Crazy Christmas
Allgemein / 18. Dezember 2021

Judith Merchant hat sich ein besonderes Weihnachtsgeschenk ausgedacht.  „Schweig!“ ist ein Psychothriller zur Weihnachtszeit:  Geschwisterliebe ist schon etwas besonders, und Geschwisterhass auch. Vielleicht geht das eine auch gar nicht ohne das andere. Sue und Esther sind einander jedenfalls in Hassliebe verbunden. Das zeichnet sich schon im ersten Kapitel ab, in dem es um Freiheit geht – und um das Gefühl, von der Schwester der eigenen Freiheit beraubt zu werden. Sie meint es doch nur gut Dabei scheint es doch Esther nur gut zu meinen mit ihrer lebensuntüchtigen jüngeren Schwester. So gut, dass sie noch am Tag vor Heiligabend zu ihr in das abgelegene Haus im Wald fährt, um der Einsamen ein Geschenk und eine Flasche Wein zu bringen. Beides ebenso unwillkommen wie der schwesterliche Besuch, ja sogar gefürchtet. Denn Sue fühlt sich von Esther bevormundet, wenn nicht gar tyrannisiert. Kammerspiel mit drei Personen Judith Merchant lässt die beiden Schwestern gegeneinander antreten – als Anklägerinnen und Verteidigerinnen in einer Person. Und dann ist da ja auch noch Martin, Esthers Mann, der zwar keine eigene Stimme in dem Psycho-Thriller hat – das übernimmt in seinem Fall die auktoriale Erzählerin – aber ein wichtiger Mitspieler in diesem hintersinnigen Kammerspiel ist. Denn tatsächlich ist…

Unschuld gegen Niedertracht
Allgemein / 10. Dezember 2021

Junge mit schwarzem Hahn? Warum sollte man eine Geschichte lesen, die vor 500 Jahren spielt? Über einen Jungen, der nichts hat als einen schwarzen Hahn? Weil Stefanie vor Schulte etwas ganz Seltenes gelungen ist. Ein poetisches Märchen, in dem sich Grauen und Gnade die Waage halten. Fast wie die Gebrüder Grimm Es liegt an der Sprache, die so einfach und klar daherkommt, als wären die Gebrüder Grimm wieder auferstanden. Und es liegt natürlich an der Geschichte dieses merkwürdigen elfjährigen Martin, der sich in einer grässlichen von Grausamkeit beherrschten Welt seine Unschuld und Menschlichkeit bewahrt. Die Mission des schwarze Hahns Daran, dass das Kind ganz allein den Kampf gegen das Unrecht aufnimmt, ist der schwarze Hahn schuld. Der Vogel begleitet Martin, seit der Bub als einziger die Familientragödie überlebt hat – und er kann sprechen. Das Märchenhafte passt zu dieser seltsamen Geschichte wie die fast surreal gezeichnete Landschaft, in der die schwarzen Reiter ihr Unwesen treiben und Kinder entführen. Eine Welt am Abgrund Es ist eine Welt voller Bosheit, Elend und Aberglauben, in der womöglich die Wölfe mehr Mitgefühl haben als die Menschen. Und die grässliche alte Fürstin zieht die Fäden all dieser Schicksale. Nur der Maler, mit dem Martin eine…

Glücklos zwischen den Welten
Allgemein / 11. November 2021

Bodo Kirchhoff gehört zu den renommiertesten deutschen Autoren und zu meinen Lieblingsschriftstellern. Doch mit seinem „Bericht zur Lage des Glücks“ hat er mich verunsichert. Was soll uns dieser dicke Wälzer sagen, in denen alles aus der Perspektive eines namenlosen, ichbezogenen Mannes erzählt wird? In aller Ausführlichkeit und in oft verschachtelten, schwer lesbaren Sätzen. In einer bedeutungsvoll aufgeladenen Sprache, die vielleicht darauf hindeuten soll, dass der Erzähler Journalist bei einer Kirchenzeitung war. Desillusioniert zwar aber immer noch geprägt von einer Art Sendungsbewusstsein. Rätselhafte Afrikanerin Doch die Sprache und der Stil allein sind nicht mein Problem mit dem Buch. Es geht um den Inhalt. Die Geschichte ist ziemlich vertrackt: Der namenlose Erzähler gabelt auf einer Nostalgie-Reise durch Italien, auf der er seine Trauer über das selbstverschuldete Ende seiner Beziehung mit der Physiotherapeutin Lydia verarbeiten will, eine rätselhafte Afrikanerin auf. Die ebenfalls Namenlose ist aus ihrer afrikanischen Heimat geflüchtet und vertraut sich ihm und seinen Fahrkünsten an. Die Sache mit den Fotos Da weiß der Mann schon, dass es sich bei dieser Afrikanerin um die Frau handelt, von der es keine Fotos gibt. Denn statt der erwarteten Porträts sind aus unerfindlichen Gründen nur Szenen aus ihrem afrikanischen Dorf zu sehen. Ein gefundenes Fressen…

