Sie ist jung, sie ist intelligent, und sie will unbedingt dazu gehören. Cora ist die Ich-Erzählerin in Franziska Gänslers neuem, bestürzendem Roman „Orca“. Eine junge Frau knapp jenseits der Pubertät, die in der Corona-Zeit in eine Total-Isolierung abgerutscht ist. Sie ist Stipendiatin eines Elite-Gymnasiums, wo Unternehmertöchter oder der Nachwuchs von Managern ungeniert ihren Reichtum zur Schau stellen – mit Taschen, T-Shirts, Schuhen, Kosmetik. Anschluss gesucht Cora kann da nicht mithalten und versucht verzweifelt, mit Fake-Produkten den Anschluss zu schaffen. Bis sie eine Schulfreundin aus der Grundschule wieder trifft: Olympia, wild und unangepasst. Schnell gerät Cora in den Bann dieses Mädchens, das so selbstgewiss wirkt, so charismatisch. Die beiden verleben in einer leer stehenden Villa, die Olympia sauber hält, einen traumhaften Sommer. Das Ende kommt, als der Besitzer Umweltaktivisten in der Villa einquartiert, um so etwas wie eine Öko-Kommune zu gründen. Verlust-Ängste Ariel ist eine der Aktivistinnen, zornig und entschlossen. Olympia ist fasziniert – und Cora eifersüchtig. Sie will ihre beste Freundin nicht verlieren, will wieder unbedingt dazu gehören. Diesmal nicht zu den Reichen und Schönen, sondern zu den Aktivisten, denen Reichtum und Macht ein Dorn im Auge sind. Und doch steht sie wieder am Rand, fühlt sich ausgeschlossen: „Ich konnte…
Belinda Bauer gilt als „Großbritanniens originellste Krimiautorin“. Sie wurde gar für für den Man Booker Preis nominiert. Mit Recht, wie der neue Roman „Das Ding der Unmöglichkeit“ zeigt. „Ein großartiges Leseerlebnis“ bescheinigt Krimi-Kollegin Val McDermid dem Buch über Sammelwahn, Geldgier und gestohlene Eier, das auf tatsächlichen Begebenheiten beruht. Celies Schuld Belinda Bauer führt uns zurück ins Jahr 1926. Das Leben ist karg, vor allem auf der Metland-Farm, wo Enid Sheppard ihre fünf Kinder ohne Mann durchzubringen versucht. Nur der achtjährige Robert, der wohl nicht ganz richtig im Kopf ist, bleibt ihr als Hilfe. Schuld an allem war die kleine Celie, weißhäutig und weißhaarig und so ganz anders als die vier Geschwister – was den Ehemann aus dem Haus trieb. Doch es ist Celie, die das Leben auf der Farm grundlegend verändert. Und schuld daran ist ein Ei. Das Metland-Ei An den steilen Klippen der Küste beobachtet das kleine Mädchen, wie sich Männer abseilen, um den dort nistenden Vögeln ihre Eier zu stehlen. Die lassen sich gut an Sammler verkaufen, je seltener, desto teurer. Wegen eines Felsvorsprungs war es den Leuten auf der Metland Farm nicht möglich, sich abzuseilen – bis Celie kam – klein und fest entschlossen. Zusammen mit Robert…
Ein Roman ist das nicht. Was aber ist Alexandra Stahls „Tschikago“ dann? Eine Sammlung von Erinnerungsgeschichten? Die Autorin sieht das so: „Dass ich einmal ein Buch mit Gary Oldman, dem Fleischwurst-Willi, Max Frisch und Brad Pitt beginnen würde, hätte ich niemals geglaubt, ich hätte nicht einmal daran gedacht, aber vielleicht geht es in diesem Buch genau darum. Um die Dinge, an die man nicht denkt, bis sie passieren. Und um die Dinge, an die man nicht denken will, bis sie passieren.