Er ist unangepasst, oft auch unbequem, der Journalist und Filmemacher Hubertus Koch, genannt „Hubi“. 2016 hat er für seine Syrien-Reportage „Süchtig nach Jihad“ den Deutschen Fernsehpreis bekommen. Für seine kritischen Dokumentationen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Jetzt hat Koch sein erstes Buch veröffentlicht. „Lost Boy – Süchtig nach Leben“ nimmt die Lesenden mit in den Osten Europas, nach Bosnien, Albanien, Montenegro. Aber für den Autor ist dieser Trip, für den er ein One-Way-Ticket gebucht hat, auch eine Reise ins Innere.
Der Putzerfisch
Kurz vor seinem 30. Geburtstag ist er ausgebrannt, unzufrieden mit der Medienwelt, wütend über die Anforderungen der Leistungsgesellschaft und die Fake-Realität der Sozialen Medien. „Ich mache keinen Urlaub“, schreibt er, „ich laufe weg“. Als „Putzerfisch“ hängt er sich dabei immer wieder an Mitreisende, die wie er als Backpacker unterwegs sind – aber womöglich besser organisiert.
Mit Joint und Handy
Er sucht den Kontakt mit dem „echten Leben“, will auch mal „lost“ sein und stürzt sich dabei auch in gefährliche Situationen. Immer dabei der Joint und das Handy. Und obwohl er der Tourismusindustrie mehr als kritisch gegenüber steht, kann er nicht umhin festzustellen: „Touristen sind auch nur Menschen“. Manchmal sogar ganz vernünftige.
Selfie-Süchtige
Vernünftig ist er selbst eher selten. Er trinkt gern über den Durst, haut sich die Nacht um die Ohren und schläft, wo er einen Platz findet. All inclusive ist ihm ein Graus, er hasst die ausgetretenen Pfade, hasst aber auch das Medienverhalten der Zeitgenossen. Eine Mutter, die ihre kleine Tochter als Nymphchen inszeniert, all die Selfie-Süchtigen. Ganz anders Nala mit den Dreadlocks, die lesbische Reisefreundin, an die der „Hubi“ kurzfristig sein Herz verliert.
Heimweh
Irgendwann hat er die Traveler-Blase doch satt, ihn plagt – wer hätte das gedacht – das Heimweh. Er will nach Hause. „Jetzt sofort. Das ist Freiheit. Das ist Luxus… Zum Teufel mit all den Phantasmen, die ich mir vor Wochen manisch zusammengereimt habe, als ich einfach nur weg wollte, so weit es nur geht. Vor Wochen, als ich ausgebrannt, gefühllos und lebensmüde war. Diese Gefühle sind zwar nicht verschwunden, aber zumindest ausgebleicht – wie Polaroids, die zu lange in der Sonne lagen.“
Immer auf der Suche
Hubertus Koch hat sich auf dieser Reise verloren und wieder gefunden. Er hat Abenteuer erlebt, neue Länder und Menschen kennengelernt – und blieb dabei doch immer auf der Suche nach sich selbst. Das erzählt er so offen und ehrlich, dass man ihm gern selbst in die hintersten Spelunken folgt.
Info Hubertus Koch. Lost Boy. Süchtig nach Leben, Ullstein, 272 S., 16,99 Euro
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