Impressionen aus Kanada
Allgemein / 12. Oktober 2021

Kanada öffnet sich wieder für Touristen. Da werden Reiseträume wahr. Doch wie bereist man dieses weite Land am besten? Allein, um mit dem Auto vom Atlantik bis an den Pazifik zu kommen, braucht man schon zwei Wochen. Da ist es besser, vorher zu wissen, wohin man will. Wo ist es am schönsten? An den Niagara Fällen oder in den Rockies, am Eismeer oder an einem der großen Seen? Im französischsprachigen Quebec oder in Vancouver, der Stadt mit der höchsten Lebensqualität der Welt?  First Nations, Goldgräber und Einwanderer Sonya Winterberg zeigt in ihrem Buch „Gebrauchsanleitung für Kanada“, wo man am gleichen Tag im Meer baden und auf dem Berg Skifahren kann, sie erzählt von den Problemen der First Nations, dem Erbe der Goldgräber und schwierigen deutschen Einwanderern und macht klar, warum Kanada für sie trotzdem das freundlichste Land der Welt ist. Auf einer Reise quer durch Kanada lässt Winterberg die Lesenden teilhaben an ihren Erfahrungen und Vorlieben. Kurze Geschichte des Hummers So erfährt man, dass die Kanadier zum hippen Toronto ein ähnlich gespaltenes Verhältnis haben wie die Österreicher zu Wien oder die Deutschen zu Berlin, während die Hauptstadt Ottawa ein beliebtes Ausbildungs- und Kulturzentrum ist. Dass die Kanadische Küche „das Beste…

Rafik Schami: Magier der Erzählkunst
Allgemein / 23. Juni 2021

Vor einem halben Jahrhundert hat Rafik Schami Syrien verlassen. Das Land, aus dem seit Jahren wieder Millionen fliehen. Doch   der große Erzähler, der  jetzt seinen 75. Geburtstag feiern konnte,  trägt sein Land im Herzen. Und im Namen. Bedeutet doch das Pseudonym Rafik Schami doch „Freund aus Damaskus“. Sohn eines Damaszener Bäckers Die Lust am Erzählen hat der promovierte Chemiker wohl schon als Kind in den Gassen von Damaskus aufgesogen, wo er als Sohn eines Bäckers im christlichen Viertel aufwuchs,. Und wie es die Märchenerzähler in alten Zeiten taten, so webt auch er einen großen Erzählteppich aus vielen Mustern, die er übereinander legt. Ausufernde Fabulierfreude Seine oft ausufernde Fabulierfreude macht weder vor der Bibel noch vor dem Tod halt und gibt in einer Fülle von Geschichten immer wieder tiefe Einblicke in die syrische Gesellschaft. „Das Gedächtnis ist eine Stadt mit Gassen und Friedhöfen, mit Wirtshäusern und Gefängnissen – mit allem“, hat er einmal gesagt, oder auch „Die Zeit läuft wie ein Akkordeon.“. Erzählen gegen das Vergessen Ein Hauch von „Es war einmal“ durchzieht sein Werk, liegen doch die meisten Orte, von denen er schreibt, heute in Trümmern. Die Häuser werde man wieder aufbauen, da ist sich der Deutsch-Syrer sicher. „Was mir…

