Der Klimawandel hat die Welt in eine Hitzehölle verwandelt. Das Leben in der Realität ist nur für Menschen möglich, die es sich leisten können, die Alphas. Diese kleine privilegierte Elite genießt das milde Klima in den wenigen noch lebenswerten Regionen der Erde. Für den Rest der Menschheit aber ist die Realität kaum erträglich.
Cryptos war der Anfang
Die Lösung hat der mächtige Konzern Mastermind: ein weltumspannendes System virtueller Welten. Wer sich in seine Kapsel legt und einloggt, taucht in eine völlig andere Welt ein. Da gibt es für jede und jeden etwas: Gartenidyll oder Zombiewelt, Mittelalter oder Zukunft, Märchenreich und Strandparadies. Kommt Fans von Ursula Poznanski Endzeit-Thrillern bekannt vor? Das ist nicht verwunderlich. In Canvas spinnt die Spezialistin für Second-Life-Fantasy die Erzählung fort, die sie mit Cryptos begonnen hat.
Keine Lust auf Probleme
Auch diesmal steht die junge Weltendesignerin Jana im Mittelpunkt. Aus ihrer Sicht schildert Ursula Poznanski den Kampf gegen die Allmachtsfantasien der schier allmächtig gewordenen Gründer von Mastermind und einiger skrupelloser Manager. Lange ist unklar, was sie vorhaben könnten. Aber rätselhafte Verluste in den virtuellen Welten alarmieren die jungen Weltendesigner Jana und Tivon sowie ihre Kollegen. Damit stehen sie weitgehend allein: „Die wenigsten Menschen wollen nicht mit den Problemen der Außenwelt behelligt werden – Hauptsache ihre Kapsel funktioniert, sie werden verpflegt… Wer die Leute sind, die all das in der Hand haben, möchten nur wenige wissen.“
Gefahr für die Scheinwelten
Es sieht so aus, als gäbe es im Hintergrund einen zerstörerischen Plan. Kann Lauritz, der Bösewicht aus Cryptos trotz aller Vorsichtsmaßnahmen die unheilvollen Fäden ziehen? Welche Rolle spielt Canvas dabei? Bei Janas virtueller Stellenvermittlung kann man sich für Jobs in anderen Welten bewerben: Niedere Arbeiten, die das Ganze am Laufen halten und dafür sorgen, dass alles echt wirkt. Als Entlohnung für Plackerei oder Erniedrigung winken neue Pässe für die schönsten Welten von Mastermind. Alles scheint perfekt organisiert. Aber was ist, wenn den Scheinwelten der Stecker gezogen wird? Jana kann sich die Folgen lebhaft vorstellen:
„Tausende Kapseln, die gleichzeitig aufspringen. Verstörte Menschen, denen kein Transfer mehr gelingt, die also aus den Depots nach draußen gehen, in der Hoffnung zu erfahren, was nicht stimmt. In der Hoffnung auf Hilfe, die nicht kommt. Die Ersten werden innerhalb von Stunden hungrig sein, der Rest nur etwas später. Nirgendwo ist etwas zu essen zu finden. Trinkwasser gibt es ebenfalls keines; was aus den Duschen kommt, ist voll mit Chlor und anderen Chemikalien.“
Brandaktueller Endzeit-Thriller
Jana und ihre Freunde wollen nicht zulassen, dass das geschieht. Doch die Gegner scheinen übermächtig. Und womöglich haben sie Hilfe aus dem Umfeld der Designer…
Ursula Poznanski ist auch diesmal wieder ein brandaktueller Endzeit-Thriller gelungen, auch wenn es einige logische Ungereimtheiten gibt. Aber Poznanskis Kunst, aktuelle Probleme in spannende Fantasy-Fiction zu überführen, lässt das schnell vergessen.
Hineingelesen…
… in den Canvas-Alltag
„Es ist Juni, und von Aufenthalten im Freien wird abgeraten, jedenfalls in unseren Breiten.
Für die meisten Menschen spielt das keine Rolle. Sie verbringen ihr Leben in den virtuellen Welten, liegen in ihren perfekt temperierten Kapseln und verlassen sie nur einmal täglich für ihren Realitätsstopp. Der besteht aus Aufstehen, das ganze Körpergewicht spüren, trotzdem ein paar Schritte gehen, den Overall sterilisieren, duschen und vielleicht einen kurzen Blick hinaus in die trostlos trockene Landschaft werfen, durchs Fenster des Wohndepots.
Dann zurück in Anzug und Kapsel schlüpfen, einen der Weltenpässe aus dem persönlichen Portfolio auswählen und den Tag wahlweise in der Karibik, im Weltall, im zwölften Jahrhundert, in einer Drachenzuchtstation oder einer von Hunderten anderen Welten verbringen.
Wir allerdings, die wir uns diese Welten ausdenken, sie digital modellieren und anschließend betreuen, müssen gelegentlich ins Freie. 43,4 Grad lese ich auf der meterhohen Temperaturanzeige, die an der Außenwand des Designcenters angebracht ist. Es ist kurz nach elf Uhr, um vierzehn Uhr werden wir die 45 Grad überschritten haben. So wie gestern und vorgestern.
Die Hitze ist einer der Gründe, warum ich am liebsten gleich zur Kapsel zurückgehen und mich in irgendeine fröhliche Spaßwelt transferieren lassen würde.“
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