Ein Leben im Abseits
Allgemein / 6. Mai 2019

Im Original heißt das Buch von Ann Weisgarber „The Glovemaker“, denn Deborah, die Hauptfigur, ist Handschuhmacherin. Die deutsche Ausgabe trägt den Titel „Unter Heiligen“ und weist damit schon auf einen ungewöhnlichen Inhalt hin. Die amerikanische Autorin nimmt ihre Leser mit in eine für uns fremde Welt, die der Mormonen Ende des 19. Jahrhunderts. Wie ihr Mann Samuel und ihr Schwager Nels ist Deborah Mormonin. Leben in einer „Dazwischenwelt“ Doch ihre Familie praktiziert nicht die vom „Propheten“ Joseph Smith propagierte und von den US-Behörden verbotene Vielehe. In der Schlucht, in der sie sich mit einigen anderen Familien niedergelassen haben, leben sie zwar nach den Geboten ihrer „Kirche“ in einer Art „Dazwischenwelt“. Weil Männer, die mehrere Frauen haben, von der Polizei verfolgt werden, helfen Samuel und Nels ihnen, zu einem geschützten Unterschlupf zu kommen. Das hat sich herumgesprochen. Als Deborah mal wieder allein ist, weil Samuel sein Geld als fahrender Radmacher verdient, klopft ein Mann an ihre Tür. Die Außenwelt als Spiegel der Innenwelt Damit beginnt ein Drama, das Weisgarber aus den Perspektiven von Deborah und Nels schildert, wobei die winterliche Szenerie in der abgeschiedenen Schlucht zum Spiegel der inneren Zerrissenheit der Protagonisten wird. Beide sind fest verwurzelt in ihrem Glauben und…

Bäuerin ohne Land
Allgemein / 16. April 2019

„Vom Aldi-Kind zur Öko-Landwirtin“ schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ zum Buch von Anja Hradetzky  „Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde“. Gut 300 Seiten braucht die junge Frau, um dahin zu kommen, wo sie wohl immer schon hin wollte: „Hier im Odertal war nun mein Kanada, auch wenn die Weite nicht ganz so weit, die Kälte nicht ganz so kalt war und natürlich die Pferde fehlten.“ Von der Großstadt- zur Landliebe Sie war nicht auf dem allernächsten Weg vom heimischen Dorf im Erzgebirge zu ihrer neuen Heimat gekommen. Es hatte vieler Umwege und Reisen bedurft, bis Anja wusste, wohin und was sie wollte. Sie studiert, lernt die Parallelwelt in Berlin kennen und eine Großstadtliebe, macht Praktika auf dem Land und kommt dabei ihrem Ziel, mit Tieren zu leben, ebenso näher wie dem jungen Polen Janusz, der ihre Landliebe teilt. Doch Anja will mehr und bewirbt sich für eine Working Ranch in Kanada – im Winter, weil sie die Jahreszeit mag. Auf der Ranch lernt sie einiges für ihr zukünftiges Leben, vor allem, wie man Tiere diszipliniert, ohne sie zu quälen: „Hier schrie keiner, es gab keine roten Köpfe, es war wunderschön.“ Ihrem Traum…

Die deutsche Georgierin
Allgemein / 3. März 2019

Der kleine Vortragssaal im Annahof füllt sich. Nino Haratischwili – ganz in Schwarz, roter Schal, roter Mund – ist pünktlich und sagt gleich, dass sie nicht nur lesen wird. Die gebürtige Georgierin, die heute in Berlin lebt und 2018 in Augsburg mit dem Brechtpreis ausgezeichnet wurde, will den Dialog. Zuerst aber erzählt sie, wie sie zu ihrem neuen Buch „Die Katze und der General“ gekommen ist, das zum Teil in Tschetschenien spielt. Inspiriert wurde sie von Anna Politkowskaja, jener mutigen Journalistin, die wohl wegen ihres Engagements für Tschetschenien ermordet wurde. Der Zauberwürfel und die Struktur Was sie vor allem interessiert habe, war die Frage „Wie werden Menschen zu Tätern?“, sagt Nino Haratischiwili. Diese Frage wurde der rote Faden für ihr neues Buch, das ihren Lektor in seiner komplexen Struktur – zwei Zeitebenen, drei Erzähl-Perspektiven – an einen Zauberwürfel erinnerte. In dem ersten Kapitel, das die Schriftstellerin für ihre Lesung ausgesucht hat, spielt so ein Zauberwürfel eine wichtige Rolle, im zweiten geht es um Haratschwilis Wahlheimat Berlin und die dort lebenden Exil-Georgier, -Russen, -Ukrainer. Der Kaukasische Kreidekreis als Anstoß Ihre warme Stimme trägt die Geschichte, aber auch im Gespräch überzeugt sie mit einem makellosen, akzentfreien Deutsch. Sie habe schon in Tiflis…

