Einmal Hölle und zurück

7. Dezember 2025

56 Jungs fliehen 1934 aus einer berüchtigten Strafkolonie auf einer bretonischen Insel. Alle werden wieder eingefangen, nur einer nicht – das ist der Ausgangspunkt von Sorj Chalandons mitreißendem Roman „Herz in der Faust“. Er erzählt in dramatischen Szenen von der Hölle eines Jugendknasts, von sadistischen Wärtern und zerbrochenen Kinderseelen. Er erzählt aber auch von einer Hexenjagd biederer Bürger auf Kinder, die schon den Dichter Jacques Prévert zu einem Gedicht in inspiriert hat.

Auf Kinderjagd

„Chasse à l‘enfant- Jagd auf ein Kind“, geschrieben 1934, handelt vom Aufstand jugendlicher Insassen im Straflager von Belle-Ile-en-Mer. Dort wurden jugendliche Straftäter aber auch Waisen drangsaliert, geschlagen, missbraucht. Am 27. August kam es zur Meuterei – und zum Ausbruch von mehr als 50 Insassen. Auf den Kopf jedes einzelnen wurden 20 Francs ausgesetzt – und nicht nur Einheimische auch Touristen gingen ohne Skrupel auf Kinderjagd.

Mit den Augen von Jules

90 Jahre später hat sich der in Tunis geborene Sorj Chalandon dieser Geschichte noch einmal angenommen – und Prévert und sein Gedicht darin integriert. Chalandon erzählt aus der Perspektive eines fiktiven Insassen der Strafkolonie. Jules Bonneau, genannt Kröte, ist ein elternloser Minderjähriger, der schnell wütend wird und den die erlittenen Ungerechtigkeiten gewaltbereit gemacht haben. Aber er ist auch empathisch, setzt auf Solidarität der geschundenen Kinder gegen die sadistischen Aufseher, die die ihnen Anvertrauten als Abschaum betrachten. Vor allem dem kleinen Camille Loiseau fühlt er sich verbunden: „Wir hatten einen Überlebensbund, fast so etwas wie Freundschaft. Das Wort Freund kam in meinem Leben nicht vor. Nie hätte ich jemanden so bezeichnet. Ich hatte keine Familie, keine Verwandten, keine Freunde. Kannte keine mütterliche Zärtlichkeit, keine väterlichen Regeln.“

Verrat und Hilfe

Als Lesende teilen wir die Perspektive des Jugendlichen, damit teilen wir auch seine Ängste, seine Wut, seine Ohnmacht. Und wir ahnen, irgendwann wird der Druck zu viel – es kommt zum Aufstand, zur Flucht und zur Hexenjagd. Dass Jules‘ Schützling Camille von den zwei alten Frauen verraten wird, die er um Hilfe bittet, wird er nicht vergessen. Er selbst hat Glück. Der Fischer Ronan, Kommunist und Ehemann der Krankenschwester Sophie, die die Verhältnisse im Kinderknast nur zu gut kennt, nimmt ihn auf, gibt ihm nicht nur Schutz, sondern eine Familie.

Innerlich zerrissen

Sorj Chalandon gelingt es auch da, die Zerrissenheit des Jungen nachfühlbar zu machen. Die alten Impulse wirken nach, der Selbsterhaltungstrieb, das Misstrauen: „Niemand kann aus seiner Haut. Ich versuche ja, meine Verbrechervisage abzumildern, das Rohe abzuschmirgeln, die Hyänenzähne herunterzuschleifen, aber der Geier in mir scharrt schon mit den Krallen.“ Jules muss erst noch lernen, wem er vertrauen kann. In seiner Unsicherheit wird er zum leichten Opfer von Sophies Bruder, einem skrupellosen Faschisten. Der will ihn für seine Rache am kommunistischen Schwager nutzen. Weil die von ihm fast wie eine Heilige verehrte Sophie, dabei hilft, ungewollte Babys abzutreiben, wendet sich der mutterlose Junge von ihr ab. „Meine Mutter hatte mich verlassen. Das war gemein, aber wenigstens hat sie mich nicht umgebracht.“

Bittere Abrechnung

Jules droht zum Spielball der Rechten zu werden – und besinnt sich gerade noch rechtzeitig, als er den perfiden Plan von Sophies Bruder durchschaut. Ronan hilft dem Ziehsohn bei der Flucht von der Insel – und Jules stirbt als Aktivist der Résistance. Diesem Lebensabschnitt seines Helden widmet Sorj Chalandon nur wenige Zeilen. Aber er lässt den 28-jährigen noch einmal zu Wort kommen – in einem „Brief an den Deutschen, der mich erschießen wird“. Darin rechnet er noch einmal mit seiner Vergangenheit ab: „Wenn du mich erschießt, tust du Frankreich nicht weh. Denn Frankreich scheißt auf mich. Ich habe nicht für Frankreich gekämpft, sondern gegen dich. Weil du das übelste Schwein bist… Weißt du was, Deutscher? Frankreich wird sich bei dir bedanken. Weil du ihm seinen miesen Job abnimmst. Du produzierst keinen Helden für Frankreich, befreist es aber von einem kleinen Gauner.“

Diesen „Helden“ und seine Geschichte wird man nicht so schnell wieder los. Sorj Chalandon hat die Lesenden im Kinderknast zu Mitverschwörern gemacht und später zu Mitschuldigen.  „Herz in der Faust“ ist ein kraftvoller Roman, der niemanden kalt lassen kann.

Info. Sorj Chalandon. Herz in der Faust, dtv, 309 S., 25 Euro

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