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Rezensionen , Romane / 15. Januar 2026

Was ist mit Hedwig passiert? Christoph Poschenrieder forscht in der Familiengeschichte nach dem Schicksal seiner Großtante, die von den Nazis in der Psychiatrie ermordet wurde. Er zitiert aus den Tagebüchern von Hedwigs Schwester Marie, aus Personalakten, aus medizinischen Ratgebern und dem Buch „Das Weib als Jungfrau“. Irgendetwas muss geschehen sein, dass aus dem „ganz normalen Mädchen“, das lieber mit Bauklötzen als mit Puppen spielte, eine psychotische Frau wurde. Ein Opfer der Euthanasie „Die Hedwig, die haben wohl die Nazis auf dem Gewissen“, sagte Poschenrieders Großvater und legte damit den Keim für dieses Buch, in dem der Schriftsteller versucht, Hedwigs Lebensweg nachzuzeichnen. Als er auf einer „Liste der unnatürlichen Tode“ in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die 2018 ein Expertenteam veröffentlichte, den Namen der Großtante fand, war ihm klar, dass Hedwig eines der Münchner Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie war. Rekonstruktion eines Frauenschicksals Für sein achtes Buch hat der frühere Journalist gründlich recherchiert – auch in Bibliotheken und Archiven. Die Lücken in dem von äußeren Zwängen geprägten Lebenslauf hat der Schriftsteller mit Erfundenem gefüllt, dem „Kitt, der die sogenannten Fakten zusammenhält und manch gewagte Konstruktion stabilisiert“. Entstanden ist die beklemmende Rekonstruktion eines Frauenschicksals um die Jahrhundertwende. Hedwig hatte keine Chance auf ein…

Im Netz der Haɪmlɪk-App
Rezensionen , Romane / 4. Januar 2026

ElinaEines muss man Elina Penner lassen: Ihr Roman „Die Unbußfertigen“ ist am Puls der Zeit. Das Setting ist ein abgelegenes Herrenhaus, in das zehn Menschen, die das Internet erfolgreich gemacht hat, eingeladen sind. Es sind sieben Männer und drei Frauen: Natasch, eine junge Fitness-Influencerin mit dem berühmtesten Arsch und der festen Überzeugung, dass sie nur erntet, was ihr zusteht. Marco, ihr Freund und Manager. Der Rentner Klaus, der mit seinen bissigen Kritiken Hotels und Restaurants in den Ruin getrieben hat. Die Momfluencerin Anny, die skrupellos ihre Kinder vermarktet. Der Stalker Max, der Rechtsradikale Yannik, der Fuckboi Justin, der Macho Sergej. Schließlich Jutta, die sich im Netz als Madam Wisdom präsentiert und mit ihren esoterischen Ratschlägen vor allem Frauen vom oft lebensrettenden Arztbesuch abgehalten hat. Schuld und Sühne Sie alle sind Anhänger der App „Haɪmlɪk“, die alles andere als heimlich ist. Denn wer dort einen höheren Rang erreichen will, darf nichts verheimlichen, muss seine innersten Geheimnisse preisgeben. Das haben sie alle getan. Die Einladung von Haɪmlɪk zu einem exklusiven Wochenende sehen sie anfangs als Belohnung. Doch da liegen sie gründlich falsch: „Ihr habt furchtbare Dinge getan, für die man euch nicht schuldig sprechen kann“, hören sie eine KI-Stimme aus dem alten…

