Ein Roman ist das nicht. Was aber ist Alexandra Stahls „Tschikago“ dann? Eine Sammlung von Erinnerungsgeschichten? Die Autorin sieht das so:
„Dass ich einmal ein Buch mit Gary Oldman, dem Fleischwurst-Willi, Max Frisch und Brad Pitt beginnen würde, hätte ich niemals geglaubt, ich hätte nicht einmal daran gedacht, aber vielleicht geht es in diesem Buch genau darum. Um die Dinge, an die man nicht denkt, bis sie passieren. Und um die Dinge, an die man nicht denken will, bis sie passieren.“
Die Großeltern
Dinge wie der Tod, mit dem die Menschen im Berliner Seniorenheim täglich konfrontiert sind. Dort leitet die Erzählerin fast ein Jahrzehnt lang eine Biografiegruppe, nachdem ihr Großvater gestorben ist. Mit der Geschichte der Großeltern, die nur einmal im Leben in Hamburg waren und natürlich nie in „Tschikago“, beginnt das Buch. Der Großvater hatte zwar daran gedacht, nach Amerika auszuwandern, blieb aber zeitlebens im Dorf in Unterfranken. 57 Jahre hielt die Ehe, auch wenn die Großeltern sich gern stritten.
Was ist wahr?
Alexandra Stahl erzählt anrührend von diesem kleinen Leben in der fränkischen Provinz: Von der Katzenliebe der Großmutter. Vom Großvater, der alle Hauptstädte dieser Welt kannte. „Alles in diesem Buch ist wahr“, schreibt die Autorin gleich zu Anfang. Aber was heißt das? Kann man Erinnerungen trauen, den eigenen und denen der anderen?
Paul Auster und der Heim-Alltag
Im Seniorenheim lässt sie sich von den alten Leuten ihre Geschichten erzählen. Sie zitiert Paul Auster, der davon schreibt, dass wir ab fünfzig von Geistern heimgesucht werden. Sie erinnert an Filme über das Altern, um dann die Lesenden mitzunehmen in den Alltag des Seniorenheims.
Konservierte Zeit
„Manchmal denke ich, dass die Menschen in meiner Gruppe zwischenmenschlich mehr auf die Reihe kriegen als all die Smartphone-Monster, die mich in der S-Bahn umgeben“, stellt sie fest und plädiert dafür, zuzuhören. Vieles, was die Alten ihr erzählten, hat sie aufgeschrieben, weckt damit die konservierte Zeit zum Leben. Unsentimental aber rührend und manchmal auch ziemlich lustig.
Tschikago ist ein Buch geworden über das Altern und das Abschiednehmen, über Krankheit und Tod. Auch über das langsame Verschwinden der Persönlichkeit im Vergessen.
Info. Alexandra Stahl. Tschikago, Claasen, 254 S., 25 Euro
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