Missstimmung im Ferienhaus
Allgemein / 13. Mai 2021

Max Küng seziert gern seine Mitmenschen – als Kolumnist und als Buchautor.  So auch im Roman „Fremde Freunde“. Ein Haus in Frankreich: Wer träumt nicht davon. Jean und Jacqueline haben ihren Traum verwirklicht, aber ihnen laufen die Kosten davon. Warum also nicht Freunde an dem Feriensitz in der französischen Provinz teilhaben lassen? Das Paar lädt die Eltern der Freunde ihres Sohnes auf eine gemeinsame Woche in ihr Haus ein, und Jean verwöhnt die Gaumen seiner Gäste mit enthusiastischer Kochkunst. Gegensätzliche Charaktere Alles sieht gut aus, auch wenn die Paare nicht unbedingt harmonieren. Da sind die herbe und selbstbewusste Graphikerin Veronika und ihr Noch-Ehemann, der wortkarge Zahnarzt Bernhard. Der Gegensatz zu der unsicheren Sängerin Salome und dem von sich überzeugten aber nicht ganz so erfolgreichen Schauspieler Filipp könnte nicht größer sein. Und dann die Gastgeber: Der rundliche Genussmensch Jean und seine etwas naive Jacqueline. Merkwürdige Ereignisse Ganz allmählich schleichen sich Zweifel an dem Projekt ein, merkwürdige Ereignisse stören die oberflächliche Harmonie. Misstrauen keimt auf. Die Spannungen zwischen Veronika und Bernhard trüben die Ferienlaune, und Veronikas ungeniert zur Schau getragene Attraktivität bringt Filipps und Jeans Hormonhaushalt in Wallung, während Filipps ausgestellte Männlichkeit Jacquelines Träume beflügelt. Fremde in Frankreich Max Küng beschreibt in…

Rossmanns Traum
Allgemein / 26. März 2021

Was wäre, wenn sich Russland, die USA und China zusammentäten, um gemeinsam gegen den Klimawandel in den Krieg zu ziehen? Dirk Rossmann, seines Zeichens Drogeriemarkt-König, Schröder-Freund und dank offensiver TV-Werbung auch Bestseller-Autor, hat sich dieses Szenario für seine Roman „Der neunte Arm des Oktopus“ ausgedacht. Dass sich der eher nicht von allzu großer Bescheidenheit geplagte Unternehmer am Ende auch noch selbst in den Roman hineingeschrieben hat oder hineinschreiben hat lassen, geschenkt. Ein Komplott gegen die großen Drei Die Idee ist zwar utopisch, aber deswegen nicht schlecht. Natürlich formiert sich auch sogleich Widerstand gegen die geballte Macht der großen Drei oder G3. Vor allem Kriegsgewinnler wie Waffenhändler und Militärs sehen ihre Felle davonschwimmen. Böse Mächte schmieden also ein Komplott, das ihnen die Hoffnung auf weitere Kriege erhalten soll. Und welcher Staat taugt wohl besser als Übungsgelände als Brasilien? Der Koch als Held wider Willen Da regiert allerdings nicht Bolsonara, obwohl der gut ins Schema gepasst hätte, sondern ein Diktator namens Batista. Und während Xi weiter in China herrscht und Putin in Russland, heißt die US-Präsidentin Kamala Harris. Rossmann will ja nah an der Wirklichkeit bleiben. Zum Helden wider Willen wird dann ausgerechnet ein Koch, der als Caterer zufällig von den finsteren…