Mörderische Heimatliebe
Rezensionen , Romane / 29. Dezember 2025

Mit dem Roman „Sellemond oder von der Schwierigkeit, Touristen zu töten“ ist Josef Oberhollenzer gleich auf mehreren Ebenen ein Wagnis eingegangen. Schon der Titel provoziert. Und dann erst der Inhalt, der sich alles andere als leicht liest. Das liegt einerseits an der Vorliebe des Autors für Kleinschreibung, andererseits an der überbordenden Fülle der Anmerkungen. Die würde man des Leseflusses wegen zwar gern ignorieren, brächte sich dabei aber nicht nur um interessante Details sondern auch um ein paar Extra-Lacher. Ein Männergespräch Denn der Südtiroler Oberhollenzer, der sich hier ganz locker als Nestbeschmutzer outet, hat durchaus – schwarzen – Humor. Die Geschichte bezieht auch daraus ihre Würze. Eigentlich ist es kaum mehr als ein Gespräch zwischen zwei Männern, die sich nur oberflächlich kennen. Der Ältere, nur F. genannt oder auch Franz Richard, schreibt auf, was der jüngere Sellemond ihm anvertraut – meist im Konjunktiv. Und Sellemond ist nicht nur sehr gesprächig, er bringt auch eine ganze Riege von Geliebten in seinen Erzählungen unter. Da verliert man schon mal den Überblick, auch wenn Josef Oberhollenzer gleich zu Anfang des Buches eine Auflistung aller Personen gemacht hat. Nur Geduld! Wohin die weitschweifigen Gespräche führen werden, wird in einem Zeitungstext mit der reißerischen Titelzeile „Schon…

Na denn, Prost!
Allgemein , Rezensionen , Romane / 21. Dezember 2025

Xavier Kieffer kann‘s nicht lassen. Der luxemburgische Koch, der eigentlich mit seinem kleinen Restaurant eine ruhige Kugel schieben wollte, muss schon wieder der Polizei Konkurrenz machen. Und weil sein Schöpfer Tom Hillenbrand sich den Koch ausgedacht hat, um Skandale im Gastrobereich zu thematisieren beispielsweise gepanschtes Olivenöl oder giftiger Honig, geht es auch diesmal um ein Genussmittel. Ein ganz besonderes: Champagner. Niedergang einer Dynastie Der inzwischen kriminalistisch versierte Koch kommt in „Verhängnisvoller Champagner“ nicht nur betrügerischen Machenschaften um den edlen Tropfen auf die Spur. Er muss auch den Tod eines Freundes und Rivalen aufklären und sich mit der ehemaligen Geliebten Fabienne auseinander setzen. Luc Raiser, früher als Sohn einer Champagner-Dynastie, Held der Köche-Clique, hat das heruntergewirtschaftete Champagner-Gut wohl am Rande der Legalität weiter geführt. Unterstützt wurde er dabei von seiner Frau, Kieffers Ex-Freundin Fabienne. Unfall oder Mord? Beide hat der Koch seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Doch auf einer Gastro-Messe trifft er den alten Freund wieder und willigt ein, sich mit ihm zu treffen. Kieffers Freundin Valerie ist nicht begeistert von der Aussicht, die Ex-Freundin zu sehen. Und dann stirbt Luc vor den Augen des Freundes, begraben unter einer Palette Champagner. Ein Unfall? Oder doch ein perfide geplanter Mord? Legendärer Gründungsmythos…

John Irving und Israel
Rezensionen , Romane / 14. Dezember 2025

In seinem neuen Roman „Königin Esther“ bezieht John Irving dezidiert Stellung zum tragischen Konflikt im Nahen Osten. Der Roman erzählt von einem jüdischen Mädchen, das sich schon als Kind in die Tradition der jüdischen Königin Esther stellt, die einst ihr Volk vor der Vernichtung bewahrt hat. Die kleine Esther lebt im Kinderheim St. Clouds, das der aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ bekannte Dr. Larch führt. Sie ist ein eigensinniges Mädchen, das zu einer selbstbewussten, eigensinnigen Frau heranwächst, nachdem es von der freundlich-liberalen Familie Winslow adoptiert wurde – als Kindermädchen für die jüngste Tochter, Honor. Die Frucht einer Verschwörung Die beiden Mädchen werden engste Freundinnen und hecken miteinander eine erstaunliche Zusammenarbeit aus: Esther soll sich schwängern lassen und ein Kind austragen, das Honor großziehen will. So könnte die jüngste Winslow-Tochter ohne Sex zur Mutter werden. Die Frucht dieser Verschwörung ist James, genannt Jimmy, ein schüchterner Kerl, der behütet in der Großfamilie aufwächst und vom Großvater die Liebe zur Literatur, vor allem zu Dickens, geerbt hat. In Wien, wo er Deutsch lernen soll und darauf hofft, seine stets abwesende leibliche Mutter Esther kennenzulernen, wird Jimmy erwachsen. Wiener Antisemitismus Von Ferne lenkt Esther die Schritte des jungen Mannes, der davon träumt, Schriftsteller…

