Die beiden Protagonisten im Roman „Solange ein Streichholz brennt“ von Christian Huber könnten unterschiedlicher nicht sein: Der eine, Bohm, blickt mit 36 Jahren auf ein gescheitertes Leben zurück und ist seit fünf Jahren obdachlos. Die andere, Alina, hat Angst um ihre Zukunft. Sie fürchtet, vom Fernsehsender entlassen zu werden. Ihre letzte Chance auf eine TV-Karriere könnte eine Reportage über das Leben von Obdachlosen sein.
Der Hund
Und da kommt Bohm ins Spiel. Alina will ihn für ihre Reportage begleiten. Aber Bohm hat kein Interesse, über sein Leben zu reden. Auch wenn er nichts besitzt außer einem ungeöffneten Brief in seinem abgetragenen Parka, will er sich nicht kaufen lassen. Das ändert sich allerdings, als Fox auftaucht, ein kleiner Hund, der sich in Bohms Herz schleicht – und in das von Alina gleich mit.
Die Annäherung
Ja, das wird eine Liebesgeschichte – und nicht nur solange ein Streichholz brennt. Die beiden fühlen sich von einander angezogen. Gegen ihren Willen. Sie stoßen sich gegenseitig ab, nur um sich darauf noch näher zu kommen. Von dieser ungewöhnlichen Annäherung erzählt Christian Huber mit charmanter Leichtfüßgikeit: „Bohm sah sie an. Dann sahj er in ihre Augen. Ein funkeln, Ein Knistern. Gänsehaut auf Kopfhaut und Nacken. Licht in den Adern.“
Die Abrechnung
Reicht Liebe aus, um die gesellschaftliche Kluft zwischen den beiden überbrücken? Alina gerät in eine Achterbahnfahrt der Gefühle, zumal ihr der verantwortliche Kollege mit seinen Avancen und später mit bösen Vorwürfen zusetzt. Die Auseinandersetzung im Sender zur geplanten Obdachlosen-Reportage gerät zur Abrechnung mit einem auf Skandale fixierten Medienbetrieb. Im Kampf um Quoten geht es nicht um menschliche Schicksale. Kaltschnäuzig wird Bohm auf dem Regie-Schachbrett hin und her geschoben, wird Alina unter Druck gesetzt. „Die Leute wollen sich ekeln, wollen Mitleid aus der Entfernung heucheln“, behauptet der Programmchef und fordert „mehr Drama“.
Die Zukunft
Christian Huber kann das: Zeigen, wie ein Leben aus dem Ruder läuft. Bohm wird Alina doch noch die Vorgeschichte zu seiner Obdachlosigkeit erzählen. Sie wird ihn verstehen. Und dann? Ist das Märchen aus? Was wird aus Alina, nachdem sie den Chef hat abblitzen lassen? Christian Huber gibt darauf keine Antwort. Die Zukunft ist offen, da können sich die Lesenden ihren Reim darauf machen. Aber bis dahin hat er sie gut unterhalten und hoffentlich auch zum Nachdenken gebracht – über die eigenen Vorurteile gegenüber Obdachlosen.
Info. Christian Huber. Solange ein Streichholz brennt, dtv, 350 S., 23 Euro
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