Rabenvater Leopold Mozart

27. Juli 2026

Ende Juli wäre Wolfgang Amadeus Mozarts Schwester Nannerl 275 Jahre alt geworden. Aus ihrer Perspektive zeichnet Stefan Cordes die Mozart-Geschichte nach. Der Roman beginnt mit der 78-jährigen, todkranken Maria Anna, im Buch Mariann genannt, und ist ein Rückblick auf ihre Kindheit und Jugend. Cordes macht daraus das Drama einer jungen Frau, die um Anerkennung ringt aber immer im Schatten des Bruders steht und vom ehrgeizigen Vater entsprechend vernachlässigt wird.

Ein Mann mit zwei Gesichtern

Dieser Vater ist Leopold Mozart, „ein Mann von vielem Witz und Klugheit“, wie Silke Leopold in ihrer  gleichnamigen Biographie schreibt. Bei Cordes wird aus ihm ein Haustyrann schlimmster Art, der Mariann eine eigene Karriere verweigert, um sich ganz der Förderung des Sohnes zu widmen. Das Buch liest sich süffig: Intrigen, Familienstreitigkeiten, eine große Reise und erste Liebe. Dazu viel kaiserliche und königliche Prominenz.

Desaströser Augsburg-Besuch

Und ein desaströser Besuch im Heimatort Augsburg: „Sie schweigen, als sie durch die Straßen seiner Heimatstadt fahren, und sie empfindet vielleicht zum ersten Mal Mitleid mit ihrem Vater, auch wenn sie weiß, dass er Mitleid verabscheut. Sein Leben lang hat in der Gedanke angetrieben, seine Heimatstadt werde ich eines Tages vor ihm verneigen, aber verneigt haben sich nur die Bediensteten im ‚Drei Mohren‘. Er hat seiner Mutter beweisen wollen, dass etwas Großes aus ihm geworden ist, ein Mann, dessen Name in den Zeitungen steht, der es leisten kann, im vornehmsten Etablissement der Stadt abzusteigen, ein Mann, der von Kaisern und Königinnen empfangen wird. Doch die Frau, die ihrem Vater einst das Leben schenkte, ist nicht stolz auf ihren ältesten Sohn, sondern wünscht sich bloß, er würde für immer verschwinden. Weinen würde sie nicht um ihn. Als sie die Stadt hinter sich gelassen haben, sagt er: „Ich bin fertig mit Augsburg.“

Alles für das Wunderkind

Tatsächlich kamen die Mozarts noch drei Mal zurück nach Augsburg, und Wolfgang kam auch seiner Cousine Maria Anna Thekla, dem Bäsle, näher.  In der Folge entstanden die berühmten  „Bäsle-Briefe“. Aber das war Jahre nach der Grand Tour 1763, die Leopold und seine Familie drei Jahre lang durch Europa führte und die den Hauptteil des Romans ausmacht.
Die Vater-Tochter-Beziehung ist kompliziert. Denn der geschäftstüchtige Leopold verbeißt sich bei Cordes immer mehr in die Vorstellung, Wolfgang Amadeus als Wunderkind der Welt zu präsentieren. Dabei nimmt er billigend in Kauf, dass die ältere Schwester dabei auf der Strecke bleibt. Ja, er macht ihr das Leben zur Hölle.

Die überflüssige Schwester

Lange bewundert Mariann ihren Vater, der ihr die Musik nahe gebracht hat.  Aber irgendwann erkennt sie, dass er sie seine Skrupellosigkeit: „Ihr Vater hat ihr verboten, Klavier zu spielen. Wolfgang dürfe nicht gestört werden. Als sei es egal, dass sie sich von der Perfektion ihres Spiels entferne. Es gebe ohnehin keine Musikerinnen in einem Orchester, hat ihr Vater erklärt, keine Organistinnnen in den Kirchen, nicht eine Komponistin auf der ganzen Welt. Die einzigen Frauen, denen man gestatte, musikalisch in Erscheinung zu treten, seien Sängerinnen, weil es so viele italienische Kastraten nun auch nicht gebe, aber so gut sei ihre Stimme nicht, hat er gesagt. Sie ist kein Wunderkind mehr, sie ist nun überflüssig.“

Ein Frauenschicksal

Der Vater verschleudert das Geld, das die Familie zum Leben bräuchte, für seine ehrgeizigen Pläne, die wenig Erfolg haben. Im Gegensatz zu diesem unsensiblen, unbegabten und letztlich erfolglosen Vater ist die Tochter bei Cordes nicht nur bildschön, sondern auch klug, so dass ihr letztlich Wolfgangs Karriere zu verdanken ist. Doch  „Wir waren Wunder“   ist kein historischer Roman. Nicht alles, was Cordes schreibt, ist historisch verbürgt. Aber der Autor stützt sich ja vor allem auf Mariann, die in seinem Roman für alle jene Frauen steht, denen eine Karriere als Künstlerin von Männern verwehrt wurde.

Posthumes Urteil

Vielleicht muss Leopold Mozart so grob, erfolglos und unsympathisch sein, damit Mariann umso mehr strahlen kann. Doch Cordes schreibt nicht über eine fiktive Figur, er macht Leopold posthum zum ungebildeten, untalentierten Bittsteller, ja zum verachteten Parasiten. Zu einem Mann, der seine Kinder dem eigenen Ehrgeiz opfert, sie geradezu prostituiert. Zumindest für Lesende aus Augsburg dürfte diese späte Interpretation schwer erträglich sein.

Info  Stefan Cordes, Wir waren Wunder, Penguin, 325 S., 24 Euro

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