Scheitern für Anfänger

20. April 2026

Christian Schünemann hat in dem autofiktionalen Roman „Bis die Sonne scheint“ seine Familiengeschichte fiktionalisiert und damit neu erzählt. So steht es im Nachwort. Erzählt wird das Leben der Familie Hormann in den 1980iger Jahren aus der Perspektive des 14-jährigen Daniel. Dass seine Eltern Siegfried und Marlene in eine desolate finanzielle Lage geraten sind, erfährt der Junge rein zufällig:

„Was machen wir jetzt?“, fragte sie (die Mutter). Von meinem Vater kam keine Antwort. Niemand rührte sich, auch nicht die Hunde in ihren Körben, als hätt die Frage eine Lähmung ausgelöst. Nur am Geschirrspüler blinkte unablässig das grüne Lämpchen und zeigte an, dass der Trockenvorgang beendet war. „Nehmen wir uns einen Strick?“ fragte meine Mutter. Den Kühlschrank durchlief ein Zittern. Die Flaschen in seinem Innern klirrten leise. Im Wohnzimmer wurden Kaffeetassen und Aschenbecher ineinander gestellt – das Signal, dass das Gespräch und der Abend beendet waren.“

Geplatzte Träume

Auch wenn seine Eltern sich vor den Kindern die Situation schönreden, weiß Daniel, dass die Pleite von „Hormann Massiv Bau“ auch auf seine Pläne Auswirkungen haben wird: Die Reise nach Frankreich – gestrichen. Auch das nachtblaue Samtjacket für die Konfirmation bleibt ein Traum.

Der schöne Schein

Dabei schien alles so gut zu laufen. Die sechsköpfige Familie konnte ein von Siegfried geplantes Haus mit Pool im fiktiven Heilshorn beziehen und sich angekommen fühlen im Wirtschaftswunderland. Aber es kommt dann doch alles anders – und der Gerichtsvollzieher steht auf der Matte. Trotzdem wird der Schein gewahrt, die Fassade der Wohlhabenheit soweit wie möglich aufrecht erhalten.

Reden kann Daniel darüber nur mit Zoe, deren Eltern aus der DDR geflüchtet sind und getrennt leben. Die Mutter, Frau Schlüter, war durch ihre Extravaganz aufgefallen, wenn sie mit ihrem Chevie durchs Dorf fuhr. „Die Doris Day von Heilshorn“ nannte man sie im Dorf.  Schünemann lässt die 80iger Jahre wieder aufleben, als Kohl Bundeskanzler wurde und die Grünen in den Bundestag einzogen.

Die Vorgeschichte

Daniels Eltern sind auch Kriegskinder. Deshalb werden Daniels jugendlich bewegte Erzählungen von eher nüchternen Berichten über das Leben der Großeltern unterlegt. Da geht es auch um die Zeit des Nationalsozialismus, um Hoffnungen und unerfüllte Träume. Verkörpert wird diese Zeit von den Großmüttern, die scheinbar nur wenig aus der Vergangenheit gelernt haben.

Eine andere Welt

Der Austauschschüler Jean-Philippe bringt für Daniel eine neue Welt ins Haus, Dope und eine neue Sprache. Dem Französischen widmet sich der Teenager fortan mit großem Engagement. Man kann in dem Buch sogar einige Redewendungen lernen, die in die einzelnen Kapitel einführen. Und dann wäre da noch Tante Ingeborg, Marlenes in Chicago verheiratete Schwester, deren Päckchen vom Erfolg im fernen Amerika künden.

Christian Schünemann gelingt es wunderbar, eine Zeit zum Leben zu erwecken, in der es weder Handy noch PC gab, dafür Dallas im Fernsehen und ein Konfekt namens After Eight.

Info. Christian Schünemann. Bis die Sonne scheint, Diogenes, 252 S., 25 Euro

 

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