Erwachsen in einer Nacht

8. Juni 2026

Vater und Sohn allein unterwegs, das kann ganz schön kompliziert sein. In ihrem Roman „Wir gehen mal los“, der eher eine Novelle ist, zeigt Raffaella Romagnolo, wie aus einem Unglück Vertrauen, ja sogar Glück erwachsen kann. Der junge Amedeo hat sich nach dem Tod seiner Mutter total abgekapselt. Verzweifelt versucht der Vater, den Sohn wieder ins Leben zurückzuführen. Eine Bergtour scheint ihm am besten geeignet, Amedeo auf andere Gedanken und ihm näher zu bringen.

Der Aufstieg

Für den Sohn ist diese Idee abartig, er hält den Vater für einen Idioten. Aber er geht immerhin mit auf die Tour. Und während er sich beim Aufstieg abplagt, denkt er an die tote Mutter. Wie sie sich wohl verhalten hätte? Er denkt an das Mädchen in der Schule, Lucille Colombo, an den kleinen Bruder Lorenzo. Er denkt daran, wie es war, als er die Nachricht vom Unfalltod der Mutter erhielt.

Der Vorgeher

Vater und Sohn übernachten in einer Schutzhütte und kommen sich über Wortspiele wieder näher. Endlich können sie über den Tod der Mutter reden und über das, was er in ihnen bewegt hat. Auf dem Weg zum Gipfel geht der Vater voran, hilft dem von Höhenangst geplagten Sohn über die ausgesetzten Passagen. Der Rückweg scheint leicht, sie rutschen mehr über das Geröll als dass sie gehen. Amedeo fühlt sich fast beflügelt.

Das Unglück

Doch dann passiert es, eine Gerölllawine bringt den Vater zu Fall. Er bleibt liegen, eingeklemmt unter einem Felsbrocken. Amedeo weiß, dass er helfen muss. In dieser Einsamkeit ist der Vater auf ihn angewiesen. Er würde lieber bei dem Verletzten bleiben, aber er muss Hilfe holen. „Der Junge hasst Getue, aber sich aus dem Griff seines Vaters zu befreien, war das Schwerste, was er in seinem Leben je zu bewältigen hatte.“ Auf dem Weg durch die Nacht wächst er über sich hinaus, wird erwachsen. „In dieser Nacht hat mich das Leben an die Hand genommen“, weiß er hinterher.

Da ist sein Vater schon gerettet, dank der aufmerksamen Hüttenwirtin. Am Ende war die Idee, mal loszugehen doch gar nicht so schlecht.

Tierische Beschützer

Raffaella Romagnolo erzählt diese „Heldenreise“ in einer Nacht in einer poetischen, fast träumerischen Sprache. Symbolisch stellt sie dem Jungen einen Steinbock und einen Uhu zur Seite. Und das wirkt in diesem kleinen, von tiefen Gefühlen durchzogenen Roman weder merkwürdig noch kitschig.

Info. Raffaela Romagnolo. Wir gehen mal los,  ins Deutsche übertragen von Peter Klöss,  Diogenes, 173 S., 24 Euro

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