Einmal Hölle und zurück
Rezensionen , Romane / 7. Dezember 2025

56 Jungs fliehen 1934 aus einer berüchtigten Strafkolonie auf einer bretonischen Insel. Alle werden wieder eingefangen, nur einer nicht – das ist der Ausgangspunkt von Sorj Chalandons mitreißendem Roman „Herz in der Faust“. Er erzählt in dramatischen Szenen von der Hölle eines Jugendknasts, von sadistischen Wärtern und zerbrochenen Kinderseelen. Er erzählt aber auch von einer Hexenjagd biederer Bürger auf Kinder, die schon den Dichter Jacques Prévert zu einem Gedicht in inspiriert hat. Auf Kinderjagd „Chasse à l‘enfant- Jagd auf ein Kind“, geschrieben 1934, handelt vom Aufstand jugendlicher Insassen im Straflager von Belle-Ile-en-Mer. Dort wurden jugendliche Straftäter aber auch Waisen drangsaliert, geschlagen, missbraucht. Am 27. August kam es zur Meuterei – und zum Ausbruch von mehr als 50 Insassen. Auf den Kopf jedes einzelnen wurden 20 Francs ausgesetzt – und nicht nur Einheimische auch Touristen gingen ohne Skrupel auf Kinderjagd. Mit den Augen von Jules 90 Jahre später hat sich der in Tunis geborene Sorj Chalandon dieser Geschichte noch einmal angenommen – und Prévert und sein Gedicht darin integriert. Chalandon erzählt aus der Perspektive eines fiktiven Insassen der Strafkolonie. Jules Bonneau, genannt Kröte, ist ein elternloser Minderjähriger, der schnell wütend wird und den die erlittenen Ungerechtigkeiten gewaltbereit gemacht haben. Aber er…

Auf die Freundschaft
Rezensionen , Romane / 17. November 2025

Stefan Hertmans hat ein Faible für alte Häuser und verwilderte Gärten. Das kommt auch in seinem neuen Roman „Dius“ zum Ausdruck, in dem die Häuser und ihre Umgebung das Seelenleben der Protagonisten spiegeln. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zweier ungleicher Männer. Der Icherzähler Anton ist ein mäßig erfolgreicher Kunst- und Literaturdozent, sein Student Egidius de Bläser, genannt Dius,  ein charismatischer, sprunghafter Typ, der gut bei Frauen ankommt. Trotzdem ist es dieser schwarzgelockte Dius, der seinem Dozenten die Freundschaft nahezu aufnötigt. Zuflucht auf dem Land Widerwillig lässt sich Anton darauf ein. Er befindet sich gerade in einer Beziehungskrise, die der Doktorarbeit, die er schreiben will, nicht förderlich ist. Da bietet ihm Dius Zuflucht in Ganzevliet an, einem alten Gutshaus inmitten eines verwilderten Gartens. Für Anton werden Haus und Garten wie die Gemeinschaft mit Dius eine Art Lebenselixir. Auch als seine Beziehung zerbricht und bald darauf auch die leidenschaftliche Affäre mit der schönen Lys, findet er dort Trost – auch Inspiration. Liebe zur Kunst Die beiden ungleichen Männer eint eine tiefe Liebe zur Kunst. Doch während Dius in der Liebe zum 17. Jahrhundert versinkt, beschäftigt sich Anton mit den Entwicklungen der Kunst in der Neuzeit. Für den Freund, der ihn so großzügig…

