„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält oder eine ganze Reihe von Geschichten.“ Das Zitat aus Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ hat die Schauspielerin Judith Hoersch an den Anfang ihres Romans „Niemands Töchter“ gestellt. Tatsächlich geht es hier um eine Reihe von Geschichten, die sich erst allmählich zu einem Ganzen fügen.
Vier Frauen
Im Mittelpunkt stehen vier Frauen, die schicksalhaft verbunden sind. Judith Hoersch erzählt aus ihren unterschiedlichen Perspektiven und in Zeitsprüngen. Das macht die Lektüre am Anfang nicht ganz einfach. Man muss erst einmal die einzelnen Frauenschicksale sortieren, um dann Zusammenhänge zu erkennen.
Vier Schicksale
Da ist die junge Marie, die sich im hippen Westberlin der 1980iger Jahre in den sanften und klugen Leonhard verliebt und ihn doch verliert. Da ist die bodenständige Kinderkrankenschwester Gabriele, die ihr lang ersehntes Kind verliert, und sich in der Kinder- und Ehelosigkeit einrichtet. Da ist die grazile Isabell, die den Tod der Mutter nicht verwinden kann und Gefahr läuft, das eigene Trauma auf die kleine Tochter zu übertragen. Und da ist die erfolgreiche aber bindungsunfähige Alma, die sich mit einer Lebenslüge konfrontiert sieht. Sie alle haben ihre ganz eigene Geschichte, manches haben sie selbst erdacht, anderes wurde ihnen erzählt, vieles haben sie selbst erlebt.
Der Polaroid-Effekt
Dokumentiert werden die Geschichten durch Polaroid-Bilder, die Marie aufgenommen hat. Sie führen schließlich auch zur Aufklärung darüber, wie alles mit allem zusammenhängt. Je vertrauter man mit den Protagonistinnen wird, desto spannender wird der Roman. So wie bei einem Polaroid, bei dem sich das Objekt auch erst nach einiger Zeit herausschält. „Die Figuren und ihre Schicksale zeigen sich mir anfangs oft nur skizzenhaft, fast zweidimensional. Erst nach und nach gewinnen sie Tiefe“, sagte Hoersch in einem Gespräch. So erleben auch die Lesenden diesen Roman über Mütter und Töchter und die Problematik eines Lebens aus zweiter Hand.
Info. Judith Hoersch. Niemands Töchter, Piper, 384 S, 24 Euro
Keine Kommentare