Gianrico Carofiglio war Anti-Mafia-Staatsanwalt, Richter und Senator. Mit seinen Kriminalromanen um den sympathischen und klugen Avvocato Guerrieri hat der in Bari geborene Schöngeist weltweit Erfolg. In seinem neuesten Krimi „Der Horizont der Nacht“ ist Guerrieri mit einem Mordfall beschäftigt, vor allem aber mit mit seiner eigenen Psyche.
Ein klarer Fall
Eigentlich ist der Fall klar: Die reiche Unternehmerin Elvira Castell hat den zwielichtigen Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester Elena erschossen. Elvira ist überzeugt, dass Petacci ihre Schwester in den Selbstmord getrieben hat. Dass er auch weiterhin in der Wohnung der Toten zu bleiben gedenkt, bringt Elvira noch mehr gegen ihn auf. Sie stellt ihn zur Rede und erschießt ihn im Streit.
Duell vor Gericht
War es so? Guerrieri, von seinem Freund Octavio um anwaltliche Unterstützung gebeten, zweifelt. Womöglich käme auch Notwehr infrage. Die Klientin wirkt auf ihn fast unheimlich gelassen. Berührt sie der Todesschuss so wenig? Mit Hilfe eines Freundes Tancredi kommt er einer ermittlungstechnischen Schlamperei auf die Spur. Neben dem Toten lagen die Scherben einer Kristallflasche. Könnte Petacci Elvira damit bedroht haben? Vor Gericht liefert sich Guerrieri ein Duell mit dem Staatsanwalt, der klar auf Mord plädiert. Der Anwalt erringt einen Teilerfolg. Elvira Castell wird zwar schuldig gesprochen, muss aber nur halb so lang büßen wie vom Staatsanwalt gefordert.
Flut von Erinnerungen
Aber der Anwalt ist müde, voller Zweifel. Er war nie von seiner Beweisführung überzeugt, fühlt sich einer Lüge schuldig. Guerrieri reagiert besonders sensibel auf den Fall, weil er eine Psychoanalyse durchläuft. Dabei packt er buchstäblich seine Kindheit aus einem alten Rucksack aus. Die Erinnerungen überfluten ihn, verschaffen sich Zutritt in den Träumen. Längst ist er seines Berufes überdrüssig, geht hart mit sich selbst ins Gericht. Der Psychoanalytiker, ein C.G.Jung-Schüler, unterstützt ihn ebenso sensibel wie klug bei der Selbsterkundung.
Melancholische Suche
Giancarlo Carofiglio sagt, er habe nicht nur über die Grauzonen von Recht und Gerechtigkeit schreiben wollen, sondern auch über die Suche nach dem persönlichen Glück. Diese Suche wird bei seinem nachdenklichen Helden von viel Melancholie begleitet, auch wenn sich am Horizont der Nacht immer wieder Lichter zeigen. Am Ende scheint Guerrieri zwischen Traurigkeit und Freude eine Balance zu finden.
„Der Horizont der Nacht“ ist weit mehr als ein Justizthriller. Carofiglio liefert Gedanken, denen man lange nachhängen kann und die womöglich dabei helfen, sich selbst besser kennenzulernen.
Info. Gianrico Carofiglio. Der Horizont der Nacht, folio, 264 S., 25 Euro
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