Blick zurück in Melancholie

4. September 2020

Die erste Geschichte im neuen Erzählband „Abschiedsfarben“ des 76-jährigen Bernhard Schlink  gibt den Ton für die acht folgenden Geschichten vor:  „Sie sind tot- die Frauen, die ich geliebt habe, die Freunde, der Bruder und die Schwester und ohnehin die Eltern, Tanten und Onkel. Ich bin zu ihren Beerdigungen gegangen, vor vielen Jahren oft, weil damals die Generation vor mir starb, dann selten und in den letzten Jahren wieder oft, weile meine Generation stirbt.“

Vom Verrinnen der Zeit

Sie alle handeln von Abschieden, vom Alter, von Schuld und Verstrickung, von Versäumnissen und Ausreden und – vor allem – vom Verrinnen der Zeit. Manche sind dramatisch wie „Picknick mit Anna“, wo der Protagonist zuschaut, wie das Mädchen, das er von klein auf gefördert hat, erschlagen wird – ohne einzugreifen. Zu sehr hatte sie ihn enttäuscht. Oder „Geschwistermusik“, wo die Schwester für ihren Bruder lebt (und liebt), weil sie ihn als Kind von der Klippe gestoßen hat.

Verdrängte Erinnerungen

Andere erzählen von verdrängten Erinnerungen, die im Alter wieder an die Oberfläche kommen wie „Altersflecken“. Mal sind es Männer, die zurückblicken, mal Frauen oder auch Kinder. Mal ist die Retrospektive voller Zorn, mal eher wehmütig. Aber immer ist der Hintergrund gut bürgerlich, sind die Dramen nicht grell ausgeleuchtet, sondern eher in pastell gemalt.

Verblasste Farben

Der Juraprofessor Schlink schreibt nicht verkopft oder gar experimentell. Seine Prosa fließt dahin wie ein ruhiger Strom. Trotz aller unterschiedlichen Facetten – es geht auch um lesbische Liebe, um eine Art Inzest, um Brüderlichkeit – ist es das, was diese Abschiedsfarben manchmal verblassen lässt.

Hineingelesen…

… in „Jahrestag“

Der Mann sah zu. Der Tanz machte ihn traurig. Die beiden flirteten nicht miteinander, und er hatte keinen Grund, eifersüchtig zu sein, und war nicht eifersüchtig. Die Erotik ihres Tanzes war jenseits seiner Eifersucht, jenseits von : Gäbe sie mir doch, was sie ihm gibt, von : Wäre ich doch an seiner Stelle. Es war die Erotik der Jugend, die alles verhieß, jede Zuversicht erlaubte, bei jeder neuen Frau auf die Göttin und jedem neuen Mann auf den Gott der Liebe und bei jeder Wendung des Lebens auf die Erfüllung hoffen ließ.
Er hätte nicht noch mal jung sein wollen. Wieder und wieder so tief fallen, wie er hoch hinauf gestrebt hatte, wieder und wieder so herb enttäuscht werden, wie er süß gehofft hatte – auch das war Jugend, und es war vorbei, und das war gut. Aber im Tanz der beiden war die Jugend nicht die Welt, mit der er abgeschlossen hatte, sondern eine entrückte Zauberwelt, die ihm verschlossen war. Dass er in sie einzudringen versucht hatte, kam ihm wie Frevel vor. Sein Alter und ihre Jugend – wenn es sie erreichte, konnte es sie nur vergiften; er musste hoffen, dass er, der alte Mann, sie, die junge Frau, nicht wirklich erreichte. Was konnte er ihr geben, das ihr das Leben mit dem Älterwerden nicht ohnehin geben würde? Er konnte ihr nichts geben, er konnte ihr nur nehmen. Er musste den Aufenthalt beenden und aus ihrem Leben verschwinden.

Info: Bernhard Schlink. Abschiedsfarben, Diogenes, 231 S, 24 Euro

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