Wilde Wut

26. Mai 2026

„Wasser.Felsen.Wut“ heißt das Buch von Sara Pütter, in dem sie ihren Weg zu sich in Kanadas Wildnis beschreibt. Wie so viele junge Menschen fühlte sich Sara eingeengt in den gesellschaftlichen Regeln. Sie wollte eine Vergangenheit zurücklassen, die sie für ihre Unzufriedenheit und ihre latente Wut verantwortlich machte. Der Unfalltod ihrer Schwester und der Zerfall der Familie hatten tiefe Narben hinterlassen. Sara fühlt sich ungeliebt, scheitert an den Ansprüchen des Berufslebens.

Aufbruch in die Wildnis

Sie ist fest entschlossen, etwas daran zu ändern – auf einer Reise zu sich selbst. Das Ziel Kanada erfüllt zunächst alle Wunschvorstellungen, ändert aber kaum etwas an der seelischen Verfassung der jungen Frau. Doch dann bekommt sie ein Angebot, dem sie nicht widerstehen kann und will: Der charismatische, doppelt so alte Jack bietet ihr an, ihn und seinen Neffen zu einem Jagdabenteuer in die menschenleere Wildnis British Columbias zu begleiten.

Unberechenbare Natur

Gemeinsam mit den beiden Männern quält sie sich durch Fels und Eis, kämpft sich mit dem Kanu durch tosende Flüsse und taucht ein in eine archaische Welt jenseits aller menschlichen Regeln. Die Natur ist so umwerfend wie unberechenbar. Auch das Miteinander wird zur Zerreißprobe. Sara fühlt sich Jack ausgeliefert, ist hin- und hergerissen zwischen Anziehung und Abstoßung, zwischen Begehren und Hass. Jacks lauernde Wut trifft auch Saras unterdrückten Zorn.

Sehnsucht nach Daheim

Die Wildnis in der sie sich bewegt, ist keine heile Welt, die Männer leben nach ihren eigenen Gesetzen. Und während sie den Herausforderungen trotzt, erscheint ihr das Leben, das sie zurückgelassen hat, plötzlich in einem anderen Licht: „Es ist einer dieser Momente, in denen ich mich schrecklich nach zu Hause sehen, in denen ich meine Familie vermisse, mir wünsche, ich könnte faul mit meinem Vater vor seinem Ofen gammeln und Kaffee trinken, den Tag durchquatschen mit meiner Mutter.“

Extreme Erfahrungen

Doch immer wieder fesseln sie die extreme Schönheit der Wildnis, die glasklaren Seen, die wilden Wälder, die ungezähmten Tiere, die Nordlichter. Sie erlebt die Jagd als Gemeinschaftsgefühl und ist doch abgestoßen von der Lust am Töten: „Es war ein Trugschluss. Ich habe mir die ganze Zeit etwas vorgemacht. Ich bin Jack in die Wildnis gefolgt, um hier draußen zu erfahren, wie es ist, wochenlange wie die ersten Menschen durch die Berge zu streifen. Zu jagen, um zu essen. Aber in diesem Moment wird mir die Grausamkeit dieser Tat mit absoluter Klarheit bewusst: Dieser Bär ist eine Trophäe. Er starb nicht aus einer Notwendigkeit heraus, sondern allein aus Gier.“

Jenseits der Klischees

Sara Pütter ist durch eine harte Schule gegangen, bis sie sich mit sich selbst versöhnen konnte. Die Wildnis, die sie so ehrlich beschreibt, werden die wenigsten erleben können – und das ist auch gut so. Aber ihre Naturbeschreibungen führen den Lesenden ein Kanada jenseits aller Klischees vor Augen. Sara Pütters Skizzen in dem sorgfältig aufgemachten Buch sagen dazu mehr als bunte Bilder.

Info. Sara Pütter. Wasse.Felsen.Wut, Reisedepeschen, 352 S., 20 Euro

 

 

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