John Irving und Israel

14. Dezember 2025

In seinem neuen Roman „Königin Esther“ bezieht John Irving dezidiert Stellung zum tragischen Konflikt im Nahen Osten. Der Roman erzählt von einem jüdischen Mädchen, das sich schon als Kind in die Tradition der jüdischen Königin Esther stellt, die einst ihr Volk vor der Vernichtung bewahrt hat. Die kleine Esther lebt im Kinderheim St. Clouds, das der aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ bekannte Dr. Larch führt. Sie ist ein eigensinniges Mädchen, das zu einer selbstbewussten, eigensinnigen Frau heranwächst, nachdem es von der freundlich-liberalen Familie Winslow adoptiert wurde – als Kindermädchen für die jüngste Tochter, Honor.

Die Frucht einer Verschwörung

Die beiden Mädchen werden engste Freundinnen und hecken miteinander eine erstaunliche Zusammenarbeit aus: Esther soll sich schwängern lassen und ein Kind austragen, das Honor großziehen will. So könnte die jüngste Winslow-Tochter ohne Sex zur Mutter werden. Die Frucht dieser Verschwörung ist James, genannt Jimmy, ein schüchterner Kerl, der behütet in der Großfamilie aufwächst und vom Großvater die Liebe zur Literatur, vor allem zu Dickens, geerbt hat. In Wien, wo er Deutsch lernen soll und darauf hofft, seine stets abwesende leibliche Mutter Esther kennenzulernen, wird Jimmy erwachsen.

Wiener Antisemitismus

Von Ferne lenkt Esther die Schritte des jungen Mannes, der davon träumt, Schriftsteller zu werden. Sie stellt ihm eine jüdische Deutschlehrerin zur Seite, über die er sich mit einem scheinbar unausrottbaren Antisemitismus konfrontiert sieht. Das gilt auch für seine Vermieterin Frau Holzinger wie für deren Tochter, die sich als Prostituierte ein Zubrot verdient und kaum Zeit für ihren aggressiven Sohn Siegfried hat. Natürlich sind auch Jimmys Mitbewohner typische Irving-Figuren und alles andere als angepasst. Die lesbische Jolanda wird dafür sorgen, dass Jimmy, wie von seiner Mutter Honor gewünscht, Vater wird – indem er Jolandas Geliebte Mieke schwängert. Die kleine Vienna wird also wie ihr Vater zwei Mütter haben.

 Altbekanntes

Man liest dies alles, findet vieles wieder, was man aus anderen Irving-Romanen kennt – seine Passion für das Ringen etwa, die Abrechnung mit dem Kleinstadt-Spießertum in den USA, die Faszination für Wien, die Konflikte um die eigene Identität, ja sogar Personen und Situationen aus vorherigen Romanen. Und man erkennt in Jimmy so etwas wie ein alter Ego des Autors. Doch vor allem im ersten Teil könnte man einige Passagen getrost überlesen, da mäandert die Geschichte scheinbar ziellos vor sich hin. Die Story der jüdischen Schauspielerin Hedy Lamarr, die in Wien einen Rustungsindustriellen und Nazi-Unterstützer geheiratet hatte, gibt‘s gleich doppelt. Aber man bleibt dran, ahnt, dass der inzwischen 83-jährige Irving doch noch mehr zu erzählen hat.

Große Ambitionen

Es geht um Jimmys jüdische Wurzeln und um seine Ambition als Schriftsteller. „Ich spüre eine Andersartigkeit in mir, und zwar nicht nur, weil ich hier in Wien bin“, schreibt er an Esther, „In mir steckt mehr Fiktion als Realität, und ich frage mich, woher das kommt. Ich will Romanautor werden.“ Es geht auch um einen Schäferhund, um die Rettung des jungen Siegfried und – nicht zuletzt – um den Nahostkonflikt.

Der ewige Konflikt

Denn in Jerusalem, wo Jimmy seinen Roman vorstellen wird, trifft er nicht nur endlich auf „Königin Esther“, die Frau, die ihn nie so ganz von der Strippe gelassen hat. Er wohnt bei seinem jüdischen Übersetzer und spaziert mit dessen palästinensischer Haushälterin durch Jerusalem – scheinbar in trauter Übereinstimmung. Doch am Ende flüstert sie ihm ins Ohr: „Wir werden sie ins Meer treiben, wir werden es tun. Wir werden sie auslöschen.“ Da erkennt Jimmy, warum Esther ihn so lange fern gehalten hat – von ihr und diesem ewigen Konflikt. Damit wird dieser teilweise versponnen wirkende Roman am Ende zu einem starken Statement für die Existenz Israels – gerade nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 und seinen tragischen Folgen.

Info. John Irving. Königin Esther, aus dem amerikanischen Englisch von Peter Rorberg und Eva Regul, Diogenes, 552 S., 32 Euro

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