Gesehen werden

9. Juni 2026

Die Idee ist naheliegend, trotzdem originell. Jane Tara thematisiert in ihrem Roman „Mit anderen Augen“ die Unsichtbarkeit älterer Frauen. Bei ihr verschwinden diese Frauen tatsächlich Stück für Stück, das heißt Glied für Glied. Auch Tilda ist von dieser grassierenden Unsichtbarkeitserkrankung betroffen, will sich aber damit nicht abfinden. Sie hatte ihre zwei Töchter allein groß gezogen, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. Warum sollte sie nicht auch mit der Erkrankung fertig werden?

Unsichtbar

Doch trotz Tildas Abwehr nimmt die Unsichtbarkeitserkrankung immer mehr von ihr Besitz. Neben dem Ohr und dem kleinen Finger wird bald auch ihr Hals unsichtbar, dann noch der Arm… Sie trifft sich mit einer Selbsthilfegruppe und sieht, wohin die Krankheit führen kann: Eine der Frauen ist gänzlich unsichtbar, meldet sich aber immer wieder zu Wort – auch mit Kritik an der Ausrichtung der Selbsthilfegruppe, die den untragbaren Ist-Zustand akzeptiert. Auch Tilda rebelliert dagegen.

Anders sehen

Und dann trifft sie in einer Bar den attraktiven Surfer Patrick, der von ihren fehlenden Körperteilen scheinbar keine Notiz nimmt. Kein Wunder, Patrick ist blind. Aber er „sieht“ Tilda auf eine Weise wie andere es schon längst verlernt haben. Da trägt Jane Tara vielleicht etwas dick auf.

Märchenhaft schön

Und man fragt sich auch, ob es in Australien nur schöne Menschen gibt: „Patrick sah aus wie frisch vom Cover der GQ gestiegen- attraktiv in Bluejeans, schwarzem Hemd und einem grünen Sacke aus edlem Wollstoff, mit einer nur leicht getönten Brille.“ Bei so einem Anblick schmilzt die sonst eher kühle Tilda dahin. Natürlich sind auch Tildas Zwillingstöchter außergewöhnlich schön. Und schön ist auch das Ende dieses Märchens.

Kampf um Sichtbarkeit

Bis es soweit ist muss Tilda allerdings kämpfen – um ihre Sichtbarkeit und für die Frauen in der Selbsthilfegruppe, die sich schon daran gewöhnt haben, nicht gesehen zu werden. Dabei hilft ihr die Meditation ebenso wie das Coaching durch die die toughe – natürlich auch wunderschöne – Selma. Nicht alles gelingt, aber Tilda gibt nicht auf und wird schließlich belohnt – mit Sichtbarkeit.

„Was bedeutet es, sichtbar zu sein? Es bedeutet alles. Wir sehnen uns danach, in jeder unserer Beziehungen, so flüchtig sie auch sein mag. Wenn wir gesehen werden, gibt uns das Bedeutung. Aber Sichtbarkeit fängt immer bei uns selbst an. Zuallererst müssen wir uns selbst sehen.“

Sichtbar sein

Tilda hat sich mit Hilfe einer Foto-Chronik von der Unsichtbarkeitserkrankung befreit und dabei an Selbstbewusstsein gewonnen: „Dabei habe ich herausgefunden, dass ich ein Kraftfeld weiblicher Widerstandskraft bin, die Schöpferin meiner eigenen Geschichte und eine Frau, die mit steigendem Alter nicht an Wert verliert. Jetzt sehe ich mich klar und deutlich. Ich bin Tilda … und ich bin sichtbar.“

Für viele Frauen jenseits der 50 könnte dieser Roman ein Weckruf sein. Sie sind zwar nicht im wörtlichen Sinn unsichtbar, werden aber in der Gesellschaft zunehmend übersehen. Jane Tara zeigt ihnen, dass sie sich damit nicht abfinden müssen. Sie können zu eigener Stärke zurückfinden, gemeinsam mehr Sichtbarkeit erreichen – auch ohne den jungen, schönen Lover.

Info. Jane Tara. Mit anderen Augen, Aus dem australischen Englisch von Tanja Handels, Diogenes, 496 S., 25 Euro

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