Am Ende eines Lebens
Allgemein / 15. Juli 2020

Kent Haruf, 1943 als Sohn eines Methodistenpfarrers geboren, hat sechs Romane geschrieben und sie alle in der  fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado angesiedelt. Hier hat  der amerikanische Autor alles konzentrierte, was für ihn amerikanische Lebensart ausmachte – die guten wie die schlechten Seiten. Sein letzter Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ wurde mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt. „Benediction“ (Segen) nannte er seinen vorletzten, der 2013 in den USA veröffentlicht wurde. Unter dem Titel „Kostbare Tage“ ist er jetzt auf Deutsch erschienen. Der Sterbende will sein Erbe bestellen Dad Lewis hat Krebs. Er ist 77 Jahre alt und weiß, dass er sterben wird.  Kostbare Tage wird er vielleicht noch erleben. Dafür wollen seine Frau Mary und seine Tochter Lorraine sorgen. Nur der schwule Sohn fehlt. Das Zerwürfnis mit dem reaktionären Vater hat Frank aus dem Haus getrieben. Nun, in seinen letzten Tagen, würde Dad es gerne wieder gut machen. Auch andere Erinnerungen drängen in sein Bewusstsein. Der Eisenwarenhändler will sein Erbe bestellen. Die Frauen halten die Welt zusammen Aber es scheint, als würde nicht nur Dads Persönlichkeit sich allmählich auflösen, auch die Welt um ihn herum scheint zu zerfallen. Der neue Pastor wird aus der Kirche gejagt, weil er von…

Wochenendtrips zum Träumen
Allgemein / 4. Juni 2020

Laaanges Wochenende – und was dann? Allmählich öffnen sich die Grenzen in Europa, im Sommer könnte Urlaub nicht nur bei den österreichischen Nachbarn, sondern auch in Frankreich oder Spanien, womöglich sogar in Großbritannien wieder realisierbar sein. Reinschnuppern, wie es in nächster Zukunft so sein wird beim Reisen, kann man bei einem verlängerten Wochenende. Das klappt bei den nächsten Nachbarn mit dem Auto. Komplizierter wird es, wenn fliegen notwendig wird. Ab Juni wollen zwar Lufthansa und Condor in den Sommerflugplan starten. Doch der ist abhängig von den Corona-Regeln, und viele der Direktflüge sind noch nicht möglich. Kurzreisen zu den Nachbarn Aber träumen darf man ja schon mal: Von einer Kurzreise in die Wiener Kultur oder in die Geschichte Dubrovniks, ins sonnige Tessin oder in die viel gerühmten Cinque Terre, zu den sturmumtosten Cliffs of Moher oder in die alte Hansestadt Danzig, ins Expo-Gelände von Lissabon oder in den Grachtengürtel von Amsterdam. Die Autoren des Bildbands Laaanges Wochenende  haben eine bunte Mischung aus Bekanntem und weniger Bekanntem zusammengestellt. Da steht in Italien Portofino neben Aquilea unter den fünf Top Attraktionen, in Frankreich Arles neben Paris, in den Niederlanden das Städtchen Zierikzee neben Amsterdam, in Großbritannien die Kanalinsel Jersey neben dem Zwerghafen Mousehole…

