Hannah Lühmann ist Journalistin und hat sich intensiv mit dem Social-Media-Phänomen der Tradwives beschäftigt, also jener Frauen, die im Gegensatz zu modernen Feministinnen die alte Geschlechterrolle lebt. Ein Rollenbild, das für von Familie und Beruf überforderte Mütter durchaus eine Versuchung darstellen kann. Von dieser Versuchung handelt Hannah Lühmanns Roman „Heimat“.
Alptraum der Spießigkeit
Jana und Noah sind mit ihren beiden Kindern in eine Siedlung im Grünen gezogen, die sie schon bald als einen „Alptraum der Spießigkeit“ empfinden. Während der Lehrer Noah jeden Tag zu seiner Schule in die Stadt fährt, fehlen Jana die sozialen Kontakte. Sie hat ihren Job gekündigt und ist wieder schwanger. Sie hadert mit der kleinbürgerlichen Umgebung, mit dem oft abwesenden Noah, dem Mutter-Stress.
Die Superfrau
Und dann erscheint Karolin – so schildert es Hannah Lühmann: Eine attraktive Frau mit blauen Augen und blonden Haaren, die Rilke aus dem Kopf zitieren kann und trotzdem ihre beiden kleinen Kinder problemlos im Griff zu haben scheint. Zu Hause habe sie noch drei weitere, verrät Karolin der verdutzten Jana, die schon bald davon überzeugt ist, in dieser Frau die perfekte Freundin gefunden zu haben.
Perfekte Inszenierung
Und perfekt ist auch Karolins Inszenierung als Tradwife auf Instagram: beim Kuchenbacken mit den Kindern, allein im Wald, Reels mit Rezeptideen und Basteltipps aber immer wieder auch „Lebensweisheiten“ über eine „christliche Ehe“, in der die Frau dem Mann untertan ist, und Filmchen mit ihrem Mann, Clemens, als männliches Ideal. Jana, die in einer Werbeagentur gearbeitet hat, steht dem Ganzen am Anfang zwar kritisch gegenüber.
Die Versuchung
Aber schnell gerät sie in Karolins Bann, wie auch die anderen Frauen aus dem Mama-Lesekreis. Berührungsängste, was rechtes Gedankengut angeht, schwinden wie ihre Gefühle für Noah. Und je weiter ihre Schwangerschaft fortschreitet, desto mehr fühlt sie sich von Clemens angezogen. Ein ambivalenter Charakter, der gern Holz hackt und schon mal im Supermarkt einkauft, aber wohl auch eine dunkle Seite hat. Schlägt er seine Frau, den in die Ehe eingebrachten Sohn?
Radikale Wandlung
Was bei den Lesenden bislang eher unterschwellig für leichten Grusel sorgte, wird immer mehr zu einem fühlbaren Unbehagen. In einem Video hat Hannah Lühmann von ihrer Faszination für das Antiaufklärerische, Dunkle, Irrationale erzählt. Dieses Irrationale prägt auch den letzten Teil des Romans, der von einer unheimlichen Symbolik aus der Kunstgeschichte grundiert wird und in einer nahezu surrealistischen Szene endet. Die Radikalität von Janas Wandlung ist verstörend.
Und am Ende fragt man sich, ob Hannah Lühmann mit ihrem Buch, das so nah am Puls der Zeit ist, nicht das Gegenteil von dem erreicht, was sie propagiert.
Info Hannah Lühmann. Heimat, hanserblau, 176 S., 22 Euro
Keine Kommentare