Wenn das Licht erlischt
Allgemein / 17. Februar 2019

Das Licht – das erwarten sich die Jünger um den Drogen-Papst Timothy Leary vom „Sakrament“, wie Leary die künstliche Droge LSD nennt, die er „zu Forschungszwecken“ an seinen „inneren Kreis“ verteilt. Entdeckt hat die außergewöhnliche Wirkung von Lysergsäurediethylamid der Schweizer Albert Hofmann. Ihm widmet T.C. Boyle in seinem neuen Roman „Das Licht“ das Eingangskapitel. Und wie später lässt er eine fiktive Figur, Hofmanns jugendliche und schwärmerisch veranlage Helferin Susie von den Wirkungen der Droge erzählen. „Sie sah weder den Himmel noch die Hölle, weder Dämonen noch Gott, sondern… Farben, schillernde, leuchtende, herrliche Farben.“ Aber anders als die Protagonisten 20 Jahre später gleitet Susie umstandslos zurück in ihr Kleinbürger-Leben. Denn Dr. Hofmann ist eben kein Drogen-Guru, sondern ein nüchterner Wissenschaftler. Nicht er macht LSD zum Mythos, sondern der Psychologie-Professor  Timothy Leary. Timothy Leary verspricht Erleuchtung 20 Jahre nach der Entdeckung von LSD schart Leary einen Kreis von Anhängern um sich, denen er nicht weniger verspricht als Erleuchtung: „Psilocybin…und LSD… eröffnen einen Zugang zu Bereichen des Gehirns, von deren Existenz bisher niemand auch nur geträumt hat. Das ist der Ursprung der Religionen, der mystischen Kulte, der Mysterien von Eleusis: Sie haben Drogen genommen, das ist alles.“ Das Sakrament nennt Leary LSD fortan –…

Nomaden mit Stellplatz
Allgemein / 6. Januar 2019

Sie hatten sich für diesen Roadtrip durch Europa beworben: Die Kulturmanagerin Elsa Frindik-Pierret und ihr Partner Bertrand Lanneau, der Marketing und Sportmanagement studiert hatte. Ihr Buch zu Vanlife mit vielen schönen Fotos – beide sind leidenschaftliche Fotografen – erzählt von dieser einzigartigen Reise durch 24 Länder. Sechs Monate waren sie unterwegs, 185 Tage und Nächte im Campingbus Patrick – als Nomaden mit Stellplatz sozusagen.  Denn die Suche nach dem Stellplatz für die Nacht nimmt hin und wieder viel Zeit in Anspruch. Und da hat auch jedes Land seine eigenen Vorschriften, über die man sich vor einer Reise informieren sollte. Ein Randdasein ohne Termindruck Die Einzigartigkeit dieser Reise wird dem Paar immer wieder bewusst. „Jeder nette Mensch, dem wir begegnen, wird zum Freund des Tages, jede Naturbeobachtung ist ein ergreifendes Erlebnis,“ schreibt Elsa Frindik-Pierret. Die gesteigerte Sensibilität, zu der auch das Zusammenleben auf engstem Raum führt, und das „Randdasein“ ohne Termindruck haben aber auch andere Folgen: „Es ist nicht einfach, rund um die Uhr Tag für Tag mit seinem Partner in einem so beengten Raum zusammenzuleben,“ merkt die junge Frau. Manchmal führen Nichtigkeiten zum Streit, der allerdings meist so schnell wieder beendet wird wie er aufgekommen ist. Und wenn die Gesprächsthemen…

