ElinaEines muss man Elina Penner lassen: Ihr Roman „Die Unbußfertigen“ ist am Puls der Zeit. Das Setting ist ein abgelegenes Herrenhaus, in das zehn Menschen, die das Internet erfolgreich gemacht hat, eingeladen sind. Es sind sieben Männer und drei Frauen: Natasch, eine junge Fitness-Influencerin mit dem berühmtesten Arsch und der festen Überzeugung, dass sie nur erntet, was ihr zusteht. Marco, ihr Freund und Manager. Der Rentner Klaus, der mit seinen bissigen Kritiken Hotels und Restaurants in den Ruin getrieben hat. Die Momfluencerin Anny, die skrupellos ihre Kinder vermarktet. Der Stalker Max, der Rechtsradikale Yannik, der Fuckboi Justin, der Macho Sergej. Schließlich Jutta, die sich im Netz als Madam Wisdom präsentiert und mit ihren esoterischen Ratschlägen vor allem Frauen vom oft lebensrettenden Arztbesuch abgehalten hat.
Schuld und Sühne
Sie alle sind Anhänger der App „Haɪmlɪk“, die alles andere als heimlich ist. Denn wer dort einen höheren Rang erreichen will, darf nichts verheimlichen, muss seine innersten Geheimnisse preisgeben. Das haben sie alle getan. Die Einladung von Haɪmlɪk zu einem exklusiven Wochenende sehen sie anfangs als Belohnung. Doch da liegen sie gründlich falsch: „Ihr habt furchtbare Dinge getan, für die man euch nicht schuldig sprechen kann“, hören sie eine KI-Stimme aus dem alten Kassettenrekorder. „Es ist an der Zeit zu büßen. Ihr müsst jetzt herausfinden, wer von euch mehr Schuld auf sich geladen hat als die anderen, und ihr müsst Buße tun.“
Alles fake?
Auch wenn die Figuren im Lauf dieses Wochenendes immer mehr von sich preisgeben, bleiben sie doch seltsam leblos. Oberflächen, die Elina Penner dazu nutzt, um typische Netzaktivitäten anzuprangern. Meist im Zwiegespräch mit anderen dieser seltsamen Zufalls-Gemeinschaft räumen die einzelnen Personen ihre Schwächen ein. Wobei sie meist auch gleich eine Entschuldigung mitliefern. Was sie nicht ahnen: Sie werden immer gefilmt. Nicht nur, wenn sie im Haɪmlɪk-TV-Studio ganz offen mit ihren Vergehen konfrontiert werden. Was ist real, was ist fake, fragen sich die Beteiligten, die sich zunehmend fühlen wie in einer Neuauflage der „Truman Show“.
Aktuelle Probleme
Das Ganze erinnert auch ein bisschen an das Dschungel Camp oder Big Brother, an Formate, die Zuschauende zu Voyeuren machten. Elina Penner konfrontiert in ihrem Buch die Lesenden nicht nur mit den Verführungen des Internets, sondern auch mit einer selbstverliebten, schamlosen, gierigen Gesellschaft. Sie bringt aktuelle Themen wie Frauenverachtung, Migration oder Generationskonflikte mit ein.
Am Ende tritt die „Person hinter dem ganzen Bumms“ (Natasch) auf, die Ex von ihm, dem reichsten Mann der Welt. Dahinter darf man wohl Elon Musk vermuten. Mit ihrer App habe sie ein Zeichen setzen wollen, sagt die Gründerin, die in Natasch eine Verbündete sieht.
Offene Fragen
So ganz zu Ende gedacht ist das Ganze dann leider doch nicht. Es bleiben einige Logik-Lücken und offene Fragen. Aber der Roman liest sich mit seiner Mischung aus Slang und zeitgemäßer Sprache locker. Womöglich führt er auch dazu, das eigene Internet-Verhalten zu überdenken.
Info Elina Penner. Die Unbußfertigen, Aufbau, 352 s., 22 Euro
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