Könnte es so gewesen sein, in Oberammergau vor fast 400 Jahren? 1633, als das erste Passionsspiel stattfand? Robert Löhr hat sich in seinem Roman „Oberammergau“ hineingedacht in die damalige Zeit, als das schwer von der Pest betroffene Dorf seine Hoffnung in einen Eid setzte, der bis heute gilt: Nehme Gott diese Heimsuchung vom Dorf, wolle man die Passion Christi spielen – bis zum Ende der Zeit.
Das gespaltene Dorf
Robert Löhr hat sich intensiv hineingedacht in die Zeit, als Oberammergau ein Dorf am Ende der Welt war, arm und abgelegen. Als Kriege und Pest wüteten und die Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Vielen half der Glaube an ein besseres Jenseits, andere lehnten sich auf gegen einen Gott, der das irdische Elend zuließ. Löhr schildert eine gespaltene Dorfgemeinschaft, skizziert Menschen, die vom Schicksal – oder von der überstandenen Pest – gezeichnet sind. Es geht um Macht und Aberglauben, um Feindschaft und Liebe, um Intrigen und Heuchelei.
Mächtige Gegner
In dieses Wespennest kommt der junge Pfarrer Johannes und sieht sich alsbald mit der Verwirklichung des Passionsversprechens überfordert. Ihm fehlen die Worte, um das Stück lebendig werden zu lassen. Ihm fehlen die Akteure, die Kulissen, die Kostüme. Und doch packt ihn der Ehrgeiz, die Passion auf die Bühne zu bringen. Viel Zeit bleibt nicht, und die Gegner sind nicht zu unterschätzen. Vor allem Agnes, die Frau des mächtigen Dorfvorstehers, die durch die Pest ihre beiden Kinder verloren hat, will das Spiel mit allen Mitteln verhindern – selbst mit Gewalt. Unterstützt wird sie vom mächtigen Abt des nahen Klosters Ettal, dem das Spiel ein Dorn im Auge ist.
Das Dorfleben als Drama
Auch der Pfarrer kämpft mit allen Mitteln, wird zum Lügner, zum Hochstapler, ja zum Totschläger. Die Stimmung im Dorf ist vergiftet. Und doch gibt es immer wieder Lichtblicke, für die ausgerechnet Fremde und Andersgläubige verantwortlich sind. Der belesene Schwede Ingmar, vom Dorf zum Totengräber verdammt, zwei jüdische Wanderkrämer und der Bub Quirin aus dem verachteten Nachbarort Unterammergau erweisen sich als wichtige Stützen des Pfarrers. Immer mehr wird das Leben im Dorf selbst zum Drama alttestamentarischen Ausmaßes: Es wird gelogen und betrogen, gemordet und gefrevelt, dass Shakespeare seine Freude daran hätte.
Und kurz vor dem Aufführungstermin steht der Pfarrer vor einem Scherbenhaufen: „Die wichtigsten Menschen des Theaterstückes fehlten: der Regisseur war fort und seine Inspizientin hatte die Pest, der Autor war auf der Flucht, der begabteste Darsteller in Haft und der Komponist tot und begraben.“
Wechselbad der Gefühle
Löhr hat viel hineingepackt in diesen dicken Roman, Biblisches wie die Geschichte von Kain und Abel, Dramatisches wie Shakespeares Romeo und Julia, Sagenhaftes wie die Legende vom ewigen Juden. Erstaunlicherweise funktioniert das, auch dank der Fabulierlust des Autors und der differenziert gezeichneten Charaktere. Etwa im letzten Drittel des Romans geht Löhr noch einmal zurück zur Geschichte des Schwurs und rückt damit so einiges zurecht. Und da erscheint nicht nur die bisher als skrupellos und kalt empfundene Agnes in einem ganz anderen Licht. So erleben Lesende immer wieder ein Wechselbad der Gefühle – das Passionsversprechen als Fluch und Segen.
Oberammergau ist ein echter Pageturner, aber nichts für abendliche Bettlektüre. Die teils drastischen Szenen könnten zu Schlaflosigkeit oder Alpträumen führen. Was wohl die heutigen Oberammergauer zu dem Roman sagen? Immerhin hat die Passion hat das Dorf reich und weltbekannt gemacht.
Info. Robert Löhr. Oberammergau, Piper, 480 S., 26 Euro
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