Wer ist Benedict Wells?
Allgemein / 22. März 2021

Als literarisches Wunderkind wurde Benedict Wells (Foto: Roger Eberhard)  gepriesen, als er mit Anfang 20 den Roman „Becks letzter Sommer“ veröffentlicht hatte – in seinem Wunschverlag Diogenes, dem er bis heute treu geblieben ist. Inzwischen ist der Name Benedict Wells fast schon Garant für Bestseller. Auch der jüngste Roman „Hard Land“  eroberte im Nu Platz 1 auf der Spiegel-Bestsellerliste. Immer wieder gelingen dem jugendlich wirkenden Deutsch-Schweizer, Jahrgang 1984, Bücher, die Kritiker als „Meisterstück“ bezeichnen und nach deren Lektüre nicht nur Fans behaupten, dass dieser Autor „schreiben kann“. Anfangs nur Absagen Eine Genugtuung für Wells, der mit anderen erfolgreichen Schriftstellern die Erfahrung teilt, am Anfang nur Absagen kassiert zu haben. Nach Schuljahren, die er ab dem Alter von sechs Jahren vorwiegend in Internaten verbracht hatte, und dem Abitur, entschied er sich fürs Schreiben und zog von München nach Berlin, in ein „fabelhaft schäbiges Einzimmer-Appartement“ – voller Erwartung auf ein Schriftsteller-Leben. „Tagsüber jobbte ich, nachts saß ich gespannt vor einem weißen Blatt und versuchte, es mit Leben zu füllen.“ Lieblingsautoren als Lehrer Seine Lehrer waren Lieblingsautoren wie Steinbeck, Nabokov, Tolstoi, Marc Twain aber auch Otfried Preußler mit Krabat und Stephen King mit „Das Leben und das Schreiben“. Vor allem aber John Irving,…

Happy Birthday, Janosch!
Allgemein / 10. März 2021

Kaum zu glauben: Janosch, dieser ewig junge Rebell, wird 90!  Als Kinderbuchautor hat er Furore gemacht, und manche Eltern verschreckt. Denn Janosch ist alles andere als angepasst. Er hat sich das Anarchistische seiner Jugend bis ins hohe Alter bewahrt. Seine Inhalte sind antiautoritär und provokant, auch wenn sie als nette Bilderbücher daherkommen. Wie das weltberühmte Buch über Tiger und Bär und ihre Reise nach Panama. Riesenparty mit Überschwemmung Selbst in die „Riesenparty für den Tiger“,  die der Beltz-Verlag zum 90. Geburtstag des Autors herausbrachte,  schleicht sich Rebellisches ein:  Weil ihm die Party zu lasch ist und er sich mehr Rabatz wünscht, setzt Günter Kastenfrosch einfach die Bude unter Wasser „Heerjemine, war das eine Freude für die Gäste!“. So richtigen Rabatz wird sich der Jubilar auf seiner Insel wohl kaum mehr wünschen.  Auch ein Janosch wird ruhiger.  Die philosophische Seite des Autors hat die Zeit bis vor kurzem  in ihrem Magazin gefeiert und ich habe mich immer auf den nächsten „Wondrak“ gefreut.  Nachzulesen sind die Kolumnen in dem Buch „Herr Wondrak, wie kommt man durchs Leben?“  Viel Tröstliches ist unter den kurzen Sprüchen,  sie sind getränkt von einer warmen Mitmenschlichkeit. Kindheit in der Hölle Die hat der Künstler in seinem eigenen…

Gefahr aus der Zwillingswelt
Allgemein / 12. Februar 2021

Es ist eine andere Welt, von der die gebürtige Augsburgerin Margit Ruile in ihrem Science Fiction Roman „Der Zwillingscode“ erzählt. Eine Welt der Zukunft, in der womöglich der Mensch von seiner eigenen Schöpfung entthront wird. Vincents Mutter hat diese Möglichkeit voraus gesehen und einen Zwillingscode hinterlegt, mit dem sich die Entwicklung aufhalten lässt. Schein und Sein Schon das Versteck ist so kompliziert, dass Vincent beinahe daran scheitert, es zu entdecken. Doch er findet ganz unerwartete Helfer. Der unbeholfen wirkende Quririn und die scheinbar oberflächliche Delia entpuppen sich als schlaue Checker. Ohne sie wäre Vincent, der sich mit der Reparatur von mechanischen Haustieren der Firma Copypet über Wasser hält, verloren. Mechanische Doppelgänger Trotz seines miesen Sozialpunktestands hat er sich eingerichtet in einer Welt, in der immer mehr echte Tiere durch mechanische ersetzt werden und in den Ämtern immer mehr „Twins“, künstliche Menschen, die echten Menschen verdrängen. Doch eines Tages bringt eine alte Frau ihre künstliche Katze zur Reparatur, weil sie plötzlich die Krallen ausfährt. Die Wohnraumverwaltung droht mit Rausschmiss, und in einem Laden für mechanische Tiere stößt Vincent auf einen Mann, der seine Mutter gekannt hat und mehr über sie zu wissen scheint. Simulation der Realität Für den 17-Jährigen Grund genug,…