Wenn der Vater mit dem Sohn…
Allgemein / 21. Mai 2020

Pandatage, das  klingt nach bärenstarkem Kuscheln.  Aber James Gould-Bourn setzt eher auf Situationskomik und schräge Typen.  Eigentlich könnte es ein todtrauriges Buch sein, denn der junge Will hat vor einem Jahr seine geliebte Mutter verloren, und sein Vater hat seitdem nicht wieder Tritt gefasst im Alltag. Danny hat Schulden, sein Vermieter bedroht ihn massiv, sein Sohn Will spricht seit dem Unfall nicht mehr. Und dann verliert Danny auch noch seinen Job. Die Stripperin als Tanzlehrerin Beim Anblick der Straßenkünstler im Park kommt ihm die Idee, damit sein Geld zu verdienen. Vom letzten Geld erwirbt er ein räudiges Pandakostüm und lässt sich von seinem Freund Ivan, einem gutmütigen ukrainischen Riesen, eine illegale Straßenkünstler-Lizenz besorgen. Doch statt Münzen hagelt es Spott, denn Danny ist kein Künstler. Erst als ihn die Nachtclubtänzerin Krystal unter ihre Fittiche nimmt und ihm widerwillig ein paar Tanzschritte beibringt, bekommt er Beifall im Park. Der Panda wird zum Vertrauten Und dann sieht er, wie Will von ein paar Schul-Rowdies gemobbt wird. Im Pandakostüm geht er dazwischen und wird so zum Vertrauten seines Sohnes.  Mit dem Panda kann Will über all das reden, was er bisher allein zu verarbeiten versucht hat: Seine Trauer, sein Schuldbewusstsein, seine Einsamkeit. Der Panda…

Aus Liebe zum Buch
Allgemein / 24. März 2020

Dem lokalen Buchhandel droht durch die Corona-Krise das Aus.  Während Amazon munter weiter ausliefern kann, mussten die kleinen Läden schließen. Nun fürchten sie, auch ihre Stammkunden zu verlieren.  Und das in einer Zeit, in der Bücher wieder gefragt sind.  Weil die Menschen zu Hause bleiben sollen und oft viel Zeit haben.  Kinos und Theater sind auch geschlossen, manches ist zwar online oder virtuell zu sehen.  Aber Bücher können die Welt ins Haus bringen. Rettet den lokalen Buchhandel Deshalb hat  Literaturtest jetzt eine Kampagne für den lokalen Buchhandel gestartet.  Bei „Freundschaft fürs Lesen“ geht es darum, dass Leser Gutscheine für Bücher kaufen, die in den Online-Shops des Buchhandels  eingelöst werden können oder auch später, wenn die Buchläden wieder öffnen.  Es geht darum, den örtlichen Buchhandel am Leben zu erhalten.  Alle können mitmachen und Zukunft sichern – aus Liebe zum Lesen.  Buchhändler erhalten entsprechendes Material und Leser die nötigen Infos unter www.freundschaftfuerslesen.org  

Namibia: Karoffelbrei und Schwarzwälder Kirsch
Allgemein / 8. Februar 2020

Namibia wird gern als „Afrika für Anfänger“ gesehen. Ein Land, das mehr mit Schwarzwälder-Kirschtorte als mit Schwarzafrika in Verbindung gebracht wird. Dass das alles nicht ganz so einfach ist im ehemaligen Deutsch-Südwest, darüber hat Anna Mandus in ihrem lesenswerten Buch „Licht und Schatten in Namibia“ geschrieben. Über die „Wagenburgmentalität“ der Weißen ebenso wie über den Stolz der Schwarzen und die Zerstrittenheit der Stämme. Über Kartoffelbrei als Erbe der Kolonialzeit und Trüffel in der Kalahari, über Grillsitten und Kriminalität, über Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Gewalt. Und über AIDS, Todesursache Nr. 1 und für die namibischen (schwarzen) Jugendlichen eine alltägliche Bedrohung. BuchAward für Namibia, Teil 2 Jetzt hat die Autorin, die in Namibia mit einem Mann an ihrer Seite ihre Wahlheimat gefunden hat, nachgelegt. Mit Erfolg: „Licht und Schatten in Namibia 2“ wird auf der ITB mit dem BuchAward für das „besondere Reisebuch“ ausgezeichnet. Das liegt wohl auch am bunten Mix, den die Autorin so locker und lesenswert serviert. Da geht es bunt weiter mit Frauenpower und Pop, mit Landreform und Feier-Traditionen. Anna Mandus schreibt nicht als Beobachterin sondern als Betroffene. Sie kennt Namibia inzwischen von innen, wenn auch größtenteils aus Sicht der weißen Bevölkerung. Alltagsprobleme bei Schwarz und Weiß Sie weiß um…