“ Die Großeltern Dinge wie der Tod, mit dem die Menschen im Berliner Seniorenheim täglich konfrontiert sind. Dort leitet die Erzählerin fast ein Jahrzehnt lang eine Biografiegruppe, nachdem ihr Großvater gestorben ist. Mit der Geschichte der Großeltern, die nur einmal im Leben in Hamburg waren und natürlich nie in „Tschikago“, beginnt das Buch. Der Großvater hatte zwar daran gedacht, nach Amerika auszuwandern, blieb aber zeitlebens im Dorf in Unterfranken. 57 Jahre hielt die Ehe, auch wenn die Großeltern sich gern stritten. Was ist wahr? Alexandra Stahl erzählt anrührend von diesem kleinen Leben in der fränkischen Provinz: Von der Katzenliebe der Großmutter. Vom Großvater, der alle Hauptstädte dieser Welt kannte. „Alles in diesem Buch ist wahr“, schreibt die Autorin gleich zu…
„Nicht“ ist der Titel des neuen Romans von Dror Mishani. Nur dieses kleine Wort „nicht“. Hundebesitzer gebrauchen es oft, wenn sie ihre Vierbeiner zur Raison bringen wollen. Auch Eltern von kleinen Kindern. „Nicht“ würde man am liebsten auch der Hauptfigur in diesem besonderen Krimi zurufen, wieder und wieder. Denn diese verstrickt sich in ein Lügengespinst, das alles nur immer schlimmer macht. Eine neue Liebe Dabei hat Eli, der 52-jährige trauernde Witwer, gerade wieder angefangen zu leben – und zu lieben. Denn er hat auf einer Dinnerparty von Freunden die Cellistin Lia kennengelernt, die ihm sehr gefällt. Und auch Lia scheint Eli zu mögen. Dror Mishani schildert die Annäherung der beiden poetisch und federleicht: „Deine Seeler tschilpt wie ein Vögelchen, das gerae aus dem Ei schlüft, das ist das sonderbare Bild, das dir in dem Moment einfällt. Es herrschte Finsternis, und plötzlich bricht ein Lichtstrahl herein.“ Der vierbeinige Lebensgefährte Nicht ganz so leicht ist die Annäherung an Lias derzeitigen Lebensgefährten, den Hund Felix. Der hatte sich an Elis Vorgänger gewöhnt, den „Virtuosen“ Peter, mit dem Lia in einem Quartett auftritt. Das Drama beginnt damit, dass Lia mit den Musikern eine Konzertreise nach Wien unternimmt und Felix in die Obhut von Eli…
Adèle Yon hat mit dem Buch „Mein wahrer Name ist Elisabeth“ einen Überraschungserfolg in Frankreich gelandet – ein Stück lange Zeit verleugneter Familiengeschichte. Die Ich-Erzählerin wird kurz nach ihrem 18. Geburtstag von ihren Großeltern bei einem Cannabis-Konsum über „Vorbelastungen“ in der Familie informiert. Neugierig geworden, findet sie heraus, dass ihre Urgroßmutter jahrzehntelang in der Psychiatrie einsaß und lobotomisiert wurde. Woher kommt die Wut? Adèle Yon hat sich tief in die Recherche gestürzt. Ihr Buch ist nicht nur eine buchstäblich aufregende Geschichte über eine unangepasste Frau, die in die Fänge der Psychiatrie geraten ist, weil ihre Angehörigen sich überfordert fühlten. Es ist auch eine Dokumentensammlung, verbunden mit Überlegungen, was dazu geführt haben könnte, dass ihre Urgroßmutter Betsy so anders war. Warum sie sich nicht unterordnen, kein Heimchen am Herd sein wollte. Woher ihre Wut kam. Die Angst der Frauen Diese Fragen haben auch einen persönlichen Hintergrund. Denn in ihrer Familie haben alle Frauen Angst – auch Adèle Yon selbst. Das wird ihr bei dem Gespräch mit den Großeltern klar. Nicht klar wird, was genau der Grund für diese Angst ist. Um welche psychischen Erkrankungen es sich handeln könnte, wird verschwiegen. Die Autorin will das Schweigen brechen, will wissen, welche Rolle der…
