
Es ist ein Balanceakt, der auch dem stilsicheren Bodo Kirchhoff nicht immer gelingt. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, als Ich-Erzähler von einer Frau zu erzählen, niemals,“ sagte Kirchhoff in einem Interview. „Es ist immer ein Mann, der erzählt, wie er sich das denkt und vorstellt. Das ist das Wesentliche an diesem Buch.“ Es geht also um die Innenperspektive der Frau über die Vorstellungswelt des Mannes. Das wird an einer Stelle besonders heikel, als Vigo Terese gegen ihren Willen dazu bringt, mit ihm zu schlafen. Für ihn keine große Sache, für Terese mitentscheidend dafür, dass sie sich von Vigo trennt.
Die indische Variante
Dabei ist sie ihrem Mann nachgereist, als er sich nach Indien aufgemacht hat angeblich, um für sein Buch über eine Welt ohne Waffen zu recherchieren. Und dann läuft ihr dieser Inder mit deutscher Mutter über den Weg: Rana Walter Punjabi ist im Schwarzwald groß geworden, wo auch Terese ihre Kindheit verbracht hat. Auch das könnte ihre Anziehungskraft für ihn erklären. Die beiden haben eine heftige Affäre, die Tereses Lebenspläne ziemlich durcheinander bringt. Sie ist keine treue Ehefrau, war es nie. Mit ihrem Doktorvater hatte sie eine langjährige Beziehung, die auch eine Abtreibung zur Folge hatte. Nebenher gab es noch ein paar kleinere Affären. Aber mit Rana erlebt Terese Liebe und Sexualität neu.
Komplexes Konstrukt
Auch das Intermezzo in London, wohin Tochter Ava die Eltern bestellt hat, um ihnen den Mann vorzustellen, den sie heiraten will, entfernt Terese nicht von ihrem indischen Traum. Es ist der Alltag, der sie zermürbt – so exotisch das Indien vor ihrer Haustür auch ist. Da gelingen Kirchhoff wunderbare Szenen, die man gern mal in einer guten Reisereportage lesen würde. Überhaupt ist vieles in diesem durchaus lang geratenen Roman brillant erzählt. Denn in dem komplexen Konstruk der Nahaufnahmen steckt auch viel von der Komplexität unserer Gegenwart.
Hineingelesen…
… in Tereses Gedankengänge
Was ist guter Sex? Sie hat sich das schon oft gefragt und umso dringender, je mehr sie in das verwickelt war, was allgemein so genannt wird. Was also – das geht ihr durch den Kopf auf der Fahrt zu einer Straße mit Bankfilialen, Läden und Restaurants, die auf den Marine Drive mündet. Ist es ihre Verwicklung darin, dass sie eine Art Knoten mit dem Anderen bildet, so war es jedenfalls oft, oft war es aber auch so, dass sie mit sich selbst einen Knoten gebildet hat und niemanden brauchte, um nach Lösen des Knotens mit einem Gefühl von Erleichterung aufzustehen. Ist guter Sex also ein Triumphieren über das Gefühl von Schwere? Dann dürfte ihr jetzt nicht auf dieser Fahrt durch die Stadt, in der Rückbankkuhle eines Taxis, das Herz schwer sein, wie man so sagt – schwer von einem Verlangen, von dem sie nicht weiß, ob es bei Rama überhaupt ankommt, wie sie auch nicht weiß, was er von ihr will, außer oder neben der täglichen Stunde in seinen Armen… Und eigentlich sucht sie hier auch eher das Schöne, um sich damit zu vereinen. Ranas Haar und seinen Mund, seine Stimme und seine Höflichkeit, all das liebt sie, nur ob sie ihn liebt, das bleibt offen…
Terese zieht mit ihrem Kärtchen dreißigtausend Rupien, rund dreihundert Euro, und verstaut sie im Reißverschlussfach der Tasche zwischen den Ohrringen und der kleinen Phiole und dem Wohnungsschlüssel, dabei kommt ihr die Idee, ein Selfie zu machen, um zu sehen, ob man ihr etwa ansieht, dass sie mittags eine Stunde lang von allen Seiten umarmt wurde, aber sie gibt die Idee auf, weil Vigo zurückgeschrieben hat. Du lässt dir Ohrlöcher nachstechen und das Herz von jemanden ausreißen, ich verlier mich in meinem Buch, was ist besser? Eine Frage, auf die sie nicht antworten will, und eigentlich will sie auch nichts mehr wissen von ihm; sie weiß viel zu viel von ihm, ebenso er von ihr, und wahrscheinlich ist es das, was sie an Rana anzieht: sein Unbeschriebenes und auch ihres für ihn.“
Info. Bodo Kirchhoff. Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt, dtv, 573 S., 28 Euro
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