Roadtrip mit Herrn Turtur

6. Juni 2026

Den zweideutigen Titel ihres „Reportage-Romans“ Lasterleben hat Anja Kocherscheidt sicher ganz bewusst gewählt. Weckt er doch trotz des eindeutigen Cover-Fotos Neugier auf den Inhalt. Von Lastern kann hier allerdings keine Rede sein – es geht um einen Roadtrip auf dem amerikanischen Kontinent in einem umgebauten THW-Laster und mit zwei schulpflichtigen Kindern.

Der umgebaute Scheinriese

Anja und ihr Mann Oliver haben sich alles lange überlegt. Der Ausstieg aus den Jobs war für die PR-Frau und den Unternehmer keine leichte Entscheidung. Aber angesichts eines drohenden Burnouts und des Scheiterns der Ehe hofften beide auf die heilsame Wirkung eines Ausstiegs auf Zeit. Schon die erforderlichen Planungen und der Ausbau des Trucks, liebevoll Herr Turtur genannt – nach dem Scheinriesen in Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ – schweißen das Paar wieder enger zusammen. Auch darüber schreibt Anja Kocherscheidt.

Familienleben auf zwölf Quadratmetern

Natürlich klappt nicht alles nach Plan. Die Vorbereitungen ziehen sich, stellen die Geduld der ganzen Familie auf eine harte Probe. Doch dann sind die vier unterwegs, müssen sich auf zwölf Quadratmetern einrichten, auch das eine neue Erfahrung. Der Kulturschock bleibt erst einmal aus. Denn am Anfang der Reise stehen Kanada und die USA. Überall stoßen die Reisenden auf freundliche Menschen, auch auf andere Weltreisende. Die beiden Kinder werden zwar per „Roadschooling“ unterrichtet, lernen aber noch viel mehr im Alltag „on the road“. Oder vor Ort, etwa bei den Hutterern, die nach alten Traditionen leben. Bei der Rettung von Schildkröteneiern. Beim eindrucksvollen Tanz der vom Aussterben bedrohten Monarchfalter. Im Spiel mit Kindern aus anderen Kulturen.

Lockdown im Paradies

Auf den ersten Blick scheint die Reise alle Erwartungen mit Leichtigkeit zu erfüllen. Selbst das gefürchtete Mexiko wird zu einem Sehnsuchtsland. Aber das Paar muss auch erkennen, das eine Weltreise „keine Therapie“ ist, „kein Zuckerschlecken, sondern Stress in anderer Form“. Trotzdem wollen sie ihre für ein Jahr geplante Reise verlängern – auch auf Wunsch der Kinder, die ganz neue Fähigkeiten entwickelt haben. Doch dann macht Corona ihnen eine Strich durch die Rechnung. Sie sitzen monatelang fest – im Paradies am Atitlán-See, wo sie die Enge einer Notgemeinschaft ebenso erleben wie die Erweiterung ihres Horizonts durch ein Ayahuasca-Ritual. Schließlich freuen sich alle auf die Heimkehr.

Viel Hintergründiges

Man liest diesen gut geschriebenen „Reportage-Roman“ gern, nimmt ihn als Einladung, die Familie bei ihren Abenteuern und ihrem trotz kleiner Pannen weitgehend stressfreien Alltag zu begleiten. Dabei erfährt man auch Hintergründiges über Land und Leute, über Kultur und Natur. Denn Anja Kocherscheidt und ihr Mann meiden touristische Hotspots zugunsten abgelegener Dörfer und wenig bevölkerter Strände. Allerdings hätte man in dem dicken Buch gern ein paar Fotos gesehen, zumal die Autorin immer wieder schreibt, wo und was sie fotografiert hat. Einen Fototeil zu integrieren war aber wohl in diesem Book on Demand zu schwierig oder zu teuer. Schade.

Info. Anja Kocherscheidt. Lasterleben, BoD, 388 S., 28,99 Euro, ISBN 978-3-6957-19365

 

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