Mag sein, dass der Titel „Als ich gegen Stalin im Armdrücken gewann“ ein paar Leute mehr dazu bringt, das Buch von Fredy Gareis zu kaufen. Doch er lenkt in eine falsche Richtung. Die Reise des Autors von Nord nach Süd entlang „des neuen Eisernen Vorhangs“ ist nämlich so viel mehr als ein schnöder Reisebericht von den Hotspots der Selfie-Generation. Er ist eine in dieser Zeit aufrüttelnde und wichtige Lektion in Geschichte.
Keine Lehren aus der Geschichte
Denn was derzeit in der Ukraine passiert, war längst schon angelegt. Es hat sich immer wiederholt. Und dass trotz all der schlimmen Erfahrungen mit Deportation, Folter, Unterdrückung und Manipulation wieder viele Menschen von den Vorteilen autokratischer Regierungen schwafeln zeigt, wie geschichtsvergessen die Menschheit ist – auch bei uns.
Der Dünger für neue Konflike
Umso wichtiger ist ein Buch wie das des belesenen Fredy Gareis, das nicht als akademische Vorlesung daherkommt, sondern im Erzählmodus eines Reisenden, den man gern begleitet. Und sein Fazit sollte allen zu denken geben, die trotz der russischen Aggression und trotz des Zulaufs für rechtsradikale Parteien noch unbesorgt in die Zukunft schauen:
„Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und Europa blutend und geschunden am Boden lag, halfen ihr die Amerikaner mit dem Marshallplan wieder auf die Beine – weil sie wussten, dass wirtschaftliche Krisen schnell zu politischen und dann zu strategischen werden. Als die Sowjetunion zerfiel, feierten die USA den Sieg des Westens. Doch die Kadaver vergangener Imperien sind oft Dünger für neue Konflikte.“
Die Erfahrungen der Menschen
Gareis hat vor seiner Reise von Norwegen und Finnland über die baltischen Staaten, Polen, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis nach Istanbul viel recherchiert und auf seiner Reise mit vielen Menschen gesprochen – mit Oppositionellen und Regimetreuen, mit Überlebenden und Spätgeborenen. „Ich tauchte tief in die Welt der Menschen ein, die an der östlichen Grenze der EU und der NATO leben,“ schreibt er. Er schlief „in billigen Hotels, in Schlafsälen und auf Parkbänken, reiste mit klapprigen Zügen, per Anhalter und marschierte auch immer wieder zu Fuß“.
Alltagsgeschichten und Historie
Die Geschichten, die er dabei von seinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern erfuhr, „waren traurig, berührend, unbegreiflich – aber auch inspirierend“ – und sie sind auf jeden Fall lesenswert. In diesem ungewöhnlichen Reisebuch kommt man diesen so unterschiedlichen Menschen nahe. Man erhält Einblick in ihren Alltag und erfährt über sie so viel mehr zur Historie ihrer Länder als in den meisten Geschichtsbüchern. Denn trotz aller touristischen Angebote und trotz ihrer Zugehörigkeit zu Europa sind die Länder, die Fredy Gareis bereiste, für viele immer noch „Terra incognita“, unbekanntes Land.
Info. Fredy Gareis. Als ich gegen Stalin im Armdrücken gewann, Malik, 256 S., 18 Euro
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