The Great Himalaya Trail: 1864 Kilometer in 87 Tagen
Allgemein , Rezensionen / 18. November 2018

Er hätte auch nur durch laufen können, ohne nach links und rechts zu schauen – und auch das wäre im Himalaya schon eine Riesenleistung gewesen. Aber das ist nicht die Art, wie Peter Hinze unterwegs sein will. Zwar hat der Münchner Journalist und Autor den Great Himalaya Trail von Ost nach West durchlaufen – aber es ging ihm, dem Ultra-Marathonläufer, vor allem um das Schicksal der Menschen, um die Zukunft der Bergregion. Ein Weg in den Alltag einer aussterbenden Kultur 1982 war Hinze das erste Mal in Nepal, illegal, und von da an war der Reporter dem geschundenen Land verfallen. Hinze lernt Sir Edmund Hillary kennen, er interviewt den Dalai Lama, macht Reportagen über das Leben im Himalaya und die Helden der Berge, die Sherpas – und entdeckt seine Leidenschaft fürs Trail-Running. Auf dem Great Himalaya Trail, 1864 Kilometer lang, kann er beides verbinden. Was er am Wegrand sieht und erlebt, macht ihm zu schaffen: Von China finanzierte und gebaute Straßen schlagen Schneisen in die Landschaft, Dörfer und Klöster verfallen, tibetische Freunde verschwinden, der Klimawandel verändert die Landschaft, die jungen Leute wandern ab, der Tourismus bedroht die Traditionen. Das Schicksal der Sherpas Hinze inszeniert sich nicht als Held, auch wenn…

London unter der Oberfläche
Allgemein / 18. November 2018

Der Brexit steht bevor. Niemand weiß, ob es eine harte Trennung sein wird, und viele Briten haben Angst davor. Doch London wird auch nach dem Brexit das Ziel vieler Europäer bleiben. Die Stadt ist zu faszinierend, das zeigt auch der Bildband „Streets of London“. Bilderreise jenseits der Klischees Den Straßenfotografen gelingen Blicke unter die Oberfläche, sie porträtieren nicht nur die Straßen, sondern auch die vielfältigen Gesichter der Stadt. Es ist eine Bilderreise jenseits der Klischees. Einer der 45 (!) Fotografen ist der erst 14 Jahre alte Zahhar Borouhhin, der über Instagramm bekannt geworden ist und der seiner Heimatstadt mit dem iPhone ihre Geheimnisse entlockt. Vor allem die Vielfalt Londons hat Ashley Nordsletten begeistert: „Wenn man durch genügend verschiedene Stadtbezirke geht, hat man am Abend das Gefühl, eine Zeitreise hinter sich zu haben.“ Eine Stadt im ständigen Wandel Dieses Gefühl vermittelt auch der Bildband mit seinen so originären wie unterschiedlichen Blickwinkeln. Mal fühlt sich der Betrachter eingeladen, den Kopf in den Nacken zu legen und nach oben zu blicken, dahin, wo sich der Wolkenkratzer im Nebel verliert. Mal geht es nach unten, dahin, wo die Underground fährt. Dann wieder trifft man auf den Straßen der Stadt spielende Kinder, Business-Männer und alte…

