Der Charme der Revolution
Rezensionen , Romane / 16. August 2023

Steffen Kopetzky schürft gern in der Geschichte und fördert dabei immer wieder Erstaunliches zu Tage. So auch in seinem neuen Roman „Damenopfer“, der in die wilden 1920er Jahre zurückführt, in eine aufregende Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg und der russischen Revolution. Mitten drin Larissa Reissner, das it-Girl der russischen Literaturszene, schön, klug und selbstbewusst. Madonna der Revolution Sie ist das „Damenopfer“, so der Titel des Romans, und natürlich auch die Hauptfigur. Wobei man zwischendurch das Gefühl hat, auch Steffen Kopetzky sei der „Madonna der Revolution“, wie Leo Trotzky Larissa Reissner nannte, verfallen. Der Autor kann ihre Schönheit und ihren Geist nicht genug rühmen. Hat sie doch eine Schachpartie gegen einen arroganten Eurasier mit einem „Damenopfer“ gewonnen, das sie von einem alten Kriegsveteranen gelernt hatte. Gegen die britische Vorherrschaft Larissa Reissner verkörpert alles, was für viele Männer damals unerträglich war. Sie ist frei und frech, und sie weiß, was sie will. Ob es Männer sind oder die Revolution. Am besten beides. Denn sie ist fest entschlossen, gegen die britische Vorherrschaft, wie sie sie als Botschafterin in Afghanistan kennengelernt hat, zu kämpfen. Das ist ihrer Meinung nach nur möglich durch ein geheimes Bündnis zwischen der Sowjetunion und Deutschland. Und das will…

Glueck im Krieg
Rezensionen / 5. September 2019

Steffen Kopetzky legt mit „Propaganda“ ein ehrgeiziges Anti-Kriegs- Epos vor,   in dem er zwei amerikanische Kriegseinsätze miteinander koppelt. Bindeglied ist  ein Weltkriegs- und Vietnamveteran.  Ein Kriegsversehrter, der weiß, was Napalm anrichten kann und der sich seit einer Begegnung mit dem Gift buchstäblich in seiner amerikanischen Haut nicht mehr wohl fühlt. John Glueck heißt der Mann, der sich wegen eines Verkehrsdelikts verhaften und einsperren hat lassen. Die Hölle im Hürtgenwald Glück hatte der Mann in seinem Leben auch – immerhin hat er überlebt – aber vor allem jede Menge zu erzählen. Er war dabei bei einer der schlimmsten Niederlagen der Army im Hürtgenwald und ist 1971 aktuell in die Publikation der brisanten Pentagon Papers verwickelt, die den Amerikanern grausame Wahrheiten über den Vietnamkrieg bescheren. Jetzt also sitzt der Held im Knast und schreibt sein Leben auf. Er hat mit Salinger und Bukowski bei einem Creative Writing Kurs die Schulbank gedrückt und gesoffen, und er trinkt mit dem genialen Säufer Hemingway im Hürtenwald gegen die Angst – und dessen Schreibblockade – an. Amerikanische Propaganda gegen die Nazis Vor allem aber ist Glueck als Abkömmling deutscher Auswanderer vernarrt in die deutsche Kultur. Deshalb übernimmt er im Krieg gegen die Nazis den Job, die…

Ambivalente Erinnerungen
Allgemein / 10. August 2018

Eine Frau erzählt ihrem gelegentlichen Liebhaber von ihrer Großmutter Ruth, die sie geprägt hat. Nach dem Sex, per Telefon oder im Restaurant. Die in Augsburg geborene und in München als Medienjournalistin arbeitenden Claudia Tieschky entwickelt aus diesen Gesprächen ihren ersten Roman „Engele“. Geglückt ist das Ganze allerdings nur halb. Das Gerüst wirkt allzu konstruiert, um glaubwürdig zu sein, das kommunizierende Liebespaar bleibt lange blutlos. Der tiefe Fall des Großvaters Die Leser kommen dieser erzählenden Lotte nicht wirklich nahe, selbst wenn sie Intimes aus ihrer Kindheit und Jugend berichtet. Wenn sie davon erzählt, wie der Großvater, Siegfried Engele (daher der etwas irreführende Titel des Romans), wegen seiner pädophilen Neigungen vom bewunderten Musiker zum gesellschaftlich Geächteten wurde. Wie seine Vergehen die Familie zerstören, das Leben der Tochter vergiften. Die Großmutter als Fels in der Brandung Nur die Großmutter, so erzählt es die Enkelin, hält stand, ein Fels in der Brandung. Sie, die früh Emanzipierte, die Kämpferin, die Exzentrische, ist Lottes Vorbild. Von frühester Kindheit hat sie inhaliert, dass Selbstständigkeit wichtiger ist als Liebe, der Beruf wichtiger als mögliche Kinder.  In den Gesprächen mit dem Liebhaber, nimmt das Bild dieser Ruth Konturen an, changiert zwischen femme fatale und einer selbstgerechten, harten Egoistin, die die…

Höhenflüge und Fallhöhen
Rezensionen / 12. Dezember 2016

Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Der Volksmund hat die Krankheit richtig erkannt. Die Betroffenen werden von einem Extrem ins andere katapultiert, von der Manie mit Höhenflügen und übersteigertem Selbstbewusstsein bis in die tiefste Depression mit Selbstmordgedanken. Der Begriff „bipolare Störung“ umschreibt nur unzureichend die oft extremen Ausschläge der Krankheit, die oft zur gesellschaftlichen Isolierung der Betroffenen führen. In seinem Buch „Die Welt im Rücken“, das auf der Shortlist des Buchpreises stand, beschreibt Thomas Melle ohne Rücksicht auf sich selbst, wie zerstörerisch die Krankheit wüten kann. Zwischen Wahn und Weltschmerz  Er schildert die Manie, die ihm vorgaukelt, ein bedeutender Künstler zu sein, ja ein Weltenretter, dem die Umwelt mit Verehrung begegnet und der bei den Frauen leichtes Spiel hat. Auf die Umgebung wirkt er in dieser Zeit befremdlich hyperaktiv, ja selbstzerstörerisch. Er fühlt sich allem und jedem überlegen, und während er Freunde und Vorgesetzte beschimpft, die Wohnung zertrümmert und seine geliebten Bücher vernichtet, ergeht er sich in Allmachtsfantasien. Das macht ihn unerträglich für die anderen. Für ihn selbst aber wird erst die auf den Wahn folgende Depression unerträglich. Dann erkennt er das volle Ausmaß der Zerstörung, die er angerichtet hat, erkennt die absolute Leere seines Lebens und fällt in ein tiefes, schwarzes…