Leben und Lieben im Brexit-Land
Allgemein / 3. Februar 2020

Sie sind ganz normale Bürger in mittleren Jahren und sie leben in den englischen Midlands, da, wo man auch Tolkiens Hobbits verorten könnte. Der lange glücklose Autor Benjamin Trotter, seine Schwester Lois, seine Freund Doug, ein linker Journalist, und Philip, ein Kleinverleger. Jonathan Coe hat über diesen Personenkreis schon öfter geschrieben, etwa 2001 in „The Rotters Club“. Doch „Middle England“, der Roman, den die englische Kritik als „Brexit-Roman“ einstufte, ist anders. „Dies ist ein Buch, das die Gegenwart voraussagt“, urteilte der Guardian. Miese Stimmung im Land Tatsächlich setzt die Handlung 2010 ein, als Cameron mit den Liberaldemokraten die erste Koalition in Großbritannien seit Generationen schmiedete. Die Leser werden Zeugen der Londoner Unruhen und der Ermordung der britischen Labour-Abgeordneten Jo Cox. Sie erleben eine kurze Hochstimmung während der Olympischen Spiele und die Anti-Migranten-Hetze des Nigel Farage. Die Stimmung im Land ist mies, wie Doug feststellt: „Die Leute sind mittlerweile so sauer, und niemand weiß, was man dagegen tun kann. .. Die Wähler sehen diese Typen in der City, die vor zwei Jahren praktisch die Wirtschaft zerstört haben und dafür nie irgendwie belangt worden sind – keiner von ihnen ist in den Knast gewandert, und jetzt streichen alle wieder ihren Bonus ein,…

Ein Puzzle zu Weihnachten
Allgemein / 19. Dezember 2019

Die Kluftinger-Autoren Klüpfel und Kobr haben sich mit dem Thriller „Draussen“ eine Auszeit vom Allgäu gegönnt. Und auch die mit ihren Allgäu-Krimis bekannt gewordene Nicola Förg kehrt mit ihrem neuen Buch dem Allgäu kurzfristig den Rücken. „Das Winterwunder von Dublin“ ist eine zuckersüße Weihnachtsgeschichte, die allen Pferdeliebhabern ans Herz gehen wird. Denn Nicola Förg liebt nicht nur Kriminalgeschichten, sie liebt auch Tiere. Vernarrt in Pferde und Ponys Im Ponyhof Prem am Lech ist Nicola Förg  von Ponys, Katzen und Hasen umgeben. Auch die Hauptfigur in ihrem Roman, die angehende Tierärztin Stella, ist vernarrt in Pferde und Ponys. Deshalb trifft es sie umso härter, dass das Pony, das sie als Jugendliche betreut hat, offensichtlich sich selbst oder – noch schlimmer – einem Pferdemetzger überlassen wurde. Um „Puzzle“ zu retten, setzt Stella, die für Weihnachten zu ihren Eltern nach Irland heimgekehrt ist, alle Hebel in Bewegung. Ein junger Fernseh-Filmer spielt nicht nur dabei eine wichtige Rolle. Ende gut, alles gut Und wie es sich für ein Weihnachtswunder gehört, geht alles gut aus, obwohl Stella zwischendurch von Zweifeln geplagt wird. Ganz nebenbei erfahren die Leser auch viel über die Geschichte Irlands, den großen Hunger zum Beispiel oder die Tinker, die mit ihrer Habe…

Weihnachten mit den Musketieren
Allgemein / 11. Dezember 2019

Die Musketiere, das sind Bertram, der Hamster, Gruyere, die graue Maus, Mäuserich Picandou und die Kneipenmaus Pomme de Terre. Zusammen haben sie schon etliche Abenteuer erlebt. Derzeit wohnen sie im Keller unter dem Laden von Frau Fröhlich und wundern sich über die Weihnachtsvorbereitungen. Denn so etwas wie Weihnachten kennen die vier nicht. Aber neugierig sind sie schon, was die Menschen da so treiben. Ein Dieb im Lädchen Und so werden sie Zeugen, wie Frau Fröhlich an ihren Mitmenschen verzweifelt, weil in ihrem Lädchen immer wieder geklaut wird. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem Dieb und verdächtigen ein Mädchen, das mit seinen Geschwistern immer wieder vor dem Fröhlichschen Schaufenster stehen bleibt, um das Pfefferkuchenhaus zu bewundern. Lotte heißt das Mädchen, das mit seinem Papa und den jüngeren Geschwistern ganz in der Nähe wohnt. Die Musketiere auf dem Irrweg Zu spät merken die Tiere, dass sie die Falsche im Auge hatten. Und beinahe hätten sie noch einen Fehler gemacht und den netten Herrn Teichmann verdächtigt, nur weil der so oft in Frau Fröhlichs Laden ist. Aber immerhin haben sie bei ihrer Schnüffelei die Hamsterin Suzette kennen gelernt, die Bertram gleich den Kopf verdreht. Als die Musketiere dann dem echten…