Der Vater Pierre stammt aus dem Finistère in der Bretagne – wie sein Vater und dessen Vater. Die Tochter, Anne Berest, ist in Paris aufgewachsen. Und auch wenn sie mit der Familie jeden Sommer an die bretonische Küste fuhr, blieb eine Fremdheit zwischen ihr und dem Vater, der sie in diesem Buch auf die Spur zu kommen sucht. Das Schweigen des Vaters Ihre Recherchen sind ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Berests Vater Pierre ist todkrank. Der hochbegabte Wissenschaftler ging ein Leben lang ganz in seiner Forschung auf und gab sich im Alltag oft schweigsam. Es war die Mutter, Lélia, die dann für die Familie da sein musste. Die Tochter findet Worte, erzählt aus Ahnenzeiten – vom Urgroßvater Eugène, der die erste Agrargenossenschaft in der Region gründete, dem Großvater, Eugène junior, der gegen den Wunsch des Vaters Gymnasiallehrer wurde und später Bürgermeister von Brest. Schließlich ihr Vater, Pierre Berest, der ganz aus der Familientradition ausbrach. In Paris fand der hochintelligente Außenseiter seine Heimat bei den Trotzkisten – und einen einzigen guten Freund, Pierre François. Die Idee der Bifurkation Immer wieder sucht Anne Berest das Gespräch mit dem kranken Vater, von dessen aktivistischer Vergangenheit sie bis dahin nichts ahnte. Wie in…
Mit der jungen Bäuerin Vroni hat die gebürtige Gunzenhauserin Susanne Betz eine starke Frauengestalt ins Zentrum ihrer historischen Romane gestellt. Auf Heumahd folgt nun Johannifeuer . Es hat sich einiges geändert am Grasegger Hof, seit Vroni Anton, einen Sohn der reichen Huberin geheiratet hat. Der Traummann Karg und arbeitsreich ist das Leben der jungen Bäuerin geblieben, und Anton ist weit davon entfernt, ihr Traummann zu werden. Den Platz belegt noch immer der junge britische Arzt Reginald, den der Maler Wilhelm Leibl vor Jahren mit auf den Hof gebracht hat und der so liebevoll mit dem Rosl umgegangen ist. Auch Anton hat das Mädchen mit dem Down-Syndrom, Vronis Stieftochter, als Familienmitglied akzeptiert. Aber sein Liebling ist der Burschi, der Sohn, den Vroni ihm geboren hat. Das Wiedersehen Es scheint alles seinen ruhigen Gang zu gehen auf dem Hof. Doch die Zeiten ändern sich. Die traditionsbewusste Huberin, die so gern Zeitung liest, weiß mehr als die anderen, und sie will teilhaben an der – motorisierten – Zukunft. Gegen Antons Willen fährt sie mit ihrer Lieblingsschwiegertochter Vroni nach München – mit der Bahn. Was für ein Erlebnis! Und während die Huberin das neueste Automobil bestaunt, will sich Vroni eine Ausstellung mit Leibls Bildern…
Da wundern sich die Grimm Brothers: Diese Amerikaner, von denen sie sich einen neuen Märchenschatz erhofft haben, haben keine Ahnung von Literatur! Dabei tut Lucky Luke sein Bestes, um die merkwürdigen Brüder aus Deutschland zufrieden zu stellen. Zum 80. Geburtstag Ja, Lucky Luke ist wieder da, dank Flix und Reinhard Kleist. Sie haben den „Mann, der schneller schießt als sein Schatten“ zum 80. Geburtstag auf eine Märchenreise geschickt. Denn Wilhelm und Jacob Grimm sind im Wilden Westen angekommen und wollen – wie zu Hause in Hessen – in den Salons die Menschen mit ihren gesammelten Märchen verzaubern. Die