Alle Macht der KI
Rezensionen , Romane / 10. November 2025

Als der „Multipurpose Artificial Mind“, kurz MAM, von einem Wissenschaftler in unruhigen Zeiten zum Leben erweckt wird, hoffen alle auf eine bessere Zukunft. MAM sollte das große Ganze im Blick haben, Kriege und Katastrophen verhindern, die bis dahin schon einen Großteil der Erde unbewohnbar gemacht haben. Düstere  Zukunftsvision Melissa C. Hill erzählt in „Evermind – Sie kennt dich“ von einer Zeit weit in der Zukunft: In 200 Jahren leben Menschen in einer unterirdischen City, sie kennen kein Tageslicht, keine frische Luft. Sie kennen auch keine Eltern, keine Familie. Nur MAM, allwissend, allmächtig. Die künstliche Intelligenz wacht über sie, bestimmt ihr Leben. Fragen stellt man besser nicht, wie Livia erfahren muss. Simulierte Realität Gerade 16 geworden, ist sie wie ihre Altersgenossinnen und -Genossen zur Do-it befördert worden – als Mitarbeiterin in der Krankenpflege. Obwohl MAM behauptet, alle von Kindesbeinen an zu kennen mit ihren Vorlieben und ihren Talenten, ist Livia überzeugt davon, im falschen Departement gelandet zu sein. Aber Auszeiten in einer simulierten Realität versöhnen sie immer wieder mit ihrem Alltag. Fakes und Zweifel Und doch beschleichen sie immer mehr Zweifel, die sich noch verstärken, als sie erfährt, dass die vermeintliche Freundin nur ein Fake war, das ihr aus einer Depression…

Schuld und Mitschuld
Rezensionen , Romane / 22. Oktober 2025

John Boyne hat sich viel vorgenommen. Das neueste Projekt „Elemente“ des irischen Autors besteht aus vier Geschichten „Wasser“, „Erde“, „Feuer“ und „Luft“. Sie sind durch das Thema Missbrauch miteinander verbunden . Boyne hat sich vorgenommen, in jeder dieser Geschichten einen Aspekt des Missbrauchs zu beleuchten. Entsprechend ändern die Erzählperspektiven von einer „Enablerin“, die den Missbrauch durch Wegschauen erst ermöglicht, über die eines Komplizen und einer Täterin bis zu der eines Opfers. Schuldig durch Unwissen Im ersten Band „Wasser“ steht Vanessa Carvin im Mittelpunkt, eine Frau Anfang 50, die durch die Taten ihres Mannes ihr bisheriges Leben auf den Kopf gestellt sieht und sich den Folgen durch die Flucht auf eine abgelegene Insel zu entziehen sucht. Mit kurz geschorenen Haaren und neuem Namen will sie sich neu erfinden. Doch in der Einsamkeit der Hütte am Meer drängt sich ihr die Frage auf, ob sie durch Unwissen mitschuldig geworden ist. Nichts sehen, nichts hören John Boyne lässt Vanessa ihr Leben an der Seite ihres erfolgreichen Mannes Revue passieren. Brendan, der Schwimmtrainer, ist ein irischer Macho, der Vanessa ins Korsett einer traditionellen, katholischen Familie zwingt. Sie wird Mutter, bekommt zwei Töchter und scheint mit ihrem Hausfrauendasein zufrieden. Kleine Risse in der gutbürgerlichen Fassade…

Ausgeliefert
Rezensionen , Romane / 16. Oktober 2025

Das Dream Hotel von Laila Lalami kann die Lesenden um den Schlaf bringen, erzählt es doch eine dystopische Geschichte, die erschreckend nah an der Gegenwart ist: Als Sara Hussein von einer Geschäftsreise nach Los Angeles zurückkehrt und den Flughafen verlassen will, wird sie von einem Angestellten des Amts für Risikobewertung aufgehalten und in ein Besprechungszimmer gebracht. Sie wird festgehalten, weil ihr Risikowert zu hoch sei: Die Analyse ihrer Traumdaten habe ergeben, dass sie zur Gefährdung für ihren Ehemann werden könnte. Zu seiner Sicherheit muss sie sich für mindestens einundzwanzig Tage unter Beobachtung begeben – in das Dream Hotel, eine ehemalige Schule. Die Überwachung An Sara ist eigentlich nichts auffällig. Sie arbeitet im Museum, ist verheiratet und hat kleine Zwillingstöchter.  Ihre Eltern kamen vor langer Zeit aus Marokko in die USA. Dass sie als  Gefährderin gelten könnte, ist Sara nie in den Sinn gekommen. Aber in dieser nicht allzu fernen Zeit kann es wohl jedem passieren, dass er auffällig wird. Da gibt es einen Riskscore, der die Gefährlichkeit der Individuen nach einem Algorithmus bewertet, eine nahezu allgegenwärtige OmniCloud und den Dreamsaver, den sich viele – auch Sara – implantieren haben lassen, um wieder durchzuschlafen. Allerdings erlauben die Betroffenen damit der Firma,…