Klettern: Plädoyer für den Verzicht
Allgemein / 23. Oktober 2018

Es war eine Zeit der Revolte, die Jungen rebellierten gegen die Alten – und der 23-jährige Südtiroler Reinhold Messner veröffentlicht seinen Appell zum Verzicht technischer Hilfsmittel beim Klettern. „Clean Climbing“ wird zum Schlagwort einer neuen Generation von Kletterern, die sich dem Freiklettern verschreiben. 50 Jahre später blickt der 73-jährige Messner zurück auf das, was er als junger Mann ausgelöst hat. „Wir waren Einsteiger, nicht Aussteiger“ Denn der Autor aus dem Villnößtal ist nicht nur einer der berühmtesten Bergsteiger der Welt, er ist für viele junge Kletterer auch Vorbild, wie das Buch „Mord am Unmöglichen“ zeigt. Wobei der Südtiroler einräumt: „Jede neue Generation versuchte möglich zu machen, was die Gestrigen als unmöglich deklariert hatten“. Und er grenzt sich gegen die 1968-er Revoluzzer ab: „Wir waren Einsteiger, nicht Aussteiger.“ Wie für Messner bedeutet der Verzicht auf technische Hilfsmittel beim Klettern auch für die meisten der in dem Buch Versammelten, den Bergen Respekt zu erweisen. Durch die Setzung von Bohrhaken sehen sie diesen Respekt gefährdet – und auch die Chance für künftige Kletterer, Unmögliches möglich zu machen. Statt um mehr Sicherung gehe es beim Klettern um mehr Sicherheit, denn: „Kletterer wollen bis an ihre Leistungsgrenze gehen, dabei aber nicht ins Kar stürzen.“ Das…

Der Wald als Seelentröster
Allgemein / 25. September 2018

Jetzt im Herbst ist jeder Wald  wie verzaubert. Doch nicht nur, wenn die Laubbäume ihr buntes Kleid tragen oder die Lerchen in Flammen stehen, lohnt sich eine Waldwanderung. Wer jeden Tag eine halbe Stunde im Wald spazieren geht, lebt angeblich gesünder. Die Vielfalt der europäischen Wälder Der Bildband „Waldwunder“ lädt dazu ein, die Vielfalt der europäischen Wälder zu erkunden: Den Urwald Bialowieza in Polen , die Zirbenwälder Österreichs, die Buchenwälder auf Rügen, die Tannenwälder der Hohen Tatra, die Arvenwälder in der Schweiz, die Nebelwälder auf La Gomera oder die Korkeichenwälder in Portugal. Die Autoren, allesamt Wald Enthusiasten , beschreiben den Wald als Seelentröster, als Märchenort, wo jeder sein eigenes Glück finden kann. Von der Ameise bis zur Weltesche Ein Wald ABC reicht von A wie Ameise über G wie Grimms Märchen und Y wie Yggdrasil, die Weltesche, bis zu Z wie Zaunkönig. Eine Märchenerzählerin gibt Auskunft, ein Ökophysiologe, ein Zapfensammler, eine Duft-Designerin. Ein Mann, der auf Zeit im Wald lebt, wird porträtiert, und die Leser erfahren allerlei Fakten zum Thema Wald etwa, dass es in Deutschland 90 Milliarden Bäume gibt und 76 Baumarten, dass der höchste Baum eine über 100 Jahre alte Douglasie im Stadtwald von Freiburg ist und der…

Das wilde Mädchen
Allgemein / 25. September 2018

Ein Buch wie ein Axthieb, schmerzhaft spaltend, schockierend. Gabriel Tallent hat mit „Mein Ein und Alles“ Grenzen überschritten und für Aufregung in der amerikanischen Literaturkritik gesorgt.  Die Heldin seines ersten Romans, der sogleich an die Spitze der amerikanischen Bestseller erklomm, ist die 14-jährige Turtle, die bei ihrem psychotischen Vater in einer lebensfeindlichen Landschaft im Norden Kaliforniens aufwächst – da, wo auch Tallent herkommt. Das Gewehr ersetzt die Puppe Turtle, die mit sechs ihr erstes Gewehr in der Hand hatte, kann besser schießen als Vokabeln lernen.  Sie hantiert mit Gewehren statt mit Puppen.  Sie weiß, wie man ohne Streichhölzer Feuer macht, wie man einen Truck fährt und wie man in der Wildnis überlebt. All das hat ihr Martin, ihr Vater, beigebracht. Aber der charismatische und belesene Witwer hat auch eine dunkle Seite. Er ist besessen von der Idee, seine Tochter zu beherrschen – und zu besitzen. Diese Obsession lebt er mit aller Gewalt aus. „Wie groß du bist“, sagt er, „wie stark. Mein Ein und Alles.“ Dem Vater ausgeliefert Doch Turtle ist nicht stark, sie ist ihm ausgeliefert in einer Hass-Liebe: „Er trägt sie in sein Zimmer, und sie verspürt ein schreckliches Bedürfnis nach ihm. Er ist so groß, dass es sich…