sagenhaften Daltons Doch das geht gründlich schief, bis die Brüder erkennen, dass sie im Wilden Westen mit Schneewittchen oder Rotkäppchen nicht weit kommen. Die Amerikaner beglückt man wohl am besten mit ihren eigenen Sagen. Und da kommt Ma Dalton ins Spiel, in deren Lügengeschichten ihre vier missratenen Söhne zu sagenhaften Helden werden. Mit unerwarteten Folgen. Denn die Daltons wollen sich nicht nachsagen lassen, sie wären plötzlich anständig geworden… Märchen und Mythen Und so nimmt ein echtes Wildwest-Abenteuer seinen Lauf, in dem man nicht nur bekannten Grimms Märchen begegnet wie „Der gestiefelte Kater“, die „Bremer Stadtmusikanten“ oder „Von einem, der auszog, das Fürchten…
Vater und Sohn allein unterwegs, das kann ganz schön kompliziert sein. In ihrem Roman „Wir gehen mal los“, der eher eine Novelle ist, zeigt Raffaella Romagnolo, wie aus einem Unglück Vertrauen, ja sogar Glück erwachsen kann. Der junge Amedeo hat sich nach dem Tod seiner Mutter total abgekapselt. Verzweifelt versucht der Vater, den Sohn wieder ins Leben zurückzuführen. Eine Bergtour scheint ihm am besten geeignet, Amedeo auf andere Gedanken und ihm näher zu bringen. Der Aufstieg Für den Sohn ist diese Idee abartig, er hält den Vater für einen Idioten. Aber er geht immerhin mit auf die Tour. Und während er sich beim Aufstieg abplagt, denkt er an die tote Mutter. Wie sie sich wohl verhalten hätte? Er denkt an das Mädchen in der Schule, Lucille Colombo, an den kleinen Bruder Lorenzo. Er denkt daran, wie es war, als er die Nachricht vom Unfalltod der Mutter erhielt. Der Vorgeher Vater und Sohn übernachten in einer Schutzhütte und kommen sich über Wortspiele wieder näher. Endlich können sie über den Tod der Mutter reden und über das, was er in ihnen bewegt hat. Auf dem Weg zum Gipfel geht der Vater voran, hilft dem von Höhenangst geplagten Sohn über die ausgesetzten Passagen….
Zoe Dubno traut sich was. Ausgangspunkt zu ihrem Romandebüt „Nur das Allerbeste“ sei Thomas Bernhards Roman „Holzfällen” aus dem Jahr 1984 gewesen, schreibt sie in ihrer Anmerkung am Ende des Buchs. Bernhards bitterböse Satire auf die Wiener Kulturszene sorgte vor 40 Jahren für einen Skandal , wurde sogar kurzzeitig aus dem Buchhandel verbannt. Jetzt also, gut 40 Jahre später, ein Nachhall – in der New Yorker Kunstszene. Anderer Kontinent, anderes Personal. Die Erregte ist eine Frau, der lang erwartete Gast eine Hollywood-Schauspielerin. Geballte Verachtung Und sonst – ist der Roman bewusst einem Gedankenfluss nachempfunden. Die junge Frau auf dem weißen Sofa steigert sich anlässlich eines „Künstleressens“ in immer größere Verachtung hinein. Kein Wunder, findet sie sich doch bei diesem vornehm inszenierten Essen in einem Bohème-Umfeld wieder, vor dem sie vor Jahren geflohen war. Ausgerechnet der Tod Rebeccas, einer gemeinsamen Freundin, führt sie wieder mit ihren früheren Förderern Nicole und Eugene zusammen, die sie früher schrankenlos bewundert hat und inzwischen verabscheut: „Eugene und Nicole waren die reinsten Zauberer für mich, Glücksfeen, die reinsten Götter.“ Je selbstständiger sie wird, desto mehr entzaubern sich die allzu übergriffigen Gönner. Zweifelhafte Moral Von der Couch aus geht die junge Frau mit ihrer ganzen Umgebung ins…