Pilgern auf japanisch

3. Juli 2019

Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen auf Pilgerschaft begeben. Bei Lena Schnabl war es eine Krankheit. Das Pfeiffersche Drüsenfieber hatte die Journalistin für lange Zeit außer Gefecht gesetzt. Auf dem 1300 Kilometer langen japanischen Pilgerweg auf der Insel Shikoku, dem wohl ältesten der Welt, wollte die junge Frau, die unter anderem Japanologie studiert hat, sich wieder mit ihrem Körper versöhnen.

Japan jenseits der Klischees

Geleitet von dem Mantra „Alle. Dinge. Sind. In. Wahrheit. Leer.“ macht sie sich auf die Suche nach dem Nirvana und findet nicht nur 88 Tempel, ein Japan jenseits der Klischees mit ranzigen Unterkünften und vielen alten Leuten, sondern auch schrullige Mit-Pilger, die ihr trotz allem über manche Krise hinweghelfen. Ehrlich beschreibt Lena Schnabl solche Krisen, die ihrer kaum bewältigten Krankheit geschuldet sind aber auch ihrem unpassenden Schuhwerk und mancher falschen Planung: Mal ist „alles Drama“, dann wieder wunderbar.

Erkenntnisse im Auf und Ab des Wegs

Die Stimmungen wechseln mit den Tempeln, dem Wetter, der Begleitung und den Anforderungen des Wegs. Im Auf und Ab erkennt sie: „Durch die Begegnung mit anderen begegnet man nicht nur sich selbst, man begegnet vielen Dingen. Vielleicht sogar einer neuen Heimat.“ Aber immer wieder gibt es Rückfälle, fragt sie sich, warum sie sich diese Tortur antut, die Blasen an den Füßen, die regennasse Kleidung, den schweren Rucksack. Und alles wegen der Suche nach dem Nichts: „Was soll dieses Nichts überhaupt sein? Existiert das Nichts? … Ich interpretiere das jetzt mal so: Wenn ich das Nichts suche, muss davor etwas gewesen sein.“

Die Magie des Trails

Irgendwann weiß Schnabl, dass sie über diesen Pilgerweg schreiben wird. Vielleicht war es ja das, was sie suchte. Doch noch fordert sie der Weg, physisch und psychisch. „Ich bin seit zehn Stunden unterwegs, in einen Wasserfall gesprungen und in ein Erdloch gefallen… Ich habe kaum noch was zu essen, und seit gestern Abend habe ich keinen Laden mehr gesehen.“ Doch immer dann, wenn die Verzweiflung sie zu überwältigen droht, kommt Hilfe. Die Magie des Trails, nennt Schnabl das.
Und dann ist da auch noch der Seelenverwandte, mit dem sie einen Teil des Wegs zurücklegt, in den sie sich schließlich auch verliebt. Ein Happy End aber wäre fiktional. Und dieses Buch ist ein Erlebnisbericht, der die Leser mitnimmt auf den langen Weg und bis hinein in die Gedankenwelt der Autorin. „Ich glaube, diese Reise ist das Abgefahrendste, das ich jemals gemacht habe“, denkt Schnabl zwischendurch mal. Wie gut, dass sie es gemacht hat und dass sie darüber so mitreißend geschrieben hat!
Info: Lena Schnabl. Meine Suche nach dem Nichts – Wie ich tausend Kilometer auf dem japnischen Jakobsweg lief und was ich dabei fand, Goldmann, 412 S., 14 Euro

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