Waisenkind von Galit Dahan Carlibach ist ein widerspenstiger Roman, den man sich erst erschließen muss, ehe er einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Die israelische Autorin ist in Sderot, Aschdod und Jerusalem aufgewachsen und kennt das Land von innen. Ihr Roman Waisenkind ist auch ein Porträt dieser sehr zwiespältigen Gesellschaft.
Schlimme Erfahrungen
Die junge, rothaarige Avital wächst in mehr als prekären Verhältnissen auf dem Land bei den Großeltern auf. Keine gute Ausgangsbasis: Die Großmutter ist Alkoholikerin, der Großvater pädophil. Kein Wunder, dass Avital da Reißaus nimmt. Allerdings schlittert das junge Mädchen auf der Suche nach ihrem unbekannten Vater von einem Desaster ins nächste, wird missbraucht und alkoholabhängig.
Große Veränderung
Erstaunlich , wie resilient Avital trotz aller Rückschläge ist. Das liegt womöglich auch an den wenigen Menschen – in dem Fall vorwiegend Männern – die ihr ohne Hintergedanken helfen. Und dann tritt der alte, reiche Achituv in ihr Leben, und von einem Tag auf den anderen ändert sich alles.
Suche nach dem Vater
Klingt schon nach happy end? Doch das ist es nicht. Denn da kommt Ramon dazwischen, der charismatische, rothaarige Mann von Achituvs Tochter. Das muss ihr lang ersehnter „Lear“ sein, glaubt Avital. Lear, so nennt sie in ihren Träumen den ersehnten Vater – nach dem Shakespeare-Drama.
Dichtes Spannungsnetz
Und dramatisch geht es weiter, denn Galit Dahan Carlibach hat noch einige Wendungen eingebaut, ehe sie ihr Waisenkind – und die Lesenden – zur Ruhe kommen lässt. Das Schicksal Avitals klärt sich nur ganz allmählich nach immer neuen Enthüllungen. Die Autorin hat ein dichtes Spannungsnetz gewebt, in dem man sich zwischendurch auch verheddert.
Falsche Fährten
Das ist wohl auch so gewollt. Carlibach legt immer wieder falsche Fährten in ihrem raffiniert konstruierten Roman. Sie lässt nicht nur Avital erzählen, „wie ich Ramon ermordet habe… wie ich Achituv erledigt habe… wie ich meine Mutter umgebracht habe“. So beginnt die Lebensbeichte – und schon der schnoddrige Ton führt in die Irre. Dazwischen erfährt man nach und nach aus Briefen von Achituvs Anwalt ein paar Hintergründe, die ebenfalls für Verwirrung sorgen.
Getäuschte Erwartungen
Carlibach spielt mit der Erwartungshaltung von Lesenden. Darauf weist auch eine Bemerkung Avitals hin:
„Ich gestehe, dass ich Mist gedacht habe, von der Sorte „und die Hand des Schicksals griff ein, und dann rettete er sie“, oder so ähnlich. Wie es in Daddy Langbein geschehen ist.
So passiert das immer in Büchern, und wer sich wie ich auf Bücher verlässt, wie ich zum Beispiel, muss sich hinterher nicht wundern, wenn er in schlimme Situationen gerät.“
Wundern werden sich die Lesenden vor allem darüber, wie oft sie in diesem Roman auf Abwege geraten sind. Es bleibt spannend bis zum Schluss. Lesen lohnt sich!
Info. Galit Dahan Carlibach. Waisenkind, Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Kein & Aber, 332 S., 23 Euro
Keine Kommentare