Den gelben Pullover, dem dieser autofiktionale Roman von Ursula März den Titel verdankt, gab es wirklich. Zum Schulanfang hatte sich die kleine Ursula den gelben Pulli aus dem trendigen Perlon heiß gewünscht. Und dann hat ihre Freundin Siggi das gute Stück mit einem einzigen Schnitt zerstört. In einer Schublade überdauerte der gelbe Pullover die Freundschaft. Denn mit der gern Ärger provozierenden Siggi war es nach der Grundschule aus.
Die Anarcho-Pippi
Ursula März‘ Beschreibung der Kinderfreundin erinnert ein bisschen an eine Anarcho-Pippi: „Siggi war meine einzige Freundin. Und ich, was erstaunlicher war, ihre. Auch sie nahm in ihrer Klasse die Position einer Außenseiterin ein, wenn auch aus anderen Gründen. Sie besuchte nach wie vor die protestantische Volksschule und hatte in sechs Jahren nichts ausgelassen, um das Wohlwollen ihrer Lehrer wie ihrer Mitschüler zu verspielen.“
Das Wirtschaftswunder
In dem Buch reflektiert die Autorin auch die Anfänge des Wirtschaftswunders, schreibt über den Sparzwang des Vaters, die Fernsehabende im Haus der Tante, den Kleinstadt-Klatsch in Herzogenaurach, die Fremdheit der dort lebenden „Amis“ und die Emanzipation beim Rauchen.
Die Zwangsgemeinschaft
All das hat sie im Gepäck, als sie 1989 im Winter nach Stromboli reist und dabei einer scheinbar disfunktionalen englischen Familie begegnet. Eine Woche lang werden die junge Frau aus der fränkischen Provinz und die Engländer zu einer Art Zwangsgemeinschaft. Und unversehens sieht sich die Urlauberin in Verantwortung für die Tochter.
Ursula März verschränkt die unterschiedlichsten Erinnerungen, u.a. auch an ein Verlust-Erlebnis mit der eigenen Tochter in Marokko, miteinander und findet so Parallelen, was Freundschaft angeht oder das Verhältnis von Müttern und Töchtern.
Die boshafte Michelle
Die gefürchtete Gastgeberin Michelle auf Stromboli erinnert in vielem an die Kinderfreundin Siggi: „Sie beherrschte, wo sie auftrat, den Raum, ob sie sprach oder nur stumm anwesend war. Und sie wusste, wie sie ihre Überlegenheit ausspielen konnte. Ich war nicht die einzige, die sich vor ihren unverschämten Fragen und schneidenden Bemerkungen fürchtete. Andere bloßzustellen, Pfeile auf ihre Schwachstellen abzuschießen, am liebsten vor Publikum, war eine Spezialität von Michelle.“
Aber selbst Michelle hat auch liebenswerte Seiten. Vielleicht trifft das auch auf Siggi zu. Beim Rauchen unter dem Vulkan sucht Ursula März nach Antworten.
Info. Ursula März, Mein gelber Pullover, Piper, 175 S., 22 Euro
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