Lebenslust trotz Tumor
Rezensionen / 3. September 2020

Als bei Jeanne ein Tumor entdeckt wird, hätte sie sich gewünscht, dass ihr Mann sie in den Arm nimmt. Doch die erhoffte Zuwendung bleibt aus und die Buchhändlerin zieht ihre Konsequenz. Sie verlässt ihren Mann, und findet in der WG von zwei krebskranken Frauen Zuflucht. Erstaunt beobachtet Jeanne die eigenen Veränderungen, die neue Aggressivität. Schwestern im Krebs Ihre„Schwestern im Krebs“ geben ihr Halt, zeigt ihr, dass es trotz allem ein Leben gibt: „Ich war verblüfft. Frauen mit Krebs, die das Leben besangen. Weil sie keine Zeit mehr zu verlieren hatten.“ Sorj Chalandon hat sich erstaunlich gut hineingefühlt in seine Protagonistin, schonungslos beschreibt er die körperlichen und seelischen Veränderungen, die Jeanne durch ihre Krebsbehandlung erleidet. Auch dass sie gerade deshalb wilde Freude – so auch der Titel des Romans – empfinden kann: „Mein Körper war erschöpft, aber ich sog das Leben in mich ein.“ Vier Frauen und ein Überfall Diese neue Lebenslust hat sich auch der unerschütterlichen Brigitte zu verdanken, die Jeanne in ihre WG eingeladen hat, obwohl ihre Lebensgefährtin Assia dagegen war. Und dann kommt noch die zerbrechlich wirkende Melody dazu, die nicht nur in Brigitte mütterliche Gefühle weckt. Ihretwegen lassen sich Jeanne, Brigitte und Assia auf einen gewagten Überfall…

Tote Kumpel und ein alter Hass
Rezensionen / 3. Juli 2019

„All diese Reliquien, sagte sie, machen mein Herz zu Stein.“ Cécile, die Frau des Ich-Erzählers Michel Flavent in dem neuen Roman von Sorj Chalandon, kann nicht verstehen, warum ihr Mann in seiner Werkstatt eine längst vergangene Tragödie am Leben hält: Das Grubenunglück in der Zeche Saint Amé von Lievins, dem 42 Bergleute zum Opfer fielen. Auch Joseph Flavent, genannt Jojo, überlebte es nicht. Nach Meinung von Michel, der den älteren Bruder über alle Maßen bewunderte, wurde Jojo „im Alter von 30 Jahren durch die Grube ermordet“. Rachefeldzug nach 40 Jahren Als Cécile stirbt, fühlt sich Michel frei für den Rachefeldzug, den er seit 40 Jahren geplant hat. Ziel ist der Vorarbeiter, der damals für die Sicherheit des Schachts verantwortlich war und der bei der Trauerfeier für die toten Bergleute nicht geweint hat. Michel schließt sein Leben in Paris ab und kehrt heim ins ehemalige Revier, wo er per Zufall auf sein „Opfer“ stößt. Lucien Dravelle ist inzwischen ein alter Mann, der auf den Rollstuhl angewiesen und Michel eigentlich ganz sympathisch ist, „ein armer Teufel mit einem Atemgerät“, ein Greis im Rollstuhl. Dennoch hält er an seinem Plan fest. Das Gericht wird zur Bühne eines Familiendramas Bis dahin hat es der…