Abenteuer in der Forscher-Akademie
Allgemein / 8. Oktober 2019

Ein bisschen was hat diese Explorer Academy von Hogwarts, dem Zauberer-Internat von Harry Potter. Doch im Internat, in dem der junge Hawaiianer Cruz lernt, geht es nicht um Zauberei, sondern um Forschung. Und Cruz fühlt sich dem Erbe seiner Mutter verpflichtet, die angeblich bei einem Labor-Unfall ums Leben kam, als er noch klein war. Die Botschaft der Mutter Doch seine Mom hat ihm eine Botschaft hinterlassen, und allmählich dämmert es Cruz, dass ihr Tod kein Zufall war. Sie hat ein heilbringendes Serum entwickelt, das viele Medikamente unnötig gemacht hätte. Unterstützt wurde sie bei ihren Forschungen von der Pharmafirma Nebula. Und der konnte das Ergebnis nicht gleichgültig sein, das wusste auch Cruz Mutter: „Das Letzte, was eine Pharmafirma, die Milliarden von Dollar an Medikamenten verdient, will, ist, dass die Menschheit diese Medikamente nie wieder braucht.“ Unter dem Druck von Nebula und aus Angst um ihre Familie vernichtete sie das Serum. Aber die Formel gravierte sie auf ein Stück schwarzen Marmors, den sie in acht Teile aufteilte, die sie auf der ganzen Welt versteckte. Ein verschlüsseltes Tagebuch soll Cruz nun helfen, die Formel zu finden.  Freunde sind überlebenswichtig Im ersten Teil „Das Geheimnis um Nebula“ wird Cruz‘ Geschichte erzählt, er lernt das…

Doppelter Boden mit Fallstricken
Allgemein / 27. Juli 2019

Marlene Streeruwitz macht es ihren Lesern nicht leicht. Ihr neuer Roman „Flammenwand“ wird durch einen Anhang ergänzt, der eine Chronik politischer Ereignisse in Österreich vom 19. März bis 9. Oktober 2018 enthält. Diese Chronik soll den Roman ergänzen, sorgt aber eher dafür, dass die Leser aus dem Konzept geraten. Und das ist gerade in dem Roman, der strikt dem Gedankenfluss der weiblichen Hauptfigur folgt, fatal. Die Wiederholung des Missbrauchs Diese Adele, eine 50-jährige Frau aus Wien, die in Stockholm gemerkt hat, dass ihr deutscher Liebhaber Gustav sie betrügt, hängt irgendwie in der „Flammenwand“ fest. Das heißt, sie kommt nicht mehr heraus aus dem Grübeln über das Scheitern dieser Beziehung, die in Berlin begonnen hatte. Und so erfahren die Leser in der für Marlene Streeruwitz typischen Stakkato-Sprache nicht nur, das Gustavs vorgegebene Impotenz Adele zu einem passiven Opfer degradiert hat, sondern auch, dass sie von ihrem kriegsversehrten Vater missbraucht wurde und Gustavs Manipulationen an ihrem Körper wie eine Wiederholung dieses Missbrauchs empfand. Die Chronik als Kommentar Man muss sich einlesen in diese Ein-, Zwei-, Dreiwortsätze, die oft weder Subjekt noch Objekt kennen. Muss versuchen, dieser Adele in die dunklen Winkel ihrer Erinnerungen zu folgen und darf dabei